
© Nataliya Vaitkevich
5. Mai 2026
Margit Hiebl
Der Tastsinn ist lebenswichtig: Wie Berührung in Osteopathie, Chirurgie und TCM Diagnosen ermöglicht und Heilung unterstützt

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Mit
Prof. Dr. med. Carina Riediger, MSc
Es ist der allererste Sinn, den wir bereits im Mutterleib entwickeln, und zugleich der letzte, den wir verlieren, wenn wir sterben. Ohne ihn könnten wir nicht (über)leben. Der Tastsinn ist ohne Zweifel eine der genialsten Entwicklungen der Evolution. Mit über 17.000 Rezeptoren können die Fingerspitzen Erhebungen ertasten, die kleiner sind als ein Fünftel Millimeter.
Und für jede Empfindung sind andere Rezeptoren zuständig: Die „Merkel-Zellen“ registrieren feine Druckunterschiede, die „Meissner-Körperchen“ reagieren auf leichte Vibrationen, die „Ruffini-Körperchen“ auf Dehnung und Bewegung und die „Pacini-Körperchen“ auf stärkere Schwingungen. Hinzu kommen noch Thermo- und Schmerz- rezeptoren.
All diese Informationen werden über Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet, das daraus ein erstaunlich präzises Bild formt, das selbst der beste Sehsinn nicht zeichnen könnte. Die Fingerspitzen als hochsensible Wahrnehmungsorgane macht sie auch zum wichtigsten Werkzeug in zahlreichen Heilberufen:
„In der Osteopathie spricht man von Thinking Fingers – denkenden Fingern“, sagt der Münchner Osteopath Andreas Stollreiter. „Man überträgt das Denken in die Fingerspitzen, verlässt für einen Moment den Kopf und lässt sich ganz auf die Wahrnehmung ein.“
Mit den Fingerspitzen „liest“ ein Osteopath den Körper. „Ich spüre Temperatur-unterschiede, ob es Verhärtungen gibt, ob es pulsiert, sich lebendig oder blockiert anfühlt“, erklärt Stollreiter. Ein diagnostischer Gradmesser ist dabei der „Primary Respiratory Mechanism“. Dabei geht es um den sogenannten Liquor, umgangs-sprachlich auch Hirn- oder Nervenwasser genannt – jene 150 ml Flüssigkeit, die im Körper zirkuliert.
Osteopathen erspüren den Liquor im ganzen Körper. Weil er aber Gehirn und Rückenmark umgibt, lässt er sich am stärksten an Kopf und Kreuzbein ertasten. „Er bewegt sich in einer rhythmischen Frequenz acht bis zwölfmal pro Minute. Ist er langsam oder schwach, zeigt es, dass etwas sprichwörtlich nicht im Fluss ist.“ Nach der Behandlung sollte er wieder harmonisch sein, unabhängig davon, wo die Barriere war.
Auf der Suche nach Blockaden ertastet Stollreiter oberflächliche Faszien, tiefere Organschichten oder Knochen. „Ich fange am an, dann führen mich vielleicht schon die Kopffaszien und zeigen, woher die Spannung kommt.“ Weil im , vereinfacht gesagt, alles zusammenhängt, kann es sein, dass die unerklärlichen Nackenschmerzen vielleicht an einem längst vergessenen Stolpern liegen.
Und sich die Fußknochen nach unten geschoben haben, das Wadenbein nach unten zieht, das dann am Traktus zur Hüfte und von dort aus in Richtung Kopf. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Osteopath bei Nackenschmerzen den Fuß behandelt.„Wärme, Bewegung oder eine plötzliche Entspannung unter den Händen zeigen, dass der Körper reagiert und man auf dem richtigen Weg ist.“
Der ideale Moment ist für Stollreiter, wenn er das Gefühl hat, eins mit den Geweben unter seinen Händen zu sein – Stillstand und Bewegung zugleich. Fingerspitzengefühl bedeutet aber auch, rechtzeitig aufzuhören. „Es gibt Behand-ungen, die bricht man nach 30 Minuten ab, weil der Körper nicht mehr Input aufnehmen kann. Manchmal lege ich die Hand auf und spüre sofort, dass ich nicht durchs Gewebe komme“, so Stollreiter.
„Frage ich dann: ‚Darf ich Sie behandeln‘ – und der Patient sagt ‚ja‘, verändert sich alles. Das Nervensystem fährt runter, die Spannung lässt nach.“ Diese kleine Geste wird zum Moment des Vertrauens – und zum Beginn des Heilungsprozesses. „Der Osteopath heilt nicht, er gibt nur dem Körper die Fähigkeit zurück, sich selbst zu heilen“, sagt Stollreiter.
Immer häufiger kommen in der Chirurgie roboterassistierte Verfahren zum Einsatz. Die Präzision ist hoch, die Schnitte klein – doch wie wichtig ist das Fingerspitzengefühl noch, wenn die Hände die Instrumente nur über eine Konsole steuern? „Nicht mehr so wichtig, wie bei offenen Verfahren“, sagt Prof. Dr. Carina Riediger, ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Marienhospital Stuttgart.
„Beim Roboter hat man kein haptisches Feedback, alles wird über das Visuelle gestützt. Das ist tatsächlich einer der Nachteile gegenüber offenen Verfahren, bei denen man spürt, wie sich das Gewebe anfühlt.“ Fehlt einem da nicht was? „Ja, man muss sich als Chirurg sehr umstellen, denn das Gehirn bekommt die Rückmeldung nicht mehr über die Hände, sondern über die visuelle Schiene – das muss man dann erst übersetzen. Aber es ist Gewöhnungssache.“
Zwar biete der Roboter eine 3D-Visualisierung und zehnfache Vergrößerung, „aber es fehlt eine Sinnesqualität“, so Riediger. Wie wichtig diese ist, zeigt sich zum Beispiel in der Leberchirurgie. „Eine Leber hat ganz viele Schattierungen. Zu ertasten, ob eine Leber sehr weich, normal oder hart ist, hilft bei der Entscheidung, wie viel Operation man dem Organ zumuten kann.“ Das gilt auch für den Darm: „Man spürt, ob die Darmwand empfindlich oder robust ist – das hilft einzuschätzen, ob eine lange Naht gut heilen wird.“
Nicht in allen Bereichen bringe der Roboter Vorteile. „Wenn man aber eine lange chirurgische Erfahrung hat, kann diese, gekoppelt mit der exzellenten Optik, viel ausgleichen“, so die Chirurgin. „Dennoch wird man immer abwägen, was für den Patienten vorteilhafter ist und ob die Qualität der Operation beeinträchtigt wird.“
Bei Notfalloperationen oder aufwändigen Leberoperationen würde sie eine offene Operation immer vorziehen. Fingerspitzengefühl spielt für sie aber noch in anderem Kontext eine Rolle: „Ich gebe meinen Patienten die Hand. Das halte ich für sehr wichtig – beim Erstkontakt und auch bei der körperlichen Untersuchung baut das eine Verbindung auf. Wenn man kein gutes Fingerspitzengefühl hat, ist man kein guter Chirurg. Aber genauso wichtig ist das emotionale Fingerspitzengefühl – gerade bei schweren Diagnosen.“
„In der TCM wird die Diagnose im Wesentlichen durch die Betastung des Pulses, aber auch durch die Betrachtung der Zunge und die Befragung der PatientIn erstellt“, sagt Dr. Yumiko L. von Hasselbach vom Fachärztlichen Zentrum für Chinesische Medizin Prof. Hempen und Kollegen in München. „An sechs Pulstaststellen fühlt man die Qualität der Pulswelle in den drei Ebenen. So lassen sich über 30 verschiedene Pulsqualitäten differenzieren, die Rückschlüsse auf den energetischen Zustand liefern.“
Wie sich das konkret anfühlt, beschreibt die Allgemeinmedizinerin und TCM-Ärztin so: „Man drückt an jeder Pulstaststelle – wie ein Klavierspieler – die Pulswelle nach unten und spürt beim langsamen Loslassen, wie sich ihre Qualität in den verschiedenen Ebenen anfühlt.“ Der Puls kann zu tief liegen oder zu oberflächlich sein. „Ist er an der Taststelle des Funktionskreises Lunge zu oberflächlich, deutet das etwa auf den Kampf des Abwehr-Qi bei einem Infekt hin“, sagt sie.
Der Puls kann auch zu langsam oder zu schnell sein. Ist er schnell, weist das auf eine erhöhte Dynamik der Erkrankung hin, zum Beispiel Fieber. Außerdem kann der Puls schwach oder überladen sein – ist er überladen, so deutet das deutet auf krankheitsauslösende Faktoren hin, in der TCM kategorisiert zum Beispiel mit „Wind“, „Kälte“ oder „Hitze“.
Die TCM hat dafür eine traditionelle, sehr bildliche Sprache: „Bei sogenannten Wind-Affektionen fühlt sich der Puls gespannt an wie eine Gitarrenseite – etwa bei einer Erkältung. Ein schwacher, seidenfadenartiger Puls zeigt, dass zu wenig Xue und Säfte fließen. Eine Qi-Stagnation wiederum zeigt sich durch einen überladenen Puls, der wie eine Bohne am Stängel tanzt.
Eine Xue-Stase fühlt sich rau an wie ein Messer, das über Bambus schabt. Ein schlüpfriger Puls hingegen erinnert daran, in eine Schüssel mit Perlen zu greifen – er weist auf eine Schwäche der Mitte hin, etwa bei chronischer Müdigkeit. Auch an der Haut lasse sich viel ablesen: Ob sie kalt, warm, feucht, trocken oder rau ist, ob es Schwellungen oder Verhärtungen gibt, ob das Gewebe schwammig oder fest ist – alles gibt zusätzliche Informationen über den Zu-stand des Organismus.
Der Tastsinn hat in der TCM auch eine therapeutische Seite. „Akupunkturpunkte wer-den mit dem Finger ertastet und lokalisiert, bevor die Nadel gesetzt wird“, erklärt Dr. von Hasselbach. „Auch durch Akupressur lassen sich die Punkte stimulieren.“ So konnte eine Studie der Charité Berlin zeigen, dass allein durch Akupressur passender Akupunkturpunkte Regelbeschwerden gelindert werden.
Tuina, die chinesische manuelle Therapie, nutzt den Tastsinn für die Diagnostik der Störungen in den Leitbahnen und Körperregionen und auch zu deren Behandlung: Mit den Fingern wird gedrückt, gerieben, geklopft, geschoben, gerüttelt, gezogen und gezupft. „So werden Stagnationen und Stauungen von Qi, Xue und Körperflüssigkeiten gelöst – und Schmerzen gelindert.“
„Die manuelle Behandlung ist für mich Ausdruck tiefen Respekts – gegenüber dem größten und, wie ich finde, faszinierendsten Organ unseres Körpers: der Haut“, sagt die Münchner Kosmetikerin Nina Stock. Deshalb arbeitet sie in ihrem Institut fast ausschließlich mit den Händen.
„Man wird auf einer fast meditativen Ebene berührt. Das können Geräte oder Produkte allein nicht leisten.“ Die Massagen fördern den Blut- und Lymphfluss, entspannen die Muskulatur, vertiefen die Atmung und reduzieren Stress. „Selbst das Immunsystem kann davon profitieren.“
Nach über 30 Jahren Behandlungserfahrung folgt sie dabei keinem festen Schema mehr: „Ich kombiniere Techniken und stimme sie individuell ab. Dabei entsteht eine Art Flow – ich lasse mich von meinem Gespür leiten.“ Oft seien es die stillen Momente, in denen das Besondere geschehe:
„Wenn die Hände innehalten, entsteht ein Raum, in dem so etwas wie Urvertrauen spürbar wird – wie bei einem Kind, das man im Arm hält“, sagt sie. Und genau das sei der eigentliche Wert ihrer Arbeit. Das Fingerspitzengefühl wird bei der Gesichtsbehandlung zur zentralen Form der Wahrnehmung.
"Unter den Händen spüre ich, wie sich die mimische Muskulatur nach und nach entspannt. Gewebe, das anfangs fest erscheint und sich schwer verschieben lässt, wird allmählich elastischer, die Haut reagiert lebendiger.“ Die Wärme der Hände unterstütze diesen Prozess, rege die Durchblutung an und verleihe der Haut eine gleichmäßige Temperatur.
„Je nach Druck kann ich in verschiedenen Schichten arbeiten – immer geführt vom Tastsinn, der feinste Veränderungen erspürt.“ Am deutlichsten erlebt sie die Kraft dieser Berührung bei onkologischen Kosmetikbehandlungen. Die Praxis wird dann zum Kraftort.
„Viele meiner Kundinnen und Kunden sind durch die Krankheit und die Therapien verunsichert, das Vertrauen in den eigenen Körper ist erschüttert“, sagt sie. Hinzu kommen die sichtbaren Folgen der Therapien. „Meine Behandlungen sind dann mehr als nur Hautpflege. Sie sind wohltuende Ablenkung und Zuwendung – eine kleine Auszeit von den täglichen Herausforderungen“, so Nina Stock. Die Nebenwirkungen könne sie nur begleiten.