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2. Mai 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Im eigenen Körper anzukommen, ist für viele Menschen ein tiefgreifender Prozess. Moderne Transgender-Operationen eröffnen heute neue Möglichkeiten der körperlichen Angleichung. Der Münchner Chirurg Dr. Wolfgang Funk gibt Einblicke in einen sensiblen Bereich der Medizin.

Ein Interview mit
Dr. Dr. med. Wolfgang Funk
Rund 500.000 Menschen in Deutschland fühlen sich im falschen Körper gefangen. Sie möchten lieber Frau als Mann oder umgekehrt sein. Dr. Dr. med. Wolfgang Funk hat sich in seiner Münchner Schönheitsklinik auf Transgender-Operationen spezialisiert. Der plastische Chirurg hilft transidenten Menschen dabei, sich auch äußerlich dem Geschlecht anzunähern, dem sie sich zugehörig fühlen. Welche Eingriffe den größten Effekt haben, wie er die Vorstellungen seiner Patientinnen und Patienten umsetzt und was künftig möglich sein wird, darüber spricht er im Interview.
Gibt es mehr Transfrauen – also Personen, die bei der Geburt männlich sind und sich im Körper einer Frau wohler fühlen – oder mehr Transmänner?
Eine sehr spannende Frage. Jeder hat immer gedacht, dass es mindestens fifty-fifty ist oder annähernd fifty-fifty. Das war auch einmal so. Bei Menschen, die heute über 30, 35 oder 40 sind, ist die Verteilung noch eher halb-halb. Bei der jüngeren Generation – also etwa zwischen 15 und 30 – ist es schon differenzierter.
Die Transmänner, also geborene Frauen, die zu Männern werden wollen, liegen bei ungefähr 35 %. Die Transfrauen liegen zwischen etwa 25 und 30 bis 35 %, also etwas darunter. Und dann haben wir natürlich noch den ganzen Block der Non-Binären, der mittlerweile dazukommt. Es wird also hoch differenziert – mit einer gewissen Tendenz zur trans Männlichkeit.
Was ist komplizierter – einen Mann optisch in eine Frau zu verwandeln oder eine Frau zum Mann zu machen?
Auch das muss man sehr differenziert sehen. Bei der Transfrau – also einem geborenen Mann – ist es besonders im Gesicht hochkomplex, die Identität entsprechend anzupassen. Auch der Körper und der Genitalbereich sind komplex. Beim Transmann hingegen spielt die Chirurgie oft eine geringere Rolle, weil die Hormongabe, also Testosteron, bereits sehr viel bewirkt: Haarwachstum, Veränderung der Gesichtszüge, Reduktion des subkutanen Fetts. Das macht das Testosteron allein. Chirurgisch steht beim Transmann vor allem die Entfernung der Brust im Vordergrund.
Wie lange dauert diese Transformation insgesamt?
Diese ganze Transition dauert in der Regel vier bis fünf Jahre. Am Anfang steht die Abklärung: Ist es wirklich Transgender oder gehört die Person zu einer anderen Gruppe? Dann beginnt die Hormontherapie, kombiniert mit Psychotherapie. Erst danach folgen die chirurgischen Maßnahmen. Diese dauern etwa zwei Jahre – manchmal auch nur ein Jahr, wenn alles optimal abgestimmt ist.
Gerade im Gesicht haben wir viele ästhetische Zonen: Stirn, Augen, Nase, Mund, Kiefer, Adamsapfel – das sind oft bis zu zehn Eingriffe. Mein Credo ist: Das Gesicht als stärkster Ausdrucksfaktor sollte möglichst in einem Schritt angepasst werden, damit die soziale Integration schneller gelingt.
Was lassen die Menschen in der Regel zuerst machen?
Wichtig ist zunächst, dass absolute Sicherheit besteht. Wenn Unsicherheit da ist, verschiebt man Operationen. Grundsätzlich bestimmt der Patient, was für ihn am wichtigsten ist. Für manche ist die Genitalchirurgie entscheidend, besonders wenn eine starke Ablehnung gegenüber dem eigenen Körper besteht.
Andere stören sich zuerst am Haaransatz, an der Nase oder an den Brüsten. Medizinisch würde man manchmal anders vorgehen, aber oft müssen die sogenannten „Heartbreaker“ zuerst behandelt werden, um eine psychische Stabilisierung zu erreichen.
Sind sich die Patientinnen und Patienten bei Ihnen bereits sicher?
Zu 99,9 %. Sie haben bereits ein bis zwei Jahre Vorbereitung hinter sich. Wer diesen Weg geht, tut das nicht nur aus Überzeugung, sondern aus einem tiefen inneren Muss – um überhaupt als Mensch existieren zu können. Wir sind im Prinzip Helfer, die sie auf diesem Weg begleiten.
Wie alt sind die Patientinnen und Patienten?
Viele berichten, dass sie sich schon mit vier, fünf oder sechs Jahren unwohl gefühlt haben. In etwa 60 bis 70 % der Fälle ist das so. Richtig stark wird das Gefühl oft mit der Pubertät. Operative Eingriffe beginnen in der Regel ab etwa 16 bis 18 Jahren. Früher wäre es aus chirurgischer Sicht manchmal sinnvoll, aber man will vermeiden, zu früh irreversible Entscheidungen zu treffen.
Wie schaffen Sie es, den Vorstellungen Ihrer Patientinnen und Patienten gerecht zu werden?
Das ist ein Zusammenspiel zwischen zwei Menschen. Man hört zu, versucht sich hineinzuversetzen, entwickelt Empathie. Das erste Gespräch besteht vor allem aus Zuhören. Manche bringen Bilder mit – nicht als exakte Vorlage, sondern als Richtung. Dann übersetze ich diese Wünsche in das jeweilige Gesicht. Das ist ein Prozess aus vielen kleinen Schritten. Der wichtigste Punkt ist wirklich: zuhören, fühlen und verstehen – und das Gesagte in eine chirurgische Lösung übersetzen.
Welche Rolle spielt die psychologische Betreuung?
Eine zentrale. Ohne psychologische Diagnose mache ich gar nichts. Die Patienten sind bereits betreut, wenn sie zu mir kommen. Es ist immer ein Zusammenspiel aus Psychologie, Hormontherapie, Chirurgie und sozialem Umfeld. Ich beziehe auch oft Familie oder Freunde mit ein – sie sind Teil der Transition.
Gab es Situationen, in denen Sie eine Operation abgelehnt haben?
Ja, immer wieder. Nicht als klares Nein, sondern eher als: „Du bist noch nicht so weit.“ Wenn ich operiere, muss alles zusammenpassen – der Wunsch des Patienten, mein Verständnis und meine Fähigkeiten. Wenn ich das nicht fühle, mache ich nichts.
Es gibt neue Methoden zur Verkleinerung der Taille. Was ist daran besonders?
Die schmale Taille ist ein klassisches weibliches Merkmal. Es gibt neue Verfahren, bei denen Rippen geschwächt oder teilweise entfernt werden, um die Taille zu formen. Der Patient trägt danach mehrere Monate ein Korsett. Es gibt Risiken, aber die bisherigen Erfahrungen sind sehr gut.
Warum haben Sie sich auf Transgender-Operationen spezialisiert?
Ich bin ein sehr sensibler, aber auch pragmatischer Mensch und habe eine komplexe chirurgische Ausbildung. Aber entscheidend ist die emotionale Komponente: Ich sehe, welchen Einfluss ich auf das Leben dieser Menschen habe. Menschen, die vorher nicht leben konnten, finden zu einem lebenswerten Leben. Das ist unvorstellbar erfüllend. Es ist die Kombination aus medizinischem Können und der Möglichkeit, tiefste Wünsche zu erfüllen – das ist für mich der Inbegriff des Arztseins.