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23. April 2026
PMC Redaktion
Kardiologe PD Dr. Alexander Goedel über den aktuellen Stand der GLP-1-Forschung – und warum das Fahrrad am Ende doch nicht ersetzt werden kann

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Mit
Priv.-Doz. Dr. Alexander Goedel
Wer über moderne Herztherapie sprechen will, muss zunächst eine unbequeme Wahrheit akzeptieren: Deutschland schneidet bei der Lebenserwartung im westeuropäischen Vergleich schlecht ab und belegt einen der hintersten Plätze. Daran hat sich seit Jahren kaum etwas geändert.
Der Hauptgrund ist bekannt, wird aber noch immer unterschätzt: kardiovaskuläre Erkrankungen. Bei der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit führt Deutschland den negativen westeuropäischen Vergleich an.
Dabei wären viele dieser Todesfälle vermeidbar. Jeder dritte Bundesbürger leidet an Bluthochdruck, ähnlich viele rauchen noch immer. Adipositas nimmt zu, körperliche Inaktivität ist weit verbreitet, Diabetes auf dem Vormarsch.
Viele Risikofaktoren entwickeln sich bevölkerungsweit in die falsche Richtung. Dr. Goedel brachte es während seines Vortrags auf der PMC Conference 2026 auf den Punkt: Es gebe „sehr, sehr viele modifizierbare Risikofaktoren, die wir aktiv angehen können – und wo wir viel zu wenig tun“.
Neue kardiologische Leitlinien setzen den relevanten Grenzwert beim Blutdruck bereits bei 120/70 mmHg an. Nicht weil jeder Wert darüber sofort behandlungsbedürftig wäre – sondern weil das Risiko ab diesem Punkt messbar steigt.
Daten aus Korea machen deutlich, wie teuer Zögern werden kann: Patienten, die eine Blutdrucktherapie direkt bei Diagnosestellung begannen, schnitten über einen Nachbeobachtungszeitraum von elf Jahren deutlich besser ab als jene, die die Behandlung nur ein Jahr später starteten. Goedels Fazit war unmissverständlich: „Zuschauen ist keine Option“. Wer Bluthochdruck sieht, muss handeln – sofort.
Dasselbe gilt für das LDL-Cholesterin. Wer mit 40 Jahren beginnt zu behandeln und den Wert dabei nur um ein Drittel senkt, erzielt langfristig bessere Ergebnisse als jemand, der zehn bis fünfzehn Jahre später mit einer leitliniengerechten 50-Prozent-Senkung anfängt. „Diese Zeit kriegen wir nicht zurück“, betonte Goedel.
Die Formel lautet: The sooner, the lower, the better – mit der Einschränkung, dass eine zu aggressive Einstellung der Risikofaktoren auch eigene Risiken bergen kann. Das Entscheidende und Neue sei das sooner.
Wer heute über Typ-2-Diabetes spricht, spricht längst nicht mehr nur über Blutzucker. Der klassische Typ-2-Diabetiker kommt selten allein – er bringt ein ganzes Bündel an Risikofaktoren mit: Bluthochdruck, Übergewicht, gestörte Blutfette, Bewegungsmangel. Dazu wirkt sich Diabetes nicht nur auf die Gefäße aus, sondern erhöht auch direkt die Wahrscheinlichkeit, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln – und ist eng mit Niereninsuffizienz verknüpft, was die kardiovaskulären Probleme weiter verstärkt.
Besonders aufhorchen ließ ein Detail aus Goedels Vortrag: Schon ab einem HbA1c-Wert von 5,5 – was formal noch als normal gilt – zeigte eine große kanadische Beoabachtungsstudie an Menschen ohne Diabetes einen Anstieg der kardiovaskulären Hospitalisierungsrate. Viele Patienten fühlen sich in einem vermeintlich unauffälligen Bereich sicher und knabbern dabei bereits an der Grenze zum Pathologischen.
Und noch ein wichtiger Hinweis zur Zuckereinstellung: Mehr ist hier nicht immer besser. Ein U-förmiger Zusammenhang zeigt, dass eine zu scharfe Einstellung der Blutzuckerwerte bei Diabetikern die Mortalität wieder erhöht. Je älter und fragiler der Patient, desto höher sollte der Zielwert gewählt werden.
Das eigentliche Ziel der modernen Therapie ist deshalb nicht mehr nur Zuckerkontrolle, sondern Beyond Glycemic Control: die metabolischen Veränderungen insgesamt zurückdrängen.
Semaglutid, Liraglutid, Tirzepatid – die Namen kursieren längst weit über Arztpraxen hinaus. Was diese Medikamente von früheren Diabetestherapien unterscheidet, ist ihre systemische Wirkung: Sie greifen nicht an einem einzigen Punkt ein, sondern an mehreren gleichzeitig.
Am Pankreas verbessern sie die Insulinsekretion. An den Blutgefäßen wirken sie direkt blutdrucksenkend – unabhängig vom Gewicht. Im Gehirn dämpfen sie den Appetit. Im Magen-Darm-Trakt verzögern sie die Magenentleerung, was einerseits zur Gewichtsabnahme beiträgt, andererseits die häufigen Nebenwirkungen wie Übelkeit erklärt.
Dazu verbessern sie die Leberwerte, senken die Blutfette, verlangsamen die Plaquebildung in den Arterien – möglicherweise durch anti-inflammatorische Effekte, vergleichbar mit Statinen – und stärken die Nierenfunktion.
Tirzepatid (Mounjaro) kombiniert dabei zwei biologisch getrennte Signalwege und verstärkt damit die Wirkung nochmals. Zwei weitere Substanzklassen erwähnte Goedel als wichtige Ergänzungen: SGLT2-Inhibitoren, die besonders bei Herzinsuffizienz eine große Rolle spielen, sowie Metformin – das älteste Beyond Glycemic Control-Medikament, das den metabolischen Rahmen insgesamt verbessert und deshalb auch in der Longevity-Medizin zunehmend Beachtung findet.
Die Datenlage ist beeindruckend: Große, methodisch saubere Studien belegen einhellig, dass bei Patienten mit Typ-2-Diabetes unter GLP-1-Agonisten Herzinfarktrate, kardiovaskuläre Sterblichkeit und Schlaganfallhäufigkeit sinken. Eine Metaanalyse mit fast 100.000 Patienten zeigt zudem: Diesen Vorteil haben auch Menschen ohne Diabetes – etwa bei Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz oder Adipositas.
Und dennoch mahnte Goedel zur Einordnung. Die Number Needed to Treat – also wie viele Patienten behandelt werden müssen, um ein Ereignis zu verhindern – lagen in einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse für den kombinierten kardiovaskulären Endpunkt bei 66, für die kardiovaskuläre Sterblichkeit sogar bei 170.
Die Medikamente seien gut und die Daten solide, „aber nicht ganz so gut, wie es aktuell manchmal dargestellt wird“. Gerade angesichts der Kosten sei Realismus angebracht.
Einer der interessantesten Aspekte des Vortrags betraf Wirkungen, die weit über Herz und Stoffwechsel hinausgehen. Eine große Registerstudie untersuchte, welche Symptomkomplexe bei GLP-1-Patienten ab- oder zunehmen. Das Ergebnis: Substanzmissbrauch nahm ab, depressive Erkrankungen wurden seltener, suizidale Gedanken gingen zurück – das Gegenteil dessen, was zeitweise befürchtet worden war.
Zusätzlich wurden weniger chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Sepsis-Fälle und bakterielle Infektionen beobachtet. Goedel fasste es nüchtern zusammen: Diese Medikamente täten den Patienten „etwas Gutes, was nicht erklärbar ist durch eine reine Zuckerkontrolle“.
Wie alle Medikamente haben auch GLP-1-Agonisten Schattenseiten. Am häufigsten sind gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Aufstoßen, verlangsamte Magenentleerung. Hinzu kommen Schlafstörungen sowie Gelenk- und Muskelbeschwerden. Ebenso statistisch erhöht: das Risiko einer akuten Pankreatitis.
Besondere Wachsamkeit ist bei zwei spezifischen Risiken geboten: ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Schilddrüsenkarzinome sowie ein potenziell erhöhtes Risiko für NAION – eine akute Augengefäßerkrankung, die zur Erblindung führen kann. Auch wenn die Datenlage diesbezüglich noch nicht abschließend ist, so gehöre laut Goedel, eine regelmäßige interdisziplinäre ärztliche Kontrolle zur Therapiebegleitung dazu.
Einen Punkt hob Goedel mit besonderer Dringlichkeit hervor: den Verlust von Muskelmasse. Jede Form der Gewichtsreduktion – ob durch Diät oder Medikamente – reduziert nicht nur Fett, sondern auch Muskeln. Dabei möchte man eigentlich nur das Fett loswerden.
Eine Studie mit Liraglutid macht das Problem und seine Lösung anschaulich: Nach einer stark restriktiven Diätphase (800 kcal/Tag, acht Wochen, minus 14 kg) wurden verschiedene Strategien zur Gewichtsstabilisierung verglichen. Placebo führte zur Wiederzunahme.
Bewegung allein zeigte kurzfristig Wirkung, die sich aber nicht hielt. Liraglutid allein stabilisierte länger. Klar überlegen war nur die Kombination aus Liraglutid und strukturiertem Training: Hier sank die Fettmasse dauerhaft, während die Muskelmasse gleichzeitig zunahm.
Das ist keine Empfehlung, sondern eine Warnung: GLP-1-Medikamente ohne Bewegungsbegleitung können gefährlich sein. Gerade ältere Patienten, die nur die Spritze bekommen, verlieren Muskelmasse, werden bewegungsunfähiger und geraten in eine Abwärtsspirale. Goedel sagte es deutlich: Das sei „für manche Patienten potenziell gefährlich“. Die Medikamente seien „kein Ersatz“ für Bewegung.
Auch das subjektive Wohlbefinden spiegelt das wider: Es sank bei alleiniger GLP-1-Therapie messbar, blieb bei Bewegung stabil und stieg in der Kombination sogar über das Niveau reinen Trainings hinaus. Das Ziel ist klar definiert: Fettmasse reduzieren, Muskelmasse erhalten oder aufbauen – und das geht nur gemeinsam.
GLP-1-Medikamente eröffnen eine neue Klasse von Therapien, die das metabolische Syndrom als Ganzes adressieren. Darin liegt ihr eigentlicher Wert – und genau darin liegt auch die Herausforderung. Wer systemisch eingreift, dreht an vielen Rädern gleichzeitig.
Kardiologie, Endokrinologie, Augenheilkunde, Psychiatrie, Sportmedizin: Alle Disziplinen sind gefragt. „Das kann kein Kardiologe alleine machen und auch kein Endokrinologe alleine“, betonte Goedel. Es brauche ein funktionierendes Netzwerk, damit Patienten rundum gut versorgt sind.
Und am Ende, nach all den Studien, Wirkmechanismen und Risikoprofilen, brachte Dr. Goedel die vielleicht wichtigste Botschaft des Abends auf den Punkt – trocken und mit einem Augenzwinkern: „So vielversprechend die neuen Therapien auch sind, ein bisschen Fahrradfahren schadet nicht.“