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12. Februar 2026
PMC Redaktion
Kann man Diabetes vorbeugen? Und kann die Krankheit bald geheilt werden? Diabetologin Dr. Alexandra Dr. Schoeneich über wissenschaftliche Durchbrüche – und welche Therapien schon heute das Leben von 11 Millionen Deutschen verändern

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Ein Interview mit
Dr. med. Alexandra Schoeneich
Diabetes gilt als Volkskrankheit. Rund 11 Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Wie man mit dieser Stoffwechselerkrankung möglichst ohne Einschränkungen leben kann und ob die Krankheit in Zukunft heilbar sein wird, erklärt Dr. Alexandra Schoeneich, Fachärztin für Endokrinologie, Diabetologie und Innere Medizin im Diabetes-, Hormon- und Stoffwechselzentrum am Isar Klinikum München.
Diabetes wird als Volkskrankheit bezeichnet. Was genau ist damit gemeint?
Dr. Schöneich: Dass Diabetes eine der häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland und die Inzidenz leider weiter steigend ist.
Es gibt Diabetes Typ 1, 2, 3 sowie Schwangerschafts- und Gestationsdiabetes. Sind die Anzeichen bei allen die gleichen?
Dr. Schöneich: Ja. Es kommt zu einem erhöhten Blutzucker.
Können Sie kurz erklären, worin sich die Typen unterscheiden und wie viele Menschen prozentual davon betroffen sind?
Dr. Schöneich: Typ-2-Diabetes ist der häufigste aller Diabetes-Typen und tritt zu 95% der Fälle auf. Das ist ein Diabetes-Typ, der schleichend über viele Jahre entsteht. Deshalb ist hier die Prävention entscheidend und sehr, sehr wichtig. Letztlich entwickelt sich der Typ-2-Diabetes über eine Insulinresistenz. Insulin ist eigentlich dafür zuständig, dass der Blutzucker im Blut stabil gehalten wird.
Wenn das Insulin nicht mehr so gut wirkt, wird der Zucker weniger in die Zellen aufgenommen. Es kommt zu einem Blutzuckeranstieg, und das bezeichnen wir als Insulinresistenz. Wenn die Insulinresistenz über sehr viele Jahre besteht, entwickelt sich zusätzlich ein Insulinmangel.
Die Bauchspeicheldrüse wird schwächer und kann weniger Insulin produzieren und somit auch freisetzen. Der Blutzucker steigt weiter an. Der Typ-2-Diabetes wird außerdem begünstigt durch Bewegungsmangel, Gewichtszunahme oder auch Übergewicht. Deshalb ist hier die Prävention so entscheidend.
Und wie sieht es bei Typ 3 aus?
Dr. Schöneich: Zuerst komme ich noch mal kurz zum Typ-1-Diabetes, eine seltene Diabetesform. Das ist eine Autoimmunerkrankung und betrifft nur etwa 5% der Diabetes-Erkrankungen. Der Typ-1-Diabetes tritt vor allem im Kindesalter und jungen Erwachsenenalter auf, kann aber prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten.
Diese Autoimmunerkrankung führt dazu, dass Antikörper im Körper gebildet werden, die zu einer Zerstörung der Betazelle, also der insulinproduzierenden Zelle in der Bauchspeicheldrüse, führen. Es kommt dann zu einem Insulinmangel. Dieser Diabetes-Typ bedarf immer einer Insulintherapie.
Wie kann man diese Krankheit als Eltern erkennen?
Dr. Schöneich: Es gibt mittlerweile klinische Studien, die untersuchen, ob es Sinn macht, jedes Kind nach der Geburt auf diese Antikörper zu testen, um gerade so schwere Verläufe zu verhindern. Weitere Anzeichen sind Lethargie, Schwäche, Müdigkeit, viel Durst. Die Kinder trinken extrem viel und lassen auch extrem viel Wasser, werden immer schwächer.
Und jetzt komme ich zu Diabetes Typ 3: Dieser fasst eigentlich alle Diabetesformen zusammen, die nicht Typ 1 oder Typ 2 zuzuordnen sind. Der bekannteste oder häufigste ist wahrscheinlich der, der auftritt, wenn die Bauchspeicheldrüse operativ ganz entfernt oder teilweise entfernt wird. Das nennt man dann Pankreas-Diabetes.
Kann man Folgeerkrankungen von Diabetes durch gezielte Therapie verhindern?
Dr. Schöneich: Diabetes hat leider sehr schwere Folgeerkrankungen. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfälle und Herzinfarkte, aber auch periphere Durchblutungsstörungen, Nierenschäden, Augenschäden und auch Nervenschäden, die zu starken Schmerzen im Bereich der Beine und Füße führen können. Das Gute: Durch ein gutes Zuckermanagement und eine engmaschige Betreuung kann das Risiko von Folgeerkrankungen erheblich reduziert werden.
Wir betreuen Diabetespatienten sehr engmaschig. Sie stellen sich in der Regel alle drei Monate in der diabetologischen Praxis vor. Dort wird die Niere und der Zuckerwert der letzten drei Monate kontrolliert. Außerdem ist es natürlich sehr wichtig, den Lifestyle zu verändern oder entsprechend anzupassen.
Man kann durch vermehrte Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf die Entwicklung der Typ-2-Diabetes-Erkrankung aufhalten oder sogar ganz vermeiden. Durch interdisziplinäre Arbeit der Ärzte untereinander können Folgeerkrankungen zumindest lange aufgeschoben und manchmal sogar ganz verhindert werden.
Also wird hier interdisziplinär gearbeitet?
Dr. Schöneich: Absolut. Der Augenarzt mit dem Nierenarzt mit dem Neurologen – der diabetologische Patient ist ein wirklich interdisziplinärer Patient.
Als Betroffene oder Betroffener hat man eigentlich keinen Tag Pause von dieser Krankheit. Hat das nicht immense Auswirkungen auf die Psyche?
Dr. Schöneich: Absolut – wie jede chronische Erkrankung. Das Risiko, eine Depression zu entwickeln, ist doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung. Auch leiden die Diabetiker häufig unter Angststörungen. Meiner Meinung nach hat ein gut informierter Patient allerdings weniger Raum für Ängste und Traurigkeit. Da kommt den betreuenden Ärzten eine wichtige Rolle zu.
Sie bieten in der Klinik eine diabetologische Sprechstunde an. Was sind die häufigsten Fragen, die hier gestellt werden? Und womit haben Betroffene am meisten zu kämpfen?
Dr. Schöneich: Viele Patienten haben gerade nach der Erstdiagnose wahnsinnig Angst vor Insulin. Allerdings muss man sagen, dass der häufigste Krankheitstyp ja Typ-2-Diabetes ist, der sich langsam entwickelt. Und da haben wir jetzt zum Glück extrem viele neue Therapieoptionen, sodass das Insulin als Therapie eigentlich immer weiter nach hinten rutscht.
Insulin bedeutet für die Patienten, ganz häufig Blutzucker zu messen. Sie haben natürlich Angst, in der Lebensqualität erheblich eingeschränkt zu werden. Manchmal ist initial eine Insulintherapie notwendig, die man dann aber eben auch wieder aufhören kann.
Wie kann man erkennen, ob man ein Risikopatient für Diabetes ist? Welche Untersuchungen sind hier maßgeblich wichtig?
Dr. Schöneich: Da die Genetik beim Typ-2-Diabetes eine große Rolle spielt, mehr als beim Typ-1-Diabetes, kann man generell sagen: Wenn ein enger Verwandter in der Familie unter Typ-2-Diabetes leidet, also Eltern oder Geschwister, dann ist das Risiko erhöht. Andere Risikofaktoren sind Übergewicht, wenig Bewegung, ungesunde Ernährung.
Mittlerweile weiß man, dass der Lifestyle fast eine größere Rolle spielt. Und das ist ja, wie ich finde, die gute Nachricht – dass wir Einfluss darauf haben, denn auf die Genetik haben wir keinen. Höchstens vielleicht über die Epigenetik. Der Lifestyle ist der größte Einfluss auf unseren Zuckerstoffwechsel.
Stichwort Prävention: Wie kann ich Diabetes vorbeugen?
Dr. Schöneich: Zum Beispiel durch regelmäßige Checks. Wir haben gute Screeningparameter. Dazu gehört der HbA1c-Wert, ein Wert, der die Zucker-Stoffwechsellage der letzten drei Monate widerspiegelt. Diesen kann jeder Hausarzt messen.
Desweiteren haben wir Diabetologen noch einen Funktionstest, den wir durchführen können – der oGTT, der orale Glukosetoleranztest, den wir auch bei Schwangeren grundsätzlich durchführen als Screening-Test auf Gestationsdiabetes. Dabei wird der Körper mit 75 Gramm Glucose belastet und man misst nach einer Stunde und nach zwei Stunden den Glukosespiegel, den Zuckerspiegel, aber auch den Insulinspiegel.
Welche Meilensteine der letzten Jahre in der Diabetestherapie sind Ihrer Meinung nach besonders wichtig?
Dr. Schöneich: Eine bahnbrechende neue Technologie ist die kontinuierliche Glukosemessung. Das heißt, der Patient kriegt eine Art Aufkleber in der Größe eines 1-Euro-Stückes auf den Oberarm. Der Sensor funktioniert 14 Tage lang, misst kontinuierlich den Blutzucker des Patienten und spielt die Zuckerwerte aufs Handy oder auf ein kleines Gerät. Das bedeutet, der Patient ist in der Lage, 14 Tage lang 24 Stunden lang den Zucker zu messen.
Es ist wirklich erstaunlich, was man dabei aufdeckt an Ernährungsfehlern, die einem gar nicht so bewusst waren. Auch Patienten, die Insulin bekommen, sind damit viel weniger unterzuckerungsgefährdet, weil sie die ganze Zeit ihren Zucker monitoren können. Das ist wirklich für jeden ein Riesenvorteil, der Diabetes hat und eine Insulintherapie macht.
Zum anderen haben wir viele neue Medikamente, die wichtigsten sind die SGLT-2-Inhibitoren. Das sind Medikamente, die eine vermehrte Zuckerausscheidung über den Urin herbeiführen. Das heißt, der Patient scheidet den Zucker aus und somit wird der Blutzucker kontinuierlich gesenkt. Weitere Medikamente sind die GLP-1-Analoga. Das sind Darmhormone, die zu einer Zucker-Normalisierung führen, die aber gleichzeitig auch das Gewicht reduzieren können. Wie das Medikament Ozempic.
Zum Abschluss würde ich gern in die Zukunft blicken. Man spricht davon, dass sich Diabetes vielleicht sogar heilen lässt. Wie sehen Sie das?
Dr. Schöneich: Sagen wir so: Die Forschung ist auf einem guten Weg. Es laufen klinische Studien zu verschiedenen Immuntherapien, also Therapien, die sozusagen unser Immunsystem umprogrammieren, so dass es gar nicht erst zu einer Zerstörung der Inselzellen durch Immun-Antikörper kommt oder dass zumindest die Zerstörung aufgeschoben werden kann. Dann wird versucht, aus Stammzellen insulinproduzierende Zellen herzustellen, die dann quasi transplantiert werden können, um die Insulinproduktion im Körper zu übernehmen. Ich blicke optimistisch in die Zukunft.

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Marianne Waldenfels