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12. Februar 2026
Marianne Waldenfels
Kann man sein Gehirn gegen Demenz trainieren wie einen Muskel? Eine 20-Jahres-Studie mit knapp 3.000 Teilnehmern liefert eine überraschend klare Antwort: Ja – mit der richtigen Methode
Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Regelmäßiges Gehirntraining könnte das Risiko, an Demenz zu erkranken, für bis zu 20 Jahre deutlich reduzieren. Eine umfangreiche Langzeitstudie liefert nun die bisher stärksten Belege dafür, dass kognitives Training tatsächlich dauerhafte Veränderungen im Gehirn bewirken kann.
Die im Journal "Alzheimer's & Dementia" veröffentlichte Forschungsarbeit ist eine Langzeit-Nachuntersuchung der ACTIVE-Studie (Advanced Cognitive Training for Independent and Vital Elderly). Das Ergebnis verblüfft selbst Experten: Teilnehmer, die über einen Zeitraum von drei Jahren insgesamt bis zu 23 Stunden ein spezielles Geschwindigkeitstraining absolvierten, hatten ein um 25 Prozent geringeres Risiko, innerhalb von 20 Jahren an Alzheimer oder anderen Demenzformen zu erkranken.
An der vom National Institutes of Health (NIH) finanzierten ACTIVE-Studie nahmen knapp 3.000 Menschen ab 65 Jahren teil. Die Probanden stammten aus sechs verschiedenen geografischen Regionen der USA und wiesen zu Beginn keine signifikanten kognitiven Beeinträchtigungen auf. Etwa 25 Prozent der Teilnehmer gehörten ethnischen Minderheiten an, die Mehrheit waren Frauen – eine wichtige Gruppe, da Frauen fast doppelt so häufig an Alzheimer erkranken wie Männer.
Die Teilnehmer wurden verschiedenen Trainingsgruppen zugeordnet:
Zunächst absolvierten alle Trainingsgruppen bis zu zehn Sitzungen über fünf Wochen, jeweils zweimal wöchentlich für 60 bis 75 Minuten. Etwa die Hälfte der Teilnehmer erhielt zusätzlich Auffrischungssitzungen über einen Zeitraum von drei Jahren.

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Marianne Waldenfels
Das verblüffende Ergebnis: Nur die Teilnehmer des Geschwindigkeitstrainings, die auch die Auffrischungssitzungen absolvierten, profitierten von dem Schutzeffekt. Gedächtnis- und Logiktraining zeigten keine Wirkung gegen Demenz.
Beim Geschwindigkeitstraining lernten die Teilnehmer, visuelle Informationen schneller und präziser zu verarbeiten. Sie mussten Objekte auf einem Bildschirm rasch identifizieren und Entscheidungen über sie treffen – ähnlich wie beim Autofahren, wenn man gleichzeitig verschiedene Dinge im peripheren Sichtfeld wahrnimmt und blitzschnell entscheiden muss, was wichtig ist und was nicht.
Warum gerade diese Form des Trainings schützt, ist noch nicht vollständig geklärt. Eine mögliche Erklärung liegt im Unterschied zwischen implizitem und explizitem Lernen. Implizites Lernen betrifft unbewusste Fähigkeiten wie Fahrradfahren, während explizites Lernen sich auf das bewusste Aneignen von Fakten bezieht – etwa Vokabeln lernen.
Das Geschwindigkeitstraining könnte langanhaltende Veränderungen im Gehirn bewirken – ein Phänomen, das als Neuroplastizität bekannt ist. Damit ist die Fähigkeit des Gehirns gemeint, sich im Laufe des Lebens durch Lernen anzupassen und neu zu vernetzen.
Ein weiterer möglicher Mechanismus ist der Aufbau der sogenannten kognitiven Reserve. Diese beschreibt die Fähigkeit eines gesunden Gehirns, den Auswirkungen einer beginnenden Demenz zu widerstehen. Sie wird über die Zeit durch Faktoren wie Bildung, geistig stimulierende Aktivitäten und soziale Interaktion aufgebaut.
Das in der Studie verwendete Geschwindigkeitstraining ist heute als Übung namens "Double Decision" über das Online-Abonnementprogramm BrainHQ verfügbar. Basierend auf den Studienergebnissen würde Albert es vorerst Menschen über 65 Jahren empfehlen – analog zur Altersgruppe in ihrer Studie.
Da Hirnveränderungen, die mit Alzheimer in Verbindung stehen, jedoch Jahrzehnte vor Ausbruch der Krankheit beginnen können, profitieren auch jüngere Menschen von einem frühen Trainingsbeginn.
In den USA leben derzeit rund 7 Millionen Menschen mit Alzheimer. In Deutschland sind aktuell etwa 1,8 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen, davon vermutlich rund 1,2 Millionen allein mit einer Alzheimer‑Erkrankung – und mit ihnen Millionen Angehörige, die mit den Folgen im Alltag leben müssen. Jedes Jahr kommen schätzungsweise 364.000 bis 445.000 Neuerkrankungen hinzu – Tendenz steigend, weil die Bevölkerung älter wird
Die gute Nachricht: Laut einem Bericht der Lancet Commission von 2024 könnten fast die Hälfte aller Demenzfälle durch das Angehen bestimmter Risikofaktoren verzögert oder reduziert werden.
Hörtest durchführen lassen – Hörverlust ist ein Risikofaktor für Demenz.
Stoffwechselrisiken managen – Cholesterin, Blutzucker und Blutdruck im Griff behalten.
Sehschwäche korrigieren – Sehverlust gilt als Risikofaktor für Demenz.
Regelmäßig bewegen – Sport erhöht die Durchblutung und versorgt das Gehirn mit Nährstoffen. Besonders effektiv: Kombination aus körperlicher und geistiger Aktivität, etwa ein Meeting während eines Spaziergangs oder kognitives Training auf dem Heimtrainer.
Gürtelrose-Impfung erwägen – Eine wachsende Zahl von Studien deutet darauf hin, dass die Gürtelrose-Impfung vor kognitivem Abbau schützen könnte. Eine große Studie aus dem Jahr 2025 fand heraus, dass geimpfte Personen über einen Zeitraum von sieben Jahren ein um 20 Prozent geringeres Demenzrisiko hatten.
Die bisher vorliegenden Daten zeigen: Geschwindigkeitstraining kann das Risiko statistisch senken, garantiert aber nicht, dass eine Demenz ausbleibt. Es ist ein sinnvolles Werkzeug – aber immer nur Teil eines Gesamtpakets aus Bewegung, gesunder Ernährung, Behandlung von Risikofaktoren und sozialer Aktivität.