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14. April 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Übergewicht gehört zu den häufigsten Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall – wird aber oft unterschätzt. Ein Arzt erklärt, wie Ozempic und Wegovy wirken und warum sie mehr ist als ein Lifestyle-Trend

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Ein Interview mit
Prof. Dr. Uwe Nixdorff
Übergewicht gilt noch immer als persönliches Problem – dabei ist es längst eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit. Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes: Die Folgen sind gravierend und werden dennoch oft unterschätzt.
Einer, der sich seit Jahren damit beschäftigt, ist der Internist und Kardiologe Prof. Dr. med. Uwe Nixdorff. In seinem European Prevention Centers (EPC) in Düsseldorf begleitet er Patienten engmaschig – mit Diagnostik, Lebensstilberatung und zunehmend auch medikamentösen Therapien wie den sogenannten Abnehmspritzen.
Im Gespräch erklärt er, warum viszerales Fett so gefährlich ist, wie GLP-1-Medikamente wirken – darunter Wirkstoffe wie Semaglutid, bekannt unter Markennamen wie Ozempic oder Wegovy – und weshalb er Übergewicht als „eigentliche Pandemie“ bezeichnet.
Sie haben einmal gesagt, die nachhaltigere Pandemie als Corona ist die Adipositas. Warum ist Übergewicht so gesundheitsschädlich?
Das ist in der Tat so, und das möchte ich noch einmal deutlich unterstreichen. Das hat in den letzten Jahren auch noch einmal sehr zugenommen. Die Pandemie des Übergewichts und der Adipositas wird immer noch am BMI gemessen, dem Body-Mass-Index. Der ergibt sich aus dem Körpergewicht, dividiert durch die Körpergröße zum Quadrat.
Das ist allerdings nicht ganz ideal, muss man sagen. Das kann sich auch jeder Laie vorstellen, denn dieser BMI nimmt keine Rücksicht auf die Zusammensetzung des Körpers. Nehmen wir zum Beispiel einen Bodybuilder: Der hat viel Muskulatur und kann trotzdem einen hohen BMI haben – durchaus auch über 30, was ja bereits als Adipositas definiert ist.
Zur Einordnung: Übergewicht liegt zwischen 25 und 30, Adipositas beginnt ab 30 und wird dann weiter unterteilt in verschiedene Stufen.
Entscheidend ist vor allem das Fettgewebe – insbesondere das Fett im Bauchraum, das sogenannte viszerale Fett. Das ist eigentlich der Regelfall: Viele Übergewichtige haben Fettablagerungen nicht nur unter der Haut, sondern auch im Bauchraum.
Ich sehe das täglich in der Praxis bei Check-up-Untersuchungen mit Bildgebung: Fett findet sich zwischen den Organen, aber auch in den Organen selbst. Besonders wichtig ist dabei die Fettleber, die sogenannte Steatosis hepatis, die wir heute auch als metabolisch assoziierte Fettlebererkrankung bezeichnen. Darin steckt bereits, dass es sich um ein Stoffwechselproblem handelt.
Auch die Bauchspeicheldrüse ist häufig verfettet. Dieses viszerale Fett ist deshalb so ungünstig, weil es hochaktiv ist. Es ist nicht einfach nur „abgelagert“ und vielleicht ein ästhetisches Problem, sondern hat eine erhebliche biologische Wirkung.
Wenn die Fettzellen größer werden, schütten sie vermehrt Interleukine und Zytokine aus – also Entzündungsmediatoren. Diese gelangen in die Blutbahn und greifen die Gefäßwände an.
Das führt zu dem, was uns in der Präventivkardiologie besonders beschäftigt: zur Arteriosklerose. Wenn dieser Prozess über Jahre anhält, entstehen daraus die bekannten kardiovaskulären Erkrankungen.
International spricht man von atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen, abgekürzt ASCVD. Dazu gehören vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall.
Und hier muss man ganz klar sagen: In den westlichen Industrieländern stehen diese Erkrankungen nach wie vor an erster Stelle der Todesursachen – deutlich vor Krebs. Viele Menschen haben große Angst vor Krebs, was verständlich ist, aber tatsächlich sterben etwa doppelt so viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wird das Risiko oft unterschätzt?
Ja, definitiv. Man hört oft von niedrigen Sterblichkeitsraten von zwei bis drei Prozent. Aber diese Zahlen beziehen sich nur auf Patienten, die lebend ins Krankenhaus kommen.
Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Viele Menschen sterben bereits vor dem Krankenhaus. Epidemiologisch gesehen ist immer noch etwa die Hälfte der Herzinfarkte tödlich.
In der klinischen Medizin wird das oft nicht ausreichend berücksichtigt. Die Fortschritte in der Kardiologie sind enorm – viele Patienten können heute erfolgreich behandelt werden. Aber das gilt eben nur für diejenigen, die es überhaupt rechtzeitig in medizinische Behandlung schaffen.
Zunächst einmal handelt es sich dabei um Peptide, die auch natürlicherweise im Körper vorkommen. Ich erlebe häufig, dass Menschen Angst haben, es würden ihnen „Chemikalien“ verabreicht – aber so ist es nicht.
Es geht hier um das sogenannte GLP-1, das „Glucagon-like Peptide-1“. Dieses wird im Darm gebildet und hat dort eine wichtige regulierende Funktion. Wenn man zum Beispiel eine größere Mahlzeit zu sich nimmt, wird der Darm aktiviert und produziert dieses Hormon in den neuroendokrinen Zellen. Dieses GLP-1 gelangt dann in die Blutbahn und übernimmt mehrere Aufgaben:
Es fördert das Sättigungsgefühl im Gehirn – man hat also schlicht weniger Hunger. Gleichzeitig wird die Magenentleerung verlangsamt. Das führt dazu, dass man schneller satt ist und länger satt bleibt.
Im Grunde sorgt dieses System ganz natürlich dafür, dass wir nicht zu viel essen.
Ein weiterer, aus meiner Sicht besonders wichtiger Punkt, ist der Einfluss auf den Stoffwechsel – insbesondere auf den Insulinhaushalt. Insulin sorgt dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen aufgenommen wird.
Bei übergewichtigen Menschen besteht häufig eine sogenannte Insulinresistenz. Vereinfacht gesagt: Die Rezeptoren, an denen Insulin wirkt, nehmen nicht in gleichem Maße zu wie das Körpergewicht. Dadurch kann Insulin nicht mehr effektiv arbeiten – und genau hier setzt GLP-1 regulierend an.
Und wie schnell zeigt sich die Wirkung von GLP-1-Medikamenten?
Die Wirkung setzt sehr schnell ein – im Grunde innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten. Das ist auch sinnvoll, weil der Körper so sehr fein auf Nahrungsaufnahme reagieren kann.
Die Pharmaindustrie hat dieses Prinzip weiterentwickelt. Durch gezielte Anpassungen ist es gelungen, die Halbwertszeit dieser Wirkstoffe deutlich zu verlängern. Dadurch müssen die Medikamente nicht ständig verabreicht werden. Heute ist es deshalb möglich, diese sogenannten Abnehmspritzen nur einmal pro Woche zu geben.
Das hängt vom jeweiligen Präparat ab, denn die Wirkstoffe unterscheiden sich in ihrer Effektivität. Ein bekanntes Beispiel ist Semaglutid, vielen unter dem Namen Ozempic geläufig. Damit lässt sich im Durchschnitt eine Gewichtsreduktion von etwa 15 Prozent erreichen.
Neuere Substanzen gehen noch darüber hinaus, weil sie mehrere Wirkmechanismen kombinieren. Dazu gehören sogenannte GIP-Agonisten, also glucoseabhängige insulinotrope Polypeptide, die den Effekt von GLP-1 ergänzen.
Ein Beispiel ist Tirzepatid, das bereits stärker wirkt. Noch weiter gehen sogenannte Tripel-Agonisten, bei denen zusätzlich der Glukagon-Rezeptor aktiviert wird. Hier sprechen wir mittlerweile von Gewichtsreduktionen von bis zu 25 Prozent.
Damit bewegen wir uns in einem Bereich, der früher nur durch bariatrische Chirurgie erreichbar war – also durch operative Eingriffe wie Magenverkleinerungen. Prozentual sind die Effekte inzwischen tatsächlich vergleichbar.
Was faszinierend ist – was man heute alles erreichen kann.
Absolut. Ich bin Internist und damit ein konservativer Mediziner. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe operative Eingriffe wie Magenverkleinerungen immer kritisch gesehen.
Natürlich haben diese Verfahren ihre Berechtigung und sind evidenzbasiert – gerade bei stark ausgeprägter Adipositas. Aber es bleibt ein sehr invasiver Eingriff.
Wenn wir heute medikamentöse Möglichkeiten haben, die ähnliche Effekte erzielen, dann sollte die Chirurgie aus meiner Sicht wirklich die allerletzte Option sein – wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind.
Die häufigste Nebenwirkung ist Übelkeit. Das ist etwas, das relativ oft auftritt. In manchen Fällen kann es auch bis zum Erbrechen gehen.
Meine persönliche Erfahrung über mehrere Jahre ist allerdings sehr positiv: Viele Patienten vertragen die Therapie gut und berichten sogar von keinerlei Nebenwirkungen.
Wenn Nebenwirkungen auftreten, dann meist zu Beginn der Behandlung. Sie klingen in der Regel nach einigen Tagen wieder ab.
Genau aus diesem Grund wird die Therapie langsam gesteigert. Man beginnt mit einer niedrigen Dosis und erhöht diese schrittweise – meist monatlich. Dadurch lassen sich Nebenwirkungen deutlich besser kontrollieren und vermeiden.
Es gab immer wieder Berichte, dass Ozempic oder Mounjaro zu Sehschäden führen können. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Das Thema ist vor einigen Jahren aufgekommen, weil einzelne Fälle beschrieben wurden, bei denen es zu einer Entzündung des Sehnervs kam. Daraufhin wurde intensiver geforscht. Der aktuelle Stand ist, dass ein klarer ursächlicher Zusammenhang bislang nicht eindeutig belegt ist.
Ganz ausschließen kann man es aber möglicherweise auch nicht. Wichtig ist dabei: Andere Augenerkrankungen, wie etwa die diabetische Retinopathie oder auch das Glaukom, können durch diese Medikamente eher günstig beeinflusst werden.
Wir führen in unserem Zentrum auch telemedizinische Augenuntersuchungen durch, in Zusammenarbeit mit der Klinik in Erlangen. Deshalb habe ich durchaus Einblick in entsprechende Befunde. In meiner eigenen Praxis habe ich solche Nebenwirkungen bislang nicht gesehen.
Die Abnehmspritze ist verschreibungspflichtig und eigentlich für Diabetes und Adipositas gedacht. Dennoch nutzen sie auch Menschen ohne medizinische Indikation. Was sagen Sie solchen Patienten?
Das kommt in meiner Praxis tatsächlich eher selten vor. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben eine klare medizinische Indikation, also ausgeprägtes Übergewicht.
Grundsätzlich gilt: Bei normalem Gewicht ist diese Therapie nicht angezeigt. Ich setze sie in solchen Fällen auch nicht ein. Ich hatte ja schon erwähnt, dass der BMI nicht immer das ideale Maß ist. Ich persönlich halte den Taillenumfang für sehr aussagekräftig – bei Frauen sollte er etwa bei 80 bis 85 Zentimetern liegen.
Ist das nicht trotzdem ein Medikament, das vor allem Menschen mit höherem Einkommen zugutekommt?
Zunächst einmal gibt es klare medizinische Indikationen – und in diesen Fällen werden die Kosten auch von den Krankenkassen übernommen. Das betrifft vor allem den Diabetes mellitus Typ 2.
Man darf nicht vergessen: Adipositas und Diabetes hängen eng zusammen. Häufig entwickelt sich aus einer langfristigen Insulinresistenz schließlich ein Typ-2-Diabetes. Und genau das ist Teil dieser „Pandemie“, über die wir gesprochen haben.
Medizinisch ist das hochrelevant. Ein Diabetiker hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – etwa Herzinfarkt. Prognostisch wird Diabetes inzwischen ähnlich ernst bewertet wie eine bereits bestehende koronare Herzkrankheit.
Die Indikation für diese Medikamente ergibt sich also klar aus der medizinischen Situation:
Neu ist auch, dass aktuelle europäische Leitlinien den Einsatz dieser Medikamente noch stärker betonen – insbesondere bei Patienten mit bestehenden atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Kombination mit Diabetes.
Das zeigt: Diese Therapie ist längst nicht nur ein „Lifestyle-Thema“, sondern hat eine klare medizinische Relevanz.
Die Therapie ist nicht günstig. Je nach Präparat liegen die Kosten aktuell bei etwa 300 bis 400 Euro pro Monat, bei neueren Wirkstoffen teilweise auch darüber.
Wenn keine klare medizinische Indikation vorliegt, müssen Patienten diese Kosten selbst tragen. Die Krankenkassen – auch private – sind hier eher zurückhaltend.
In meiner Erfahrung werden die Kosten in der Regel nur übernommen, wenn tatsächlich ein Diabetes mellitus vorliegt. Bei Vorstufen wie Insulinresistenz ist es bislang sehr schwierig, eine Kostenübernahme zu erreichen – selbst mit entsprechender ärztlicher Begründung.
Wie lange verwendet man die Spritze?
Grundsätzlich so lange, bis das Normalgewicht erreicht ist. Da bin ich sehr konsequent – wie in der gesamten Präventivmedizin. Ich arbeite mit klaren Zahlen und Fakten, nicht mit Ausreden.
Das Ziel ist ein BMI unter 25. Wobei ich auch betonen möchte: Der BMI allein ist nicht ideal. Wichtiger sind zusätzliche Messwerte wie das Taille-Hüft-Verhältnis oder – noch besser – die Körperzusammensetzung.
Wir arbeiten standardmäßig mit Bioimpedanz-Analysen. Dabei wird genau erfasst, wie sich der Körper zusammensetzt – also wie viel Fettmasse, Muskelmasse und insbesondere viszerales Fett vorhanden ist. Genau dieses viszerale Fett ist ja unser eigentliches Ziel.
Ich sehe meine Patienten unter der Therapie alle zwei bis drei Monate. Wir machen regelmäßig Analysen und auch Blutuntersuchungen, um zum Beispiel die Insulinresistenz zu überprüfen.
Das ist eine sehr wichtige Frage. Es kann zu einem Jojo-Effekt kommen – und der kann unter Umständen sogar stärker ausfallen als bei klassischen Diäten. Deshalb ist es entscheidend, die Therapie immer mit einer intensiven Lebensstilberatung zu begleiten – und zwar von Anfang an.
Dazu gehören vor allem:
Gerade Bewegung ist aus meiner Sicht zentral, weil viele Menschen sich im Alltag zu wenig bewegen. Ohne Aktivität werden Zucker und Fettsäuren nicht ausreichend verbrannt. Auch Stress spielt eine große Rolle, weil er oft zu ungesünderen Verhaltensweisen führt.
Man darf nicht vergessen, in welcher Situation sich viele Betroffene befinden. Es handelt sich oft um Menschen, die über Jahre oder Jahrzehnte kein normales Gewicht mehr hatten. Adipositas ist heute klar als Erkrankung anerkannt – und sollte auch so behandelt werden.
Wenn diese Patienten durch die Therapie erstmals wieder deutlich Gewicht verlieren, entsteht oft ein enormer Motivationsschub. Viele erleben das wie einen Neuanfang.
Ich habe Patienten, die sagen: „Ich habe ein zweites Leben bekommen.“ Und genau diesen Moment gilt es dann zu nutzen, um langfristig etwas zu verändern.
Vieles wird aktuell noch erforscht – welche Entwicklungen sehen Sie?
Ein spannendes Feld ist die Anti-Aging-Medizin. Da stehen wir noch am Anfang, aber es laufen bereits wichtige Studien – etwa zu Metformin und seinem möglichen Einfluss auf Alterungsprozesse.
Auch bei den GLP-1-Agonisten gibt es neue Erkenntnisse, die über die reine Gewichtsreduktion hinausgehen. Eine wichtige Studie ist die sogenannte SELECT-Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Dort wurden Patienten mit bestehenden atherosklerotischen Erkrankungen untersucht – auch ohne Diabetes. Ein Teil erhielt das Medikament, der andere ein Placebo.
Das Ergebnis war beeindruckend: Der kombinierte Endpunkt aus tödlichem und nicht tödlichem Herzinfarkt sowie Schlaganfall konnte um etwa 20 Prozent reduziert werden. Das zeigt sehr klar: Diese Medikamente haben protektive Effekte auf verschiedene Organe. Besonders relevant ist das für das Herz, aber auch für die Nieren.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die entzündungshemmende Wirkung. In der Präventivmedizin spielt Inflammation eine zentrale Rolle – und genau hier setzen diese Medikamente ebenfalls an.
Zusätzlich sehen wir positive Effekte auf den Blutdruck und sogar auf die Blutgerinnung. Insgesamt handelt es sich also um eine Therapie mit mehreren sich ergänzenden Wirkmechanismen.