
© Ann Tarazevich
1. Juni 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Viele Patient:innen erleben zu Beginn von Antidepressiva mehr Angst, Unruhe oder Übelkeit. Psychiater Prof. Andreas Menke erklärt, warum das häufig normal ist – und warum Durchhalten wichtig sein kann

Mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke
Wer wegen einer Depression Hilfe sucht und ein Antidepressivum verschrieben bekommt, hofft meist auf schnelle Erleichterung. Umso verunsichernder ist es, wenn plötzlich genau das Gegenteil passiert: Die Angst wird stärker, die innere Unruhe nimmt zu, der Schlaf verschlechtert sich oder es kommt sogar noch Übelkeit hinzu.
Viele Betroffene fragen sich dann, ob das Medikament überhaupt wirkt. Tatsächlich erleben zahlreiche Patienten genau diese schwierige Anfangsphase. Laut dem Psychiater Prof. Dr. med. Andreas Menke, ärztlicher Direktor der Klinik Medical Park Chiemseeblick, ist das zunächst kein ungewöhnliches Zeichen, sondern oft Teil der normalen Anpassung des Körpers an das Medikament.
„Ja, es kann den Betroffenen erst mal schlimmer gehen und dann erst wieder besser“, erklärt Menke.
Wenn eine mittelgradige bis schwere depressive Episode vorliegt und die Indikation für ein Antidepressivum besteht, sollte die Behandlung laut Menke „einschleichend“ beginnen. Das bedeutet: Die Therapie startet zunächst mit einer niedrigen Dosis. Erst wenn das Medikament gut vertragen wird, wird die Menge langsam gesteigert.
Dieses vorsichtige Vorgehen empfehlen auch medizinische Leitlinien zur Behandlung von Depressionen. Der Grund dafür: Gehirn und Körper reagieren empfindlich auf Veränderungen der Botenstoffe. Antidepressiva greifen in komplexe Signalprozesse ein, vor allem rund um Serotonin und Noradrenalin. Der Organismus braucht deshalb Zeit, um sich anzupassen.
„Der Körper soll sich erstmal an das Medikament gewöhnen“, sagt Menke. Wer zu schnell mit einer hohen Dosis starte, riskiere deutlich stärkere Nebenwirkungen. Der langsame Einstieg könne dagegen helfen, Beschwerden abzumildern. „So ist sogar die Möglichkeit da, dass es kaum Nebenwirkungen gibt.“
Besonders häufig kommt es zu Problemen in den ersten Tagen bei sogenannten SSRI – den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Diese Medikamente gehören zu den am häufigsten eingesetzten Antidepressiva weltweit.
„Diese können die Unruhe, die Anspannung oder auch die Angst zunächst verstärken“, erklärt Menke. Für viele Patienten ist das schwer auszuhalten, gerade weil Angst und innere Anspannung oft ohnehin schon zu den belastendsten Symptomen einer Depression gehören.
Hinzu kommen mögliche körperliche Nebenwirkungen wie:
Wie stark Nebenwirkungen auftreten, hängt laut Experten stark vom jeweiligen Medikament ab. Während SSRI eher aktivierend wirken können, haben andere Präparate wiederum andere typische Effekte. „Mirtazapin kann beispielsweise Appetit- und Gewichtszunahme verursachen“, erklärt Menke.
Je nach Wirkstoffklasse treten unterschiedliche Anfangsreaktionen auf:
Deshalb gebe es nicht „das eine“ Antidepressivum für alle Patienten. Ärzte müssten individuell entscheiden, welches Medikament zu den Beschwerden, dem Alltag und möglichen Vorerkrankungen passt. Auch Alter, Stoffwechsel, weitere Medikamente und persönliche Empfindlichkeit spielten eine Rolle.
Ein häufiger Fehler sei laut Experten die Erwartung, dass Antidepressiva sofort helfen müssten. Tatsächlich dauert es oft mehrere Wochen, bis die volle Wirkung erreicht wird.
„In der Regel nach vier bis sechs Wochen“, sagt Menke. Für Betroffene bedeutet das: Gerade die Anfangszeit erfordert Geduld, auch wenn die Beschwerden zunächst belastender wirken als zuvor. Viele Patienten brechen die Behandlung deshalb frühzeitig ab. Genau das könne jedoch problematisch werden.
„Sofern die Nebenwirkungen nicht dramatisch sind, sollte man erstmal abwarten und das Antidepressivum weiternehmen“, betont Menke. Leichte Beschwerden zu Beginn seien häufig vorübergehend. Viele Symptome besserten sich nach einigen Tagen oder Wochen wieder deutlich.
Wer Medikamente dagegen immer sofort absetzt, sobald erste Nebenwirkungen auftreten, gerät laut dem Psychiater schnell in einen problematischen Kreislauf. „Wenn man bei den ersten Anzeichen von leichten Nebenwirkungen das Medikament gleich wieder absetzt, dann hat man irgendwann alle ausprobiert und keine Möglichkeit mehr.“
Wichtig sei deshalb vor allem eines: eine enge ärztliche Begleitung. Denn auch wenn Anfangsreaktionen häufig normal seien, müsse immer individuell geprüft werden, ob ein Medikament gut vertragen wird oder ob Dosis und Präparat angepasst werden sollten.
Experten raten dazu, Nebenwirkungen ernst zu nehmen und Veränderungen offen anzusprechen. Besonders wichtig ist eine differenzierte Einschätzung.
Was häufig vorübergehend ist:
Wann sofort ärztliche Hilfe nötig ist:
Antidepressiva können vielen Menschen helfen. Doch gerade die ersten Wochen der Behandlung verlangen oft Geduld, ärztliche Begleitung und das Wissen, dass eine vorübergehende Verschlechterung nicht automatisch bedeutet, dass die Therapie scheitert.
Bei den meisten Patienten bessern sich leichte Nebenwirkungen innerhalb von ein bis zwei Wochen deutlich oder verschwinden ganz.
Die volle antidepressive Wirkung tritt in der Regel nach vier bis sechs Wochen ein.
Leichte Nebenwirkungen zu Beginn sind oft normal. Bei starker Verschlechterung, massiver Unruhe oder Suizidgedanken sollte sofort ärztliche Hilfe gesucht werden.
Nein. Antidepressiva sollten niemals ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden. Ein abruptes Absetzen kann zu Rückfällen oder Absetzsymptomen führen.
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. SSRI gelten häufig als Mittel der ersten Wahl, die Verträglichkeit ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.