
© Pexelas/Ali Dashti
10. Juli 2026
Marianne Waldenfels
Mehrere Studien bringen Eiscreme überraschend mit einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung. Was hinter dem Eiscreme-Paradox steckt
Eiscreme gilt als Inbegriff eines ungesunden Lebensmittels: viel Zucker, viel Fett, viele Kalorien. Umso erstaunlicher ist, dass ausgerechnet Eiscreme in mehreren großen Langzeitstudien immer wieder mit einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wurde.
Hat Eis also einen besseren Ruf verdient als bisher? Oder steckt hinter den Schlagzeilen etwas ganz anderes?
Der überraschende Befund ist in der Ernährungsforschung seit Jahren bekannt und hat sogar einen Namen: Ice Cream Paradox. Gemeint ist die Beobachtung, dass Menschen, die regelmäßig Eis essen, in einigen Studien gesundheitlich besser abschneiden als erwartet.
Besonders häufig wird eine Auswertung der Health Professionals Follow-Up Study zitiert. Darin wurden mehr als 40.000 Männer über viele Jahre begleitet. Das überraschende Ergebnis: Teilnehmer, die mindestens zweimal pro Woche Eiscreme aßen, entwickelten seltener einen Typ-2-Diabetes als Männer, die kaum oder gar kein Eis konsumierten.
Ein ähnliches Bild zeigte sich in einer weiteren Analyse mit rund 16.000 Menschen, die bereits an Typ-2-Diabetes erkrankt waren. Wer bis zu zwei Portionen Eis pro Woche verzehrte, erlitt im Studienzeitraum seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Teilnehmer, die seltener Eis aßen.

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Zwei unterschiedliche Studien, zwei verschiedene Fragestellungen – und dennoch ein vergleichbares Muster. Genau das machte die Ergebnisse so bemerkenswert.
So spannend die Daten sind: Sie bedeuten nicht, dass Eiscreme gesund ist oder sogar vor Krankheiten schützt.
Der entscheidende Punkt ist, dass es sich um Beobachtungsstudien handelt. Sie zeigen Zusammenhänge, können aber keine Ursache nachweisen. Mit anderen Worten: Nur weil zwei Dinge gemeinsam auftreten, heißt das noch lange nicht, dass das eine das andere verursacht.
Gerade in der Ernährungsforschung ist das ein großes Problem. Menschen unterscheiden sich in unzähligen Faktoren, etwa bei Bewegung, Körpergewicht, Schlaf, Einkommen, Rauchverhalten oder ihrer gesamten Ernährung. All das kann die Ergebnisse beeinflussen.
Hinzu kommt ein Effekt, der in solchen Studien immer wieder eine Rolle spielt: Menschen mit Übergewicht, Prädiabetes oder anderen Stoffwechselproblemen verzichten häufig bewusst auf Süßigkeiten oder reduzieren ihren Zuckerkonsum.
Im Rückblick kann dadurch der Eindruck entstehen, dass Menschen, die Eis essen, gesünder sind – obwohl tatsächlich der Gesundheitszustand das Essverhalten verändert hat. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als Reverse Causation, also umgekehrte Kausalität.
Auch die Datenerhebung hat ihre Grenzen. Die meisten Ernährungsstudien beruhen auf Fragebögen, in denen sich Teilnehmer an ihre Essgewohnheiten über Monate oder sogar Jahre erinnern sollen. Solche Angaben sind naturgemäß nicht immer exakt.
Dass Eiscreme in einigen Studien überraschend gut abschneidet, bedeutet nicht automatisch, dass die Ergebnisse völlig zufällig sind. Diskutiert werden durchaus verschiedene Erklärungsansätze.
Anders als viele Süßigkeiten enthält Eis nicht nur Zucker, sondern auch Fett und Eiweiß. Dadurch kann der Blutzucker langsamer ansteigen als nach dem Verzehr reiner Zuckerprodukte.
Ebenso ist denkbar, dass Eiscreme in manchen Ernährungsgewohnheiten andere Desserts ersetzt, die ungünstiger zusammengesetzt sind.
Viele Ernährungswissenschaftler vermuten jedoch, dass nicht das Eis selbst den Unterschied macht, sondern andere Faktoren des Lebensstils der Menschen, die gelegentlich Eis essen. Solche Einflüsse lassen sich selbst in großen Studien nie vollständig herausrechnen.
Wer jetzt hofft, häufiger Eis essen zu können, ohne sich Gedanken um seine Gesundheit zu machen, wird enttäuscht sein. Die bisherigen Daten zeigen lediglich einen statistischen Zusammenhang, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Bis heute gibt es keine hochwertigen randomisierten Studien, die einen schützenden Effekt von Eiscreme auf Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen belegen. Für den Alltag lässt sich daraus deshalb vor allem eines ableiten: Eine Kugel Eis ist kein Gesundheitsrisiko, wenn sie Teil einer insgesamt ausgewogenen Ernährung ist.
Das Eiscreme-Paradox macht vor allem deutlich, wie vorsichtig überraschende Schlagzeilen aus der Ernährungsforschung interpretiert werden sollten. Ernährung ist komplex. Einzelne Lebensmittel lassen sich kaum isoliert bewerten – und genau das zeigt das Eiscreme-Paradox eindrucksvoll.