
© Nataliya Vaitkevich
7. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Biohacking verspricht mehr Energie, bessere Regeneration und ein längeres gesundes Leben. Osteopath und Physiotherapeut Andreas Stollreiter erklärt, welche Methoden wissenschaftlich sinnvoll sind und warum Osteopathie die Grundlage erfolgreichen Biohackings sein kann
Biohacking boomt. Eisbäder, Höhentraining oder Rotlichttherapie gelten für viele als Schlüssel zu mehr Energie, besserer Regeneration und einem langen gesunden Leben. Ziel des Biohackings ist es, die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu verbessern und die natürlichen Regulations- und Selbstheilungsprozesse des Körpers zu unterstützen.
Doch welche Methoden sind tatsächlich sinnvoll – und warum reichen technische Anwendungen allein oft nicht aus?
Osteopath, Physiotherapeut und Heilpraktiker Andreas Stollreiter verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Mit seinem Holy Physics Health-Konzept verbindet er Osteopathie, moderne Regulationstherapie und ausgewählte Biohacking-Methoden. Im Interview erklärt er, warum der Körper zunächst wieder ins Gleichgewicht gebracht werden muss, weshalb Stress aus seiner Sicht die größte gesundheitliche Herausforderung unserer Zeit ist und welche einfachen Maßnahmen jeder selbst im Alltag helfen können.
Herr Stollreiter, Biohacking begegnet einem inzwischen überall. Was verstehen Sie darunter?
Im Grunde geht es darum, Wissenschaft und Technologie zu nutzen, um die eigenen Körperfunktionen wieder effizienter arbeiten zu lassen. Für mich ist Biohacking die Kunst und Wissenschaft, die Umgebung um uns und auch in uns so zu verändern, dass wir wieder mehr Kontrolle über unsere eigene Biologie bekommen.
Warum das heute so wichtig ist? Weil unser Körper täglich vielen Belastungen ausgesetzt ist – Umweltgiften, Pestiziden, Herbiziden, psychischem und körperlichem Stress, Medikamenten und vielen weiteren Einflüssen. Biohacking soll dabei helfen, den Körper wieder in Richtung Gesundheit und Langlebigkeit zu bringen.
Welche Biohacking-Methoden setzen Sie selbst regelmäßig ein?
Zu meinen wichtigsten Methoden gehört das Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training, also ein spezielles Höhentraining. Dabei liegt man entspannt auf einer Liege und trägt eine Atemmaske. Über die Sauerstoffzufuhr wird ein Aufenthalt in großer Höhe simuliert – bis zu etwa 6.000 Metern. Dadurch sinkt die Sauerstoffsättigung zeitweise kontrolliert ab.
Das Interessante ist, dass sich in einem ganz bestimmten Bereich der Sauerstoffsättigung körpereigene Prozesse aktivieren, die sich positiv auf viele Funktionen auswirken können. Anschließend wird wieder Sauerstoff zugeführt. Dieses Wechselspiel beeinflusst unter anderem die Mitochondrien und damit die Energieversorgung der Zellen.
Für wen eignet sich ein solches Training?
Das Spektrum ist erstaunlich breit. Da ist zum Beispiel der ältere Herr, der mit seinem Sohn noch einmal den Kilimandscharo besteigen möchte und sich optimal vorbereiten will. Gleichzeitig kommen Menschen mit Bluthochdruck oder Patientinnen und Patienten, die nach einer Covid-Erkrankung noch Einschränkungen der Lungenfunktion haben.
Grundsätzlich gibt es drei Bereiche, auf die das Training besonders wirkt: das Herz-Kreislauf-System, die Stressregulation und die zellulären Stoffwechselprozesse. Über die Herzratenvariabilität kann man beispielsweise sehr gut erkennen, wie der Körper auf Stress reagiert und das Training entsprechend individuell anpassen.
Auch ältere Menschen oder Parkinson-Patienten können davon profitieren. Entscheidend ist allerdings, dass man genau weiß, wie man die Methode richtig einsetzt.
Viele verbinden Biohacking vor allem mit Eisbaden. Sie selbst sind ebenfalls ein großer Fan davon. Warum?
Eisbaden gehört für mich tatsächlich zu den Klassikern. Ich habe überall, wo ich mich regelmäßig aufhalte, eine Möglichkeit zum Eisbaden – zu Hause, in der Praxis oder im Zillertal. Ich versuche, drei- bis fünfmal pro Woche ins kalte Wasser zu gehen.
Wenn sich im Winter die Gelegenheit ergibt, nutze ich auch einen See oder Fluss. Meine Frau verdreht inzwischen schon die Augen, wenn wir irgendwo unterwegs sind und ich sofort nach einer Möglichkeit suche, ins Wasser zu gehen.
Wie lange sollte man im Eiswasser bleiben, damit gesundheitliche Effekte entstehen?
Aus medizinischer Sicht und nach der bisherigen Studienlage reichen etwa drei bis vier Minuten bei einer Wassertemperatur von drei bis vier Grad. In diesem Bereich lassen sich die positiven Effekte auf den Körper erzielen.
Ich bin allerdings kein Freund davon, daraus einen Wettkampf zu machen. Manche sitzen sechs, acht oder zehn Minuten im Eiswasser. Das muss aus gesundheitlicher Sicht nicht sein. Viel wichtiger ist, den Körper anschließend wieder aktiv aufzuwärmen – durch Bewegung und nicht, indem man sofort in die Sauna oder unter die heiße Dusche geht.
Deshalb sieht man nach dem Eisbaden oft Menschen, die sich langsam bewegen oder qigongähnliche Übungen machen. So wärmt sich der Körper aus eigener Kraft wieder auf.
Was passiert beim Eisbaden eigentlich im Körper?
Durch die Kälte sinkt die Körperkerntemperatur leicht ab. Das Blut wird zunächst verstärkt zu den lebenswichtigen Organen wie Herz und Gehirn geleitet und anschließend wieder in die Peripherie zurückgepumpt. Dadurch werden Stoffwechsel und Immunsystem angeregt und der Körper aktiviert seine eigenen Regulationsmechanismen.
Ein weiterer interessanter Effekt betrifft das Fettgewebe. Regelmäßige Kältereize können dazu beitragen, dass mehr braunes Fettgewebe aktiviert wird. Dieses gilt als stoffwechselaktiver als weißes Fett und erhöht den Energieverbrauch des Körpers. Das passiert allerdings nicht nach zwei oder drei Eisbädern, sondern nur, wenn man Kälte regelmäßig in seinen Alltag integriert.
Wie häufig sollte man Eisbaden?
Es gibt mittlerweile Studien, die zeigen, dass bereits ein echtes Eisbad pro Woche ausreichen kann, wenn man an den übrigen Tagen kalt duscht. Damit lassen sich ähnliche Effekte erzielen wie bei deutlich häufigeren Eisbädern.
Das ist aus meiner Sicht eine gute Nachricht. Nicht jeder hat täglich Zugang zu einer Eistonne oder einem kalten See. Einmal pro Woche ein Eisbad und an den übrigen Tagen eine kalte Dusche sind für viele Menschen deutlich realistischer.
Nicht jede Biohacking-Methode ist wissenschaftlich ausreichend untersucht. Gibt es Trends, denen Sie eher kritisch gegenüberstehen?
Ich bin grundsätzlich kein Freund von Quick Fixes, also von Maßnahmen, mit denen man möglichst schnell ausgleichen möchte, was man über Monate oder Jahre seinem Körper zugemutet hat.
Ein gutes Beispiel sind Infusionen. Ich probiere vieles selbst aus und setze solche Verfahren auch ein. Aber die Grundlage sollte immer sein, den Körper zunächst wieder in seine eigene Regulation zu bringen. Dazu gehören Entgiftung, die Regulation des Säure-Basen-Haushalts, die Darmgesundheit und eine funktionierende Zellregulation.
Erst wenn die Zellen wieder gut arbeiten können, machen Nahrungsergänzungsmittel oder Infusionen überhaupt richtig Sinn. Es bringt wenig zu glauben: Ich war jetzt drei Wochen auf dem Oktoberfest, lasse mir eine Infusion geben und dann ist alles wieder gut. So funktioniert Gesundheit nicht.
Welche Biohacking-Methoden gehören aus Ihrer Sicht zu den wissenschaftlich am besten belegten?
Ich arbeite grundsätzlich nach dem Prinzip: spürbar, sichtbar und messbar. Natürlich gibt es auch Methoden, bei denen die Studienlage noch begrenzt ist. Gleichzeitig sehe ich im Praxisalltag immer wieder, dass Menschen von bestimmten Maßnahmen profitieren. Und manchmal gilt eben auch: Wer heilt, hat recht.
Bei den Methoden, die ich selbst regelmäßig einsetze – beispielsweise Fasten, Rotlicht- und Infrarottherapie, Sauna, Eisbaden oder Intervall-Hypoxie-Training –, gibt es wissenschaftliche Untersuchungen.
Gleichzeitig messe ich bei meinen Patienten viele Parameter vor und nach der Behandlung, etwa die Körperzusammensetzung, die Herzratenvariabilität oder Stressmarker wie den Cortisolspiegel. So kann ich objektiv nachvollziehen, wie der Körper auf bestimmte Interventionen reagiert.
Sie kombinieren in Ihrem Konzept Osteopathie mit Biohacking. Warum gehören diese beiden Ansätze für Sie zusammen?
Das ist eigentlich das Geheimnis meines Konzepts. Ich glaube, genau deshalb funktioniert es so gut.
Mich hat an der Osteopathie immer gestört, dass manche glauben, man könne allein mit den Händen alles lösen. Das stimmt natürlich nicht. Gleichzeitig ist mit Osteopathie unglaublich viel möglich. Sie ist für mich keine einzelne Behandlungstechnik, sondern eine Philosophie. Es geht immer um Körper, Geist und Seele und darum, den Organismus wieder in seine natürliche Regulation zu bringen.
Genau das ist aus meiner Sicht die Voraussetzung dafür, dass Biohacking überhaupt funktionieren kann. Eigentlich ist Osteopathie die Mutter des Biohackings.
Was meinen Sie damit konkret?
Nehmen wir Müdigkeit oder Energielosigkeit. Das betrifft heute sehr viele Menschen. Häufig greifen sie dann sofort zu Nahrungsergänzungsmitteln – etwa Mariendistel oder anderen Präparaten – und hoffen, dass es dadurch besser wird.
Ich frage zuerst: Warum funktioniert der Körper im Moment nicht optimal?
In der Osteopathie versuchen wir zunächst, die Voraussetzungen zu schaffen. Wir stellen zum Beispiel die Beweglichkeit der Leber wieder her, wenn sie eingeschränkt ist. Wir schauen uns den Darm an, das Zwerchfell als wichtigste Pumpe des Körpers und auch die Wirbelsäule, über die die Nerven die Organe versorgen.
Wenn all diese Strukturen wieder gut zusammenarbeiten, kann der Körper Nahrungsergänzungsmittel oder andere therapeutische Maßnahmen oft viel besser nutzen. Deshalb gehören Osteopathie und Biohacking für mich untrennbar zusammen.
Osteopathie gilt vielen Menschen als schwer greifbar. Wie erklären Sie Ihren Patienten, was dabei eigentlich passiert?
Osteopathie ist tatsächlich sehr philosophisch. Viele denken dabei an jemanden, der einfach die Hände auflegt. So ist es aber nicht.
Ein Osteopath entwickelt über viele Jahre ein sehr feines Tastgefühl. Ich vergleiche das gerne mit einem blinden Menschen, der sich auf seinen Tastsinn verlassen muss und dadurch Dinge wahrnimmt, die andere gar nicht bemerken. Genauso lernt ein Osteopath, kleinste Spannungen und Bewegungen im Körper zu erspüren.
Gleichzeitig leben wir heute in einer Welt, in der Menschen Zahlen und Messwerte sehen möchten. Deshalb verbinde ich die klassische Osteopathie mit moderner Diagnostik und Biohacking.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Ich messe beispielsweise vor einer Behandlung die Herzratenvariabilität. Sie zeigt sehr gut, wie hoch das Stressniveau eines Menschen ist.
Dann behandle ich unter anderem den Verlauf des Vagusnervs, arbeite osteopathisch und kombiniere das mit Atemtechniken wie dem Box Breathing. Anschließend messe ich erneut. So kann ich sehen, ob der Körper nach der Behandlung besser in der Lage ist, Stress selbst zu regulieren.
Für viele Patienten wird dadurch sichtbar, was sie vorher nur gespürt haben. Sie merken nicht nur, dass es ihnen besser geht – sie sehen es auch anhand objektiver Messwerte.
Sie arbeiten außerdem mit Schallwellen. Was steckt dahinter?
Das ist für viele Patienten eine der spannendsten Anwendungen. Ich arbeite nicht nur mit Licht, Sauerstoff oder Fasten, sondern auch mit Schwingungen.
Musik hat einen enormen Einfluss auf unseren Körper. Unsere Gewebe bestehen zu einem großen Teil aus Flüssigkeit, und diese beginnt zu schwingen. Das kann man therapeutisch nutzen.
Ich habe dafür eine spezielle Liege. Die Patienten tragen eine Augenmaske, die Liege bewegt sich langsam und gleichzeitig werden Klänge – etwa Walgesänge oder andere beruhigende Frequenzen – über den Körper übertragen.
Viele Menschen können nur schwer loslassen. Durch diese Kombination aus Bewegung, Klang und anschließender osteopathischer Behandlung gelangen sie in einen Zustand, der einer tiefen Meditation ähnelt. Dadurch entspannen sich Gewebe und Muskulatur deutlich stärker, und ich komme mit der Behandlung wesentlich tiefer als bei einem Körper, der permanent unter Spannung steht.
Auch dabei kontrolliere ich parallel die Herzratenvariabilität. So sehe ich unmittelbar, wie sich das vegetative Nervensystem verändert und wie der Körper auf die Behandlung reagiert.
Sie sagen, Stress sei heute die größte gesundheitliche Herausforderung. Warum?
Stress ist aus meiner Sicht tatsächlich die größte Herausforderung unserer Zeit. Deshalb bilden moderne Regulationstherapie und Stressmanagement die Grundlage meines gesamten Konzepts.
Es geht zunächst darum, den Körper wieder in Balance zu bringen – die Entgiftungsorgane zu unterstützen, den Säure-Basen-Haushalt zu regulieren, das Hormonsystem zu stabilisieren und die Zellen wieder in ihre natürliche Funktion zu bringen.
Gerade chronisch erhöhte Cortisolspiegel sind ein großes Problem. Wir sehen heute, dass Menschen schon sehr früh dauerhaft unter Stress stehen – durch soziale Medien, ständige Erreichbarkeit oder die allgemeine Unsicherheit in der Welt. Dieser permanente Stress wirkt sich auf den gesamten Organismus aus. Deshalb muss man dort ansetzen und nicht erst, wenn Beschwerden entstehen.
Was können Menschen selbst tun, um ihren Körper wieder besser zu regulieren?
Mir ist wichtig, dass die Menschen verstehen, warum sie etwas tun, und dass sie Freude daran haben. Es bringt nichts, wenn Übungen eine Stunde dauern und deshalb nie umgesetzt werden.
Ich empfehle deshalb kurze Interventionen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen. Dazu gehören Atemübungen, eine kurze Yoga-Sequenz oder eine sogenannte Moving Meditation von etwa sieben Minuten. Anschließend kann man noch einige Minuten bewusst atmen, kalt duschen und den ersten Kaffee nicht sofort nach dem Aufstehen trinken, sondern möglichst erst nach etwa 90 Minuten.
Das sind kleine Veränderungen, die in der Summe viel bewirken können. Natürlich gehören auch klassische physiotherapeutische Übungen dazu. Aber oft sind es gerade diese einfachen Routinen, die dem Körper helfen, wieder besser in die Regulation zu kommen.
Ihr ganzheitlicher Blick auf Gesundheit ist auch durch persönliche Erfahrungen entstanden. Welche Stationen haben Sie besonders geprägt?
Ich wollte schon als Jugendlicher Physiotherapeut werden. Mein Vater war Handballprofi, und ich durfte früh erleben, wie Spitzensportler behandelt wurden. Später habe ich gemerkt, dass mir die klassische Physiotherapie allein nicht ausreicht. Mit der Osteopathie habe ich schließlich einen Ansatz gefunden, der mich bis heute begeistert.
Geprägt haben mich aber auch Reisen und persönliche Grenzerfahrungen. Während eines Aufenthalts in Tibet habe ich mich intensiv mit der Spiritualität tibetischer Mönche beschäftigt. Später lebte ich mehrere Wochen bei indigenen Völkern im Amazonasgebiet und lernte dort einen völlig anderen Blick auf Natur und Gesundheit kennen.
Hinzu kamen mehrere Nahtoderfahrungen – zunächst durch einen Herzstillstand infolge eines angeborenen Herzfehlers, später während einer Höhenkrankheit in Tibet und schließlich bei einer Atlantiküberquerung im Ruderboot, als wir in einen Hurrikan gerieten. Diese Erlebnisse haben meinen Blick auf das Leben nachhaltig verändert.
Sie haben mir gezeigt, dass Gesundheit für mich mehr bedeutet als das reine Funktionieren des Körpers. Deshalb versuche ich heute, moderne Medizin, Osteopathie, Naturheilkunde und mentale Methoden miteinander zu verbinden. Mein Ziel ist es, Menschen dabei zu helfen, wieder Zugang zu ihren eigenen Selbstheilungskräften zu finden.

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