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1. Juli 2026
Prof. Dominik Pförringer
Künstliche Intelligenz übernimmt Routineaufgaben und schafft Zeit für das Wesentliche: die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Warum Empathie im Zeitalter der KI zum wichtigsten Erfolgsfaktor der Medizin wird, erklärt Prof. Dr. Dominik Pförringer

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Die Diskussion um Künstliche Intelligenz in der Medizin wird oft fälschlich reduziert darauf, ob Maschinen eines Tages Ärzte oder Pflegekräfte ersetzen könnten. Die wissenschaftliche Evidenz spricht jedoch für eine andere Entwicklung: KI wird zu einem der mächtigsten Werkzeuge der Medizin werden – aber gerade dadurch wird die menschliche Empathie jeden Tag wertvoller.
Die Zukunft gehört nicht der Maschine, die den Menschen ersetzt, sondern dem Menschen, der die Maschine intelligent nutzt. Technik ist der Sklave des Menschen, niemals umgekehrt.
Empathie ist keine dekorativer „Soft Skill“, sondern DER klinisch relevante Faktor. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit randomisierter Studien zeigt, dass empathisches Verhalten von Behandlern die Patientenzufriedenheit signifikant verbessert. Patientenzufriedenheit wiederum resultiert in mehr Adhärenz, höherer Therapietreue und besseren Behandlungsergebnissen.
Ärztliche Empathie reduziert Angst und Stress, verbessert die Arzt-Patienten-Kommunikation und ist mit messbar besseren klinischen Outcomes assoziiert. Empathie ist das Rückgrat der Arzt-Patienten-Beziehung, das Fundament der Heilkunst.
Medizin ist weit mehr als die korrekte Anwendung von Leitlinien, weit mehr als nur Daten. Menschen suchen medizinische Hilfe in einer Situation geprägt von Unsicherheit, Schmerz, Angst oder existenzieller Bedrohung. Der Patient möchte nicht nur wissen, was er hat. Er möchte verstehen, was dies für sein Leben bedeutet. Diese Bedeutung entsteht in einer Beziehung – nicht in einem Algorithmus.
Hier liegt eine strukturell logisch bedingte Limitation der KI. Moderne Sprachmodelle können künstlich empathische Sprache erzeugen. Sie können Trost simulieren, Gefühle erkennen und vermeintlich „passende“ Antworten formulieren. Zwischen dem Simulieren von Empathie und dem tatsächlichen empathischen Erleben besteht ein prinzipieller Unterschied, eine wahrlich komplexe Differenz.

Künstliche Intelligenz übernimmt Routineaufgaben und schafft Zeit für das Wesentliche: die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Warum Empathie im Zeitalter der KI zum wichtigsten Erfolgsfaktor der Medizin wird, erklärt Prof. Dr. Dominik Pförringer
Prof. Dominik Pförringer

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer

Prävention soll Krankheiten nicht nur früh erkennen, sondern möglichst verhindern. Dr. Jan Hennigs erklärt, welche Untersuchungen heute wirklich sinnvoll sind, warum Herz-Kreislauf-Risiken häufig unterschätzt werden und wie Künstliche Intelligenz die Prävention verändern wird
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. Jan K. Hennigs
Echte Empathie beruht auf einem tiefen seelischen Bewusstsein, viel Erfahrung, einer Melange aus Verletzlichkeit, moralischer Verantwortung und menschlicher Interaktion. Nichts davon kann auch nur annähernd durch Daten erfasst, geschweige denn adressiert werden.
Der Arzt versteht den Patienten primär aufgrund von Daten. Er versteht ihn, weil beide Menschen sind. Ein Röntgenbild kann man nicht behandeln, es geht um den Menschen. Diese Form von Beziehung ist biografisch, sozial und moralisch eingebettet. Sie ist nicht kalkulierbar, nicht messbar, sondern rein human bedingt.
Gerade deshalb kann das Ziel nicht sein, menschliche Empathie durch KI zu ersetzen, sondern die KI einzusetzen, um den Arzt von stupiden Aufgaben zu entlasten. Die eigentliche Revolution der Künstlichen Intelligenz besteht darin, Ärzte zu befreien: Dokumentation, Kodierung, Informationssuche, Befundzusammenfassungen, Terminorganisation oder Datenanalyse können bereits heute erfolgreich automatisiert und vereinfacht werden.
Dadurch entsteht etwas, das im Gesundheitswesen über Jahre immer knapper geworden ist: Zeit. Zeit für Medizin. Zeit für unsere Patienten. Damit kann die empathischste Medizin ermöglicht werden. Wenn Maschinen Formulare ausfüllen, können Menschen wieder Menschen helfen.
Die entscheidende Frage lautet, ob der Mensch die Technologie bewusst entwickelt. KI muss trainiert werden und der Arzt sich dafür die Zeit nimmt. Medizin ist immer dann erfolgreich, wenn Technik dem Arzt und damit dem Patienten dient und keinesfalls umgekehrt.
Das Stethoskop ersetzt den Arzt nicht, es ermächtigt ihn. Das MRT ersetzt den Radiologen natürlich nicht, es hilft ihm. Keine Künstliche Intelligenz wird den Menschen ersetzen. Sie ist ein Werkzeug – mit dem Potenzial zum mächtigsten Werkzeug der (Medizin-)geschichte.
Doch Werkzeuge haben keinen eigenen Zweck. Den Zweck definiert der Mensch, er kontrolliert, wozu wann welches Werkzeug eingesetzt wird. Deshalb ist die Zukunft nicht eine Medizin der Maschinen, sondern eine Medizin, in der empathische Ärzte leistungsfähige KI-Systeme nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen und mehr Zeit für ihre Patienten zu gewinnen. Die Technologie wird zum Diener der Menschlichkeit – nicht zu ihrem Nachfolger.
Oder anders formuliert: Die Medizin der Zukunft wird nicht weniger menschlich sein. Sie wird menschlicher sein, weil intelligente Maschinen den Menschen von Tätigkeiten befreien, die keine Menschlichkeit erfordern. Empathie bleibt dabei nicht das Problem der Medizin, das gelöst werden muss. Sie bleibt ihr wertvollstes Kapital. Und genau deshalb wird sie niemals automatisiert.