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8. Januar 2026
Marianne Waldenfels
Deep Learning in der Radiologie: Wie KI-Systeme Ärzte unterstützen, wo ihre Grenzen liegen und warum die Zukunft in der Partnerschaft liegt

Mit
Univ.-Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Die Künstliche Intelligenz revolutioniert die Medizin. Besonders in der Radiologie zeigt sich das Potenzial von KI-Systemen eindrucksvoll: Sie analysieren Röntgenbilder, CT-Scans und MRT-Aufnahmen mit beeindruckender Geschwindigkeit und Präzision. Doch bedeutet dies das Ende der ärztlichen Bilddiagnostik? Die Antwort ist differenzierter, als viele vermuten.
Moderne KI-Algorithmen haben in der bildgebenden Diagnostik erhebliche Fortschritte gemacht. Deep-Learning-Systeme können mittlerweile Lungenknoten auf CT-Bildern identifizieren, Frakturen auf Röntgenaufnahmen erkennen und Gehirnblutungen auf MRT-Scans detektieren. In kontrollierten Studien erreichen einige Systeme eine diagnostische Genauigkeit, die mit der erfahrener Radiologen vergleichbar ist oder diese sogar übertrifft.
Die Stärken der KI liegen dabei vor allem in der Geschwindigkeit und Konsistenz. Ein Algorithmus wird nicht müde, ist rund um die Uhr verfügbar und wendet seine erlernten Kriterien immer gleich an. Bei Routineaufgaben wie dem Screening auf bestimmte Pathologien kann KI den diagnostischen Workflow erheblich beschleunigen und als wertvoller Assistent fungieren.
Trotz dieser beeindruckenden Fähigkeiten gibt es gewichtige Gründe, warum KI den Radiologen nicht ersetzen wird. Die medizinische Bilddiagnostik ist weit mehr als das reine Erkennen von Mustern auf Bildern. Ärzte bringen Kontext ein, den keine KI derzeit leisten kann: Sie kennen die Krankengeschichte des Patienten, verstehen die klinische Fragestellung und können ungewöhnliche Befundkonstellationen interpretieren, die über das Trainingsmaterial der KI hinausgehen.
Ein entscheidender Faktor ist die ärztliche Urteilskraft. Wenn ein Befund mehrdeutig ist oder wenn verschiedene Diagnosen in Betracht kommen, braucht es medizinisches Fachwissen und Erfahrung, um die richtige Schlussfolgerung zu ziehen. Radiologen bewerten nicht nur einzelne Bilder isoliert, sondern integrieren Informationen aus verschiedenen Untersuchungen, Laborwerten und dem klinischen Gesamtbild.
Hinzu kommt die kommunikative Dimension: Ärzte besprechen Befunde mit Kollegen, erklären Patienten ihre Diagnose und geben Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Diese zwischenmenschliche Komponente der Medizin lässt sich nicht durch Algorithmen ersetzen.
Die realistischste Zukunftsvision ist eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. KI wird zum intelligenten Assistenten, der Radiologen unterstützt, entlastet und auf kritische Befunde hinweist. Systeme können beispielsweise Bilder vorsortieren, auffällige Bereiche markieren oder Vergleiche mit früheren Aufnahmen erleichtern.
Diese Unterstützung kann die Effizienz steigern und potenziell die diagnostische Sicherheit erhöhen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels könnte KI dazu beitragen, die radiologische Versorgung aufrechtzuerhalten. Ärzte gewinnen Zeit für komplexe Fälle, interdisziplinäre Besprechungen und die Patientenkommunikation.
Die Integration von KI in die radiologische Praxis bringt auch Herausforderungen mit sich. Algorithmen können nur so gut sein wie die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Bei seltenen Erkrankungen oder untypischen Befundmustern können sie versagen. Zudem besteht die Gefahr, dass Ärzte sich zu sehr auf die KI-Empfehlungen verlassen und eigene kritische Bewertungen vernachlässigen.
Rechtliche und ethische Fragen sind noch nicht abschließend geklärt: Wer trägt die Verantwortung, wenn eine KI-gestützte Diagnose falsch ist? Wie transparent müssen die Entscheidungswege von Algorithmen sein? Und wie stellen wir sicher, dass KI-Systeme keine Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten übernehmen?
Die bildgebende Diagnostik wird sich zweifellos verändern. KI wird eine immer größere Rolle spielen und die Art und Weise beeinflussen, wie Radiologen arbeiten. Doch anstatt Ärzte zu ersetzen, wird die Technologie das Berufsbild erweitern und transformieren.
Radiologen werden zunehmend zu Experten für die Interpretation komplexer Fälle, zu Vermittlern zwischen verschiedenen medizinischen Disziplinen und zu Beratern, die KI-gestützte Befunde im klinischen Kontext einordnen. Ihre Rolle verschiebt sich von der reinen Bildanalyse hin zu einer ganzheitlicheren diagnostischen Begleitung.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI den Arzt ersetzen wird, sondern wie wir die Stärken beider Seiten optimal kombinieren können. Eine durchdachte Integration von KI in die radiologische Praxis kann die Versorgungsqualität verbessern, Fehler reduzieren und Ärzten ermöglichen, sich auf die Aspekte ihrer Arbeit zu konzentrieren, die genuin menschliches Urteilsvermögen erfordern.
Die Zukunft der bildgebenden Diagnostik liegt in der intelligenten Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine – nicht im Ersatz des einen durch das andere.