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25. Februar 2026
PMC Redaktion
PD Dr. Richard Musil verbindet westliche Psychiatrie mit Akupunktur – und zeigt, wie Trauma körperlich gelöst werden kann. Evidenz, Fallbeispiele & Ablauf einer Sitzung

Mit
Priv.-Doz. Dr. Richard Musil
In einer Gesellschaft, in der Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) Millionen betreffen, suchen viele nach Wegen jenseits reiner Medikation oder Gesprächstherapie. PD Dr. med. Richard Musil, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, bringt hier eine besondere Perspektive ein.
Mit fast 20 Jahren Erfahrung an der psychiatrischen Klinik der LMU München und seit zweieinhalb Jahren als Leiter der Oberberg Fachklinik für Privatpsychosomatik in Bad Tölz verbindet er westliche Psychiatrie mit traditioneller chinesischer Medizin. Schon als 16-Jähriger entdeckte er über Qigong und Tai Chi die Akupunktur – mit dem klaren Ziel, sie in die Behandlung psychischer Erkrankungen zu integrieren.
In einem Vortrag der Premium Medical Circle (PMC)-Reihe stellte er seine traumafokussierte Akupunktur vor: „Trauma dringt in den Körper ein – und muss auch körperlich wieder heraus.“ Diese These zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit. Trauma sei keine reine Information, sondern eine tiefe körperliche Erfahrung. Akupunktur biete einen direkten Zugang, um blockierte Emotionen und Erinnerungen zu lösen.
Fallbeispiel: Der plötzliche Verlust, der Tränen blockierte
Frau R. erlitt im Urlaub den Schock ihres Lebens: Ihr Mann starb plötzlich an einem Herzstillstand nach einem Fahrradunfall. Blaulicht, die herbeieilende Tochter, Polizeibefragungen – alles fragmentiert. Trauerzeit blieb aus. Ein Jahr später kam sie in die Klinik: unfähig zu weinen, innerlich erstarrt, schwer depressiv.
Nach nur drei Sitzungen traumafokussierter Akupunktur änderte sich alles. Belastende Bilder wurden bearbeitet; in einer geführten Imagination konnte sie Abschied nehmen. Tränen flossen erstmals. Die Patientin war so beeindruckt, dass sie nun regelmäßig aus Düsseldorf anreist – für Kurz-Intensiv-Therapien an weiteren Themen.
Solche Geschichten sind keine Einzelfälle. Musil betont: Viele Patienten berichten, dass „das Bild weg ist“ – die Intensität der Erinnerung schwindet nachhaltig.
Ein Trauma verändert das Leben dauerhaft. Betroffene werden brüchig, anfällig, verändern ihr Verhalten. Klinisch definiert sich eine PTBS durch die klassische Symptomtrias:
Depressionen zeigen sich primär in depressiver Verstimmung, Interessen- und Freudverlust sowie Antriebsmangel. Nebenkriterien wie geringes Selbstwertgefühl, Suizidalität, Erschöpfung, Appetit- und Schlafstörungen bestimmen den Schweregrad (leicht bis schwer).
Biologisch sind beide Erkrankungen Multisystemerkrankungen: Entzündungsprozesse im Immunsystem, Dysregulation der HPA-Achse (Stresshormone wie Cortisol), autonome Nervensystem-Imbalance und Veränderungen im Darmmikrobiom spielen eine Rolle. Diese Faktoren erklären die hohe Komorbidität mit Volkskrankheiten wie metabolischem Syndrom – und warum ein rein kognitiver Ansatz oft zu kurz greift.
Musil gliedert die Anwendung in drei Phasen, alle mit wachsender wissenschaftlicher Untermauerung:
Aktuelle Studien unterstützen dies: Eine Meta-Analyse 2023 (Frontiers in Behavioral Neuroscience) fand, dass Akupunktur PTBS-Symptome (CAPS, PCL-C, HAMD) besser lindert als Pharmakotherapie oder Psychotherapie allein. Eine 2025-Studie bei Veteranen zeigte große Effekte auf Angst, Depression und Schlaf – auch bei Sham-Akupunktur, was auf starke Placebo-Plus-Effekte hinweist, aber Verum oft überlegen war.
Durchschnittlich 5 Sitzungen (ambulant) reichen oft. Musils Fallserie (ca. 60 Patienten behandelt durch Dr. J. Schottdorf): Signifikante Reduktion auf Impact of Event Scale; nach 3 Monaten meist keine PTBS-Kriterien mehr. Effekt nachhaltig – Bilder kehren schwächer zurück.
Akupunktur ersetzt keine evidenzbasierte Psychotherapie (z. B. TF-CBT, EMDR), ergänzt sie aber ideal bei „körperlich feststeckenden“ Symptomen. Wo Exposition allein zu belastend ist, hilft die simultane Nadelung, den Prozess erträglicher zu machen. Meta-Analysen 2024/2025 zeigen: Kombinationen reduzieren bei der Behandlung von Depressionen die Nebenwirkungen und verbessern Response-Raten.
Die Methode wird experimentell bei Zwangsstörungen (Trigger-Desensibilisierung), komplizierter Trauer oder unterschiedlichen Traumaschweregraden eingesetzt.
Herausforderung: Es gibt wenige Ärzte mit Akupunktur- und Trauma-Expertise. Musils Lösung: Ein Pilotprojekt zur Ausbildung von Psychotherapeuten in Akupressur-Techniken (kein Nadeln erlaubt) ins Leben rufen – für breitere Verfügbarkeit.
Fazit: Körperliche Brücke zwischen Ost und West
Trauma und Depression sind Multisystemerkrankungen – der therapeutische Zugang muss (auch) körperlich sein. Dr. Musils traumafokussierte Akupunktur kombiniert Exposition mit jahrtausendealter Technik: Nach wenigen Sitzungen verblassen Bilder, Emotionen fließen, Symptome sinken nachhaltig. Evidenz wächst – von Meta-Analysen bis zu Pilotstudien.
Wer betroffen ist: Sprechen Sie mit qualifizierten Fachleuten. Akupunktur ist sicher, nebenwirkungsarm und eine vielversprechende Ergänzung – besonders wenn klassische Wege allein nicht greifen.
FAQ – Häufige Fragen zu Akupunktur bei Trauma und Depression