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20. Februar 2026
PMC Redaktion
Zwei Tage Hafer, sechs Wochen Wirkung – Forscher der Universität Bonn haben eine überraschend einfache Methode entdeckt, den Cholesterinspiegel zu senken
Morgens Haferflocken, mittags Haferflocken, abends Haferflocken – klingt wenig verlockend, könnte aber Ihrer Herzgesundheit einen echten Gefallen tun. Eine neue Studie der Universität Bonn, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications, zeigt: Schon zwei Tage intensive Haferkur können den Cholesterinspiegel messbar senken – und das noch wochenlang danach.
Hafer ist kein gewöhnliches Getreide. Während Weizen und Mais vor allem als Grundlage für Brot und Snacks bekannt sind, hat Hafer eine lange Geschichte als echtes Heilmittel. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte der deutsche Mediziner Carl von Noorden Hafer gezielt zur Behandlung von Zuckerkranken ein – mit beachtlichem Erfolg. Über die Jahrzehnte geriet diese Methode in Vergessenheit, doch die moderne Wissenschaft holt sie gerade wieder zurück ins Rampenlicht.
Was Hafer so besonders macht, steckt vor allem in seinen Ballaststoffen – und ganz besonders im sogenannten Beta-Glucan. Dieser lösliche Ballaststoff bildet im Darm eine gelartige Schicht, die die Aufnahme von Cholesterin und Zucker ins Blut verlangsamt. Dazu kommt ein beeindruckendes Nährstoffprofil:
Zum Vergleich: Weizen enthält zwar ähnlich viele Kalorien, aber deutlich weniger Beta-Glucan und ein schlechteres Aminosäureprofil. Hafer ist in dieser Hinsicht das Getreide mit dem wohl stärksten gesundheitlichen Nutzen.
Nicht alle Haferflocken sind gleich. Für eine Haferkur – wie in der Bonner Studie – empfehlen sich kernige oder grobe Haferflocken, da sie weniger verarbeitet sind und mehr Beta-Glucan enthalten. Zarte Flocken oder Schmelzflocken sind stärker industriell verarbeitet und haben einen höheren glykämischen Index. Instant-Hafer ist dagegen für eine Kur weniger geeignet – er ist zu stark aufgeschlossen und wirkt eher wie ein schneller Kohlenhydratlieferant.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer litten alle unter dem sogenannten metabolischen Syndrom – dazu gleich mehr. Das Experiment war simpel, aber streng: Dreimal täglich gab es Haferbrei, gekocht in Wasser, ergänzt nur durch etwas Obst oder Gemüse. 300 Gramm Haferflocken pro Tag, zwei Tage lang – und dabei nur rund die Hälfte der sonst üblichen Kalorienmenge. Eine Kontrollgruppe aß ebenfalls kalorienreduziert, aber ohne Hafer.
Bevor wir zu den Ergebnissen kommen, lohnt ein kurzer Blick auf die Zielgruppe der Studie. Das metabolische Syndrom ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Bündel aus mehreren Risikofaktoren, die gemeinsam auftreten:
Wer drei oder mehr dieser Kriterien erfüllt, gilt als betroffen – und das ist erschreckend häufig: Schätzungen zufolge leidet etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland unter dem metabolischen Syndrom, oft ohne es zu wissen. Das Tückische: Jeder dieser Faktoren erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes – treten sie zusammen auf, potenziert sich das Risiko erheblich.
Cholesterin ist nicht grundsätzlich schlecht – es ist ein lebenswichtiger Baustoff für Zellmembranen und Hormone. Das Problem ist das LDL-Cholesterin (Low-Density-Lipoprotein), das im Volksmund als "schlechtes" Cholesterin bekannt ist.
Wenn zu viel LDL im Blut zirkuliert, lagert es sich in den Wänden der Blutgefäße ab und bildet sogenannte Plaques – Ablagerungen, die die Gefäße verengen und verhärten. Das hat schwerwiegende Folgen: Verengte Gefäße bedeuten weniger Blutfluss zum Herzen und zum Gehirn. Reißt eine Plaque ein – etwa durch Stress oder körperliche Anstrengung – kann sich blitzschnell ein Blutgerinnsel bilden, das das Gefäß vollständig verschließt. Die möglichen Folgen: Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Ein LDL-Wert unter 100 mg/dl gilt allgemein als wünschenswert, für Menschen mit Herzerkrankungen wird sogar ein Wert unter 70 mg/dl angestrebt.
Beide Gruppen profitierten von der Kalorienreduktion. Doch die Hafergruppe legte noch eine Schippe drauf:
„Das ist eine substanzielle Reduktion", betont Studienverantwortliche Juniorprofessorin Marie-Christine Simon. Zwar kommt kein Lebensmittel an die Wirkung von Medikamenten heran – aber als natürliche, gut verträgliche Maßnahme ist das Ergebnis bemerkenswert.
Der Schlüssel liegt im Darm. Haferflocken liefern reichlich Ballaststoffe, die bestimmten Darmbakterien als Futter dienen. Diese vermehren sich daraufhin und produzieren Stoffwechselprodukte, die im ganzen Körper wirken. Eines davon ist die sogenannte Ferulasäure – eine phenolische Verbindung, von der bereits bekannt ist, dass sie den Cholesterinstoffwechsel positiv beeinflusst.
Gleichzeitig bremsen die Darmbakterien die Umwandlung einer Aminosäure, die sonst Insulinresistenz fördern kann – ein zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes. Kurz gesagt: Hafer füttert die richtigen Bakterien, und die bedanken sich mit einem gesünderen Stoffwechsel.
Eine parallel laufende Langzeitstudie dämpft allerdings übertriebene Hoffnungen: Wer sechs Wochen lang täglich 80 Gramm Hafer aß, ohne die Kalorien zu reduzieren, erzielte kaum Effekte. Die Botschaft der Forscher ist daher klar: Intensität schlägt Kontinuität. Zwei Tage viel Hafer wirken stärker als sechs Wochen wenig.
Das Team empfiehlt deshalb, die Kurzzeit-Haferkur in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. Ob das tatsächlich langfristig präventiv wirkt, soll in weiteren Studien untersucht werden.
So vielversprechend die Ergebnisse sind – die Kur ist nicht für jeden geeignet. In folgenden Fällen sollte man vorher unbedingt ärztlichen Rat einholen oder ganz auf die Kur verzichten:
Grundsätzlich gilt: Eine zweitägige Haferkur ist für gesunde Erwachsene in der Regel gut verträglich – wer jedoch Vorerkrankungen hat oder regelmäßig Medikamente nimmt, sollte das vorher mit seiner Ärztin oder seinem Arzt besprechen.
Wie oft sollte man die Haferkur wiederholen? Die Forscher der Universität Bonn vermuten, dass eine Wiederholung alle sechs Wochen sinnvoll sein könnte – das soll in weiteren Studien noch genauer untersucht werden.
Kann ich während der Kur Sport treiben? Leichte Bewegung wie Spazierengehen ist in Ordnung. Intensive sportliche Belastung sollte man bei stark reduzierter Kalorienzufuhr jedoch vermeiden.
Muss ich wirklich ausschließlich Haferflocken essen? In der Studie war die Kur auf Haferflocken mit wenig Obst und Gemüse beschränkt. Kleine Mengen anderer Lebensmittel könnten die Wirkung abschwächen – wer maximale Effekte möchte, sollte sich möglichst nah an das Studienprotokoll halten.
Helfen auch Haferdrink oder Haferriegel? Nein – verarbeitete Haferprodukte enthalten meist deutlich weniger Beta-Glucan und deutlich mehr Zucker oder Zusatzstoffe. Für die Kur sollten echte Haferflocken verwendet werden.
Was passiert, wenn mir Haferbrei zu langweilig wird? Etwas frisches Obst oder geraspelte Möhre sind erlaubt – das war auch in der Studie so. Gewürze wie Zimt oder Vanille helfen zusätzlich, ohne die Wirkung zu beeinträchtigen.
Senkt die Haferkur auch den Gesamtcholesterinwert? Die Studie hat sich vor allem auf LDL-Cholesterin konzentriert, das als besonders gefährlich gilt. Tendenzielle Verbesserungen des Gesamtcholesterins sind wahrscheinlich, standen aber nicht im Mittelpunkt der Untersuchung.