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19. Februar 2026
PMC Redaktion
Lipödem betrifft bis zu 15 % aller Frauen – wird aber oft jahrelang nicht erkannt. Dr. Anna Teresa Lipp erklärt Symptome, Ursachen und welche Behandlungen wirklich helfen

© Marc Oeder
Ein Interview mit
Dr. med. Anna-Theresa Lipp
Dicke Beine trotz Sport und gesunder Ernährung – viele Frauen kämpfen jahrelang damit, ohne zu wissen warum. Die Antwort könnte Lipödem sein: eine chronische Erkrankung des Fettgewebes, die bis zu 15 Prozent aller Frauen in Deutschland betrifft, aber häufig jahrelang nicht erkannt wird.
Dr. Anna Teresa Lipp, Fachärztin für Plastische und Ästhetische Medizin und Leiterin der Praxis Panthera in München, hat sich auf Lipödem-Diagnose und -Behandlung spezialisiert – und ist selbst betroffen. Im Interview erklärt sie, welche Lipödem-Symptome auf die Erkrankung hindeuten, wie die Diagnose gestellt wird und welche Behandlungen – von der Liposuktion bis zur konservativen Therapie – wirklich helfen.
Die Antwort ist nicht ganz einfach. Ein Grund: Lipödem ist eine Frauenkrankheit, und Erkrankungen von Frauen werden medizinisch häufig nicht sofort ernst genommen – das hat sich über Jahrzehnte so eingeschliffen. Ein weiterer Grund: Es gibt kein klar zuständiges Fachgebiet. Da das Lipödem hormonelle Ursachen hat, fällt es in den Bereich der Gynäkologie. Behandelt und operiert wird es aber meistens von der plastischen Chirurgie. Und erforscht ist es bis heute bei weitem nicht ausreichend.
Tatsächlich gibt es Mischformen. Das Lipödem ist eine sogenannte Ausschlussdiagnose: Wenn ein Lymphödem, eine reine Adipositas und eine Venenerkrankung ausgeschlossen sind, bleibt das Lipödem übrig. In einem frühen Stadium zeigt sich das Lipödem meistens ohne Adipositas oder Lymphödem.
Es tritt symmetrisch und beidseitig auf – und ist dabei auffallend unproportional: Betroffene haben oft einen schlanken Oberkörper mit schmaler Taille, aber ausladende Hüften, dicke Beine oder dicke Arme. Beim Lymphödem hingegen ist in der Regel nur ein Bein oder ein Arm betroffen.
Die meisten Patientinnen bemerken die Erkrankung lange Zeit nicht. Sie zweifeln zunächst an sich selbst: Sie glauben, sie müssten einfach weniger essen, mehr Sport machen – dann würden sich ihre Körperformen schon verändern. Doch das stimmt nicht. Irgendwann werden nicht nur die Selbstzweifel stärker, sondern auch der Schmerz.
Das ist der Punkt, an dem man unbedingt zum Arzt gehen sollte. Es gibt außerdem die sogenannte Lipide Fatigue – ähnlich dem Chronic-Fatigue-Syndrom. Die Patientinnen fühlen sich chronisch erschöpft, können nicht mehr lange stehen oder gehen. Auch das ist ein klares Warnsignal.
In den zehn Jahren, in denen ich mich ausschließlich dem Lipödem gewidmet habe, hatte ich zwei oder drei männliche Patienten – und rund 3.000 weibliche. Das hängt mit dem Östrogenrezeptor zusammen: Lipödem betrifft fast ausschließlich Frauen.
Das ist in der kleinen Gemeinschaft von Fachärzten, die sich ausschließlich mit Lipödem beschäftigen, durchaus umstritten. Manche glauben, die Ursache liegt in den Lymphgefäßen, andere sehen die Blutgefäße als Ausgangspunkt, von dem aus sekundär die Fettzellen betroffen werden. Meine Theorie, die wir auch aus unserer Forschung ableiten können: Das Lipödem ist eine Art gutartiger Fettzell-Tumor, der sich in der tiefen subkutanen Fettschicht entwickelt – vergleichbar mit einem Lipom.
Der Unterschied: Beim Lipödem sind großflächig Fettzellen in der Tiefe betroffen, die wachsen und sich kaum beeinflussen lassen. Sie können nur chirurgisch entfernt werden. Eine Operation kann den Patientinnen sofortige Erleichterung verschaffen und langfristig helfen.
Meine ganze Familie war und ist sehr sportlich – mein Vater ist 77 und läuft noch heute Marathon. Ich habe ebenfalls viel Sport gemacht, aber meine Beine sahen nicht danach aus. Es hat lange gedauert, bis ich wusste, warum. Ich hatte viele Selbstzweifel, bis schließlich auch die Schmerzen dazukamen. Da war ich bereits Assistenzärztin in der plastischen Chirurgie und konnte nachts kaum noch stehen.
Ich ging zum Phlebologen – das Naheliegende, denn Lipödeme treten oft gemeinsam mit Venenerkrankungen auf. Die Diagnose lautete: Lipödem. Der Rat: operieren lassen. Das hat mich zunächst überrascht, aber gleichzeitig hat auf einmal alles Sinn ergeben – die letzten zehn Jahre seit der Pubertät. 2016 ließ ich mich operieren. Das war der Anstoß, mich intensiv mit diesem Gebiet zu beschäftigen: Die Forschung ist dünn, die Behandlungen sind verbesserungswürdig. Beides wollte ich ändern.
Das Wort "Heilung" trifft es nicht ganz – aber durch die Operation kommt man einer Heilung sehr nahe. Es ist möglich, dass vereinzelt Fettzellen im Körper verbleiben, die das Lipödem gewissermaßen in sich tragen. Mit gesunder Ernährung, Sport und einem angepassten Lebensstil lassen sich diese Zellen aber gut kontrollieren. Ich bin seit der Operation beschwerdefrei – seit nun zehn Jahren kein Rezidiv, keine Schmerzen, keine Formveränderung.
Physiotherapie und Lymphdrainagen sind entscheidend. Wir empfehlen außerdem gezielte Nahrungsergänzungsmittel, um den Nährstoffhaushalt wieder aufzufüllen. Das ist wichtiger, als viele denken: Viele Patientinnen haben sich über Jahre stark eingeschränkt, sind manchmal gleichzeitig übergewichtig und unterernährt. Blutuntersuchungen zeigen häufig Vitaminmangel und fehlende Spurenelemente. Das Ziel ist also nicht nur ein verändertes Körperbild – der Körper wird insgesamt gesünder.
In der Facharztausbildung lernt man, wie man kleine, störende Fettdepots entfernt. Beim Lipödem sind es großflächige Areale – mit entsprechend großen Wundflächen. Es handelt sich um einen großen Eingriff: Oft werden rund 10 Prozent des Körpergewichts, teilweise reines Fett, in einer Operation entfernt. Das ist auch kreislaufmäßig belastend.
Die Patientinnen müssen mindestens eine Nacht stationär bleiben. Lipödem-Chirurgie ist transformativ – und erfordert gleichzeitig präzises Body Contouring. Es geht nicht nur ums Absaugen, sondern auch ums Konturieren. Oft ist mehr als ein Eingriff notwendig.
Nein – ganz klar. Wir verschreiben GLP-1-Rezeptoragonisten wie Mounjaro oder Trulicity zwar durchaus, aber mit einem ganz bestimmten Ziel: Sie schmelzen normales Fettgewebe. Für gewöhnliche Fettzellen funktionieren diese Mittel sehr gut. Lipödem-Fettzellen hingegen lassen sich damit nicht beeinflussen – sie verhalten sich wie ein gutartiger Tumor und reagieren nicht auf die Abnehmspritze.
Wenn also jemand glaubt, diese Medikamente würden meine Arbeit überflüssig machen, muss ich schmunzeln. Das ist leider nicht so. Bei Patientinnen, die sowohl übergewichtig als auch von Lipödem betroffen sind, setzen wir die Abnehmspritze ein, um Gewicht zu reduzieren und eine Operation zu ermöglichen.
Fakten zum Lipödem