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2. Januar 2026
Margit Hiebl
Wie Akupunktur bei Traumata hilft: Dr. Richard Musil behandelt PTBS mit der ABE-Methode. Erfahrungsbericht einer innovativen Traumatherapie in Bad Tölz

Mit
Priv.-Doz. Dr. Richard Musil
Manchmal genügt ein Geruch, ein Ton - und schon zieht sich etwas in uns zusammen. Oft wissen wir nicht, warum. Aber der Körper erinnert sich. Und reagiert auf etwas, was wie eingefroren in uns liegt. Häufig ein Erlebnis, das zu schnell, zu heftig oder zu viel für uns war. Etwas, das unsere psychische Integrität erschüttert – eine seelische Verletzung. Das kann ein schwerer Unfall sein, Gewalt, Missbrauch, eine plötzliche Trennung oder der Verlust von geliebten Menschen. Aber auch kleinere Erlebnisse können im Nachhinein heftige Beklemmungen auslösen. Trauma ist nicht nur ein Wort für große Ereignisse. Es entsteht immer dort, wo wir Erlebtes nicht integrieren können.
Und es ist beileibe kein Randphänomen, sondern auch Tribut an unsere Zeit. Die Anforderungen sind hoch, Stress, Mobbing, Herabwürdigung haben oft tiefgreifende Folgen für unsere mentale und körperliche Gesundheit. Und immer häufiger sprechen Menschen darüber – es wirkt, als hätten alle ein bisschen Trauma. Nun, nicht jeder hat eine diagnostizierbare posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), aber viele tragen unaufgearbeitete Erlebnisse mit sich herum.
In der Leitlinie für die posttraumatische Belastungsstörung heißt es, dass auch „weniger einschneidende Ereignisse“ dazu führen können, dass Menschen das symptomatische Vollbild einer PTBS entwickeln. Entscheidend ist immer die innere Struktur. Die klassische Traumatherapie setzt häufig auf Gesprächstherapien oder Expositionsarbeit.
Eine neue Methode, die auf ein altes fernöstliches Heilverfahren baut, könnte hier zu einem Gamechanger werden. Bad Tölz, im August 2025. Ich bin mit PD Dr. Richard Musil verabredet. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist ärztlicher Direktor und Chefarzt der Oberberg Fachklinik Bad Tölz. Er gilt als Pionier und Experte darin, posttraumatische Belastungsstörungen mit Akupunktur zu behandeln.
In seiner Traumatherapie-Ausbildung am Münchner Institut für Traumatherapie fiel ihm bei der Expositionsarbeit, also dem gezielten Wiedererleben der traumatischen Situation im therapeutischen Setting, immer auf: „Sobald die PatientInnen sich der traumatischen Erinnerung wieder nähern, treten oft intensive körperliche Reaktionen auf – Brustdruck, Bauchziehen, Zittern, Unruhe, starke Emotionen wie Wut oder Ohnmacht. Diese körperlich-emotionalen Reaktionen müssen in der Sitzung mitreguliert werden – das ist herausfordernd“, berichtet er.
Er suchte nach einer Lösung, wie man diese somatischen Begleiterscheinungen gezielter behandeln kann. Und weil er eine entsprechende Zusatzausbildung hat, dachte er auch über Akupunktur nach – ein passendes Setting lieferte Dr. Jürgen Schottdorf, ein Kollege aus der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur: „Durch das Stimulieren von Akupunkturpunkten kann man Gefühle direkt und sofort verändern. Das ist eine sehr individuelle, ereignisbezogene Herangehensweise, besonders geeignet bei Traumafolgestörungen – aber auch bei komplizierten Trauerprozessen oder belastenden Angstsymptomen“, erklärt Dr. Musil.
Inzwischen ist die Wirksamkeit bei psychiatrischen Störungsbildern in vielen Studien belegt. Vor allem bei posttraumatischen Belastungsstörungen erzielt er bei vielen PatientInnen immer wieder erstaunliche Erfolge. Das Prinzip der Akupunkturbasierten Exposition (ABE) in Kürze: Innerhalb einer Behandlungseinheit werden ein einzelnes oder mehrere belastende Bilder aus der Vergangenheit vor dem inneren Auge vorgestellt. Diese Imaginationen rufen im Körper wieder Empfindungen oder unangenehme Gefühle hervor. Manchmal genügt es z. B. auch schon, wenn man sich ein Foto von einer Person vorstellt.
Der/die TherapeutIn wählt dann die Akupunkturpunkte aus, welche diese unangenehmen Körperempfindungen oder Gefühle abmildern können. „Wenn sich jemand an einen Unfall erinnert und dabei Druck auf der Brust oder Unruhe spürt, wähle ich einen Punkt auf der Perikard-Leitbahn, die aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eng mit dem Herz-Kreislauf und Emotionen verbunden ist“, erklärt Dr. Musil. „Im Idealfall kehren wir nach mehreren Punkten oder Durchläufen zur traumatischen Erinnerung zurück, und das ursprüngliche Bild verliert seine emotionale und körperliche Wucht – es verschwindet in einer Art innerer Nebel. Weil wir mit den Nadeln direkt in den Körper gehen, erreiche ich eine unmittelbare Regulierung, das kenne ich in dieser Form aus keiner anderen Methode.“
Das will ich selbst erleben – mit einem belastenden Erlebnis aus meiner Kindheit. Ich erzähle Dr. Musil, wie es dazu kam: Meine Eltern machten regelmäßig kurze Kuraufenthalte und brachten mich dann zu meiner Oma. Einmal, als ich etwa fünf war, ging das nicht. Sie nahmen mich mit und brachten mich in der Hoffnung, dass es dort für mich nicht so langweilig würde, auf Empfehlung in einer Art Kinderheim unter, in dem auch Kinder anderer Kurgäste untergebracht waren.
Nachdem ich die traumatischen Erlebnisse, die folgten, kurz geschildert habe, bittet mich der Arzt auf die Behandlungsliege. Ich setze mich auf den Rand, mit dem Rücken zu ihm. Er tastet zunächst den Rücken auf beiden Seiten nach Muskelverspannungen ab und setzt an den Stellen, an denen er mit sanftem Druck die Verspannung lockern kann, flächig schräg Akupunkturnadeln. Diese sogenannte japanische Palpationsakupunktur bildet die Basis der ABE-Methode.
Anschließend kann ich mich auf den Rücken legen – kein Problem, die Nadeln liegen so flach, dass man das nicht spürt. In Rückenlage werden dann nach der Methode mehrere Stellen am Bauch, in der Mitte des Brustbeins oder am Hals abgetastet. Für jede der vordefinierten Stellen gibt es einen oder mehrere Akupunkturpunkte, die verwendet werden können.
Nur folgt die Imagination. Ich schließe die Augen. Ich soll mir, um mich in die Zeit zu versetzen, ein Bild von mir vorstellen … Ich beschreibe ihm ein fröhliches, offenes, kleines Mädchen, adrett mit Mantel und Köfferchen (ein Bild, von dem es ein Foto gibt). Was ich fühle? Ich habe das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen und zu be-schützen.
Dann gehe ich die Stufen hoch mit meinem Köfferchen, in dem meine Pixi-Bücher und eine Packung Tempos verstaut sind. Das nächste innere Bild: Beides wird mir abgenommen, die anderen Kinder hätten das auch nicht, sagen sie. Ich verstehe es nicht. Bin traurig. Kann mich aber nicht wehren. Beschreibe, wie auch real Ohnmacht und Wut in mir hochsteigen. „Wird das Gefühl leichter, wenn ich hier drücke?“, fragt mich Dr. Musil, und tastet sich meinen Unterarm hoch. An dem Punkt, an dem ich tatsächlich etwas Leichtigkeit verspüre, setzt er die Nadel.
Das nächste Bild, das kommt, ist zunächst leicht diffus: Ein dunkler Schlafsaal, etwa zehn Kinder, die kichern und quatschen. Nur ein kleiner Lichtstrahl, der durch den offenen Türspalt vom Gang hereinscheint. Eine Nonne, ich sehe sie jetzt deutlich vor mir, mit wehender weißer Tracht und markanter Brille, kommt herein, schimpft die Kinder – und verklebt mir den Mund mit Leukoplaststreifen.
Da ist sie wieder, die Ohnmacht. Beklemmung macht sich breit, ganz real. Und ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Auch meine Nase ist dicht. Musil setzt Nadeln im Lungenflügelbereich, fragt mich, ob es besser wird. Er setzt Nadeln an den Beinen, Füßen, Handgelenken, gefühlt überall – und langsam wird der Druck auf der Brust leichter. Doch das Angstgefühl bleibt …
Er setzt neue Nadeln, am Haaransatz, Scheitel. Wie das Bild jetzt aussieht, fragt Dr. Musil. Ist es farbig, ist es klar umrissen? Welche Farbe hat es? Er setzt neue Nadeln. „Können Sie den Klebestreifen lösen, oder wollen Sie ihn lieber von jemanden ablösen lassen?“, fragt er. In meiner Erinnerung hat die Nonne es irgendwann entfernt. Ratsch – bis heute spüre ich das Ziepen und Brennen. Ich fasse mir an den Mund. In der Situation jetzt entscheide ich mich dafür, es gedanklich selbst zu entfernen – ICH muss es tun, ich fühle mich jetzt stark genug.
Ich merke, dass die Anspannung leicht nachlässt. Ich kann freier atmen. Wie das Bild jetzt aussieht? Wie ein altes Foto in Sepia. Was ich jetzt tun möchte, fragt mich der Arzt. Eigentlich wollte ich noch ein anderes Bild aus dem Kinderheim löschen. Doch ich merke, dass ich raus aus der Erinnerung will.
Ich will auch von der Liege runter. Wir beschließen, die Sitzung jetzt zu beenden. Dr. Musil entfernt die Nadeln, ich zähle mit – vielleicht um mich abzulenken – es waren insgesamt etwa 50 Stück. Wir sprechen noch eine Zeit lang. Ich fühle mich einerseits leichter, habe aber ganz viel Watte im Kopf. Eigentlich will ich nur noch raus, an die frische Luft.
Auf dem Heimweg nach München öffne ich das Autodach, im Radio läuft „Up from the Bottom“ von Linkin Park. Ich drehe ganz laut auf, und mir laufen einfach nur die Tränen runter. Ganz leise. Zu Hause muss ich mich erst einmal hinlegen. Zwei Tage lang habe ich eine Art Kater. Verrückt, wie stark das Erlebnis noch verankert war. Obwohl ich, inzwischen erwachsen, mit meinen Eltern nochmal vor Ort war und dort verbal mein „Päckchen“ abgegeben hatte.
Und ja, meine Eltern hatten damals sehr wohl bemerkt, dass etwas nicht stimmte, und sich gewundert, warum ich nur noch mit Kopfschütteln oder Nicken antwortete. Erst nach langem Nachfragen traute ich mich, es zu erzählen. Mein Vater stellte die Verantwortlichen zur Rede, die aber alles abstritten – nach dem Motto, das Kind habe sich was ausgedacht.
Wie sieht das Bild heute aus? Es ist wie im Nebel, immer mehr, und ich habe Mühe, es hervorzuholen. Und: Es löst nichts mehr in mir aus. Aber ich erinnere mich jetzt daran, dass ich mich danach oft nicht getraut habe, zu sprechen. Und ich erinnere mich an die Asthmaanfälle, die mich von da an jahrelang begleiteten. Besteht ein Zusammenhang? Ich werde es herausfinden. Ein Termin ist bereits gebucht.