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15. Januar 2026
Nils Behrens
Wer mehrere Sprachen spricht, hält sein biologisches Alter messbar niedriger, so Top-Gesundheitsexperte Nils Behrens. Denn eine große europäische Studie zeigt: Multilingualismus wirkt wie ein Trainingsreiz fürs Gehirn – und könnte ein unterschätzter Longevity-Hebel sein
Longevity wird gern mit Blutwerten, Supplements und Hightech verwechselt. Alles nett. Aber manchmal liegt der Schlüssel zu einem längeren, gesünderen Leben überraschend banal im Regal neben dem Reiseführer. Vokabelheft. Grammatik-App. Sprachkurs Dienstagabend.
Eine aktuelle europäische Analyse mit über 86.000 Menschen legt nahe: Wer mehr als eine Sprache spricht, altert langsamer. Nicht gefühlt. Nicht metaphorisch. Sondern messbar.
Und nein, es geht nicht darum, mit 70 perfekt Portugiesisch zu parlieren. Es geht darum, dem Gehirn regelmäßig etwas zuzumuten, das es fordert, reizt – und strukturell verändert.
Die Studie hat sich nicht mit der simplen Frage begnügt, ob Mehrsprachigkeit „irgendwie gut fürs Gehirn“ ist. Sie hat ein komplexes Maß verwendet: das sogenannte biobehaviorale Altersdelta. Vereinfacht gesagt vergleicht es, wie alt jemand laut Geburtsurkunde ist – und wie alt Körper und Geist sich tatsächlich verhalten.
In diese Berechnung flossen kognitive Leistungsfähigkeit, körperliche Funktionen und altersassoziierte Erkrankungen ein. Das Ergebnis ist ein biologisches Alter. Und das ist für Longevity entscheidender als jede Kerze auf der Geburtstagstorte.
Positive Werte bedeuten beschleunigtes Altern. Negative Werte bedeuten: Der Körper hinkt dem Kalender hinterher. Im besten Sinne.

Nils Behrens ist der Host des Gesundheitspodcasts HEALTHWISE und Strategic Brand Partner von Sunday Natural. Zuvor war er über 12 Jahre als Chief Marketing Officer das Gesicht der Lanserhof Gruppe
Das Ergebnis ist so simpel wie unromantisch: Monolinguale Menschen hatten ein deutlich höheres Risiko für beschleunigtes Altern. Wer mindestens eine weitere Sprache sprach, schnitt besser ab. Und mit jeder zusätzlichen Sprache verstärkte sich der Effekt.
Bilingual, trilingual, polyglott – das biologische Alter reagierte dosisabhängig. Besonders interessant: Während der Schutz durch nur eine Fremdsprache im höheren Alter abnahm, blieb der Effekt bei zwei oder mehr Sprachen stabil. Das Gehirn scheint also nicht auf Mindestlohn zu arbeiten, sondern auf Leistungszulage.
Mehrsprachigkeit ist kein nettes Hobby. Sie ist ein neurobiologisches Fitnessprogramm. Jede Sprache verlangt ständiges Umschalten, Hemmen, Abrufen, Kontextualisieren. Das Gehirn trainiert Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit und kognitive Flexibilität – genau jene Fähigkeiten, die im Alter zuerst erodieren.
Man könnte sagen: Sprachen sind Krafttraining fürs präfrontale Kortex. Nur ohne Proteinshake.
Die Studie hat auch gezeigt, dass Mehrsprachigkeit kein Allheilmittel ist. In bestimmten Kontexten verpuffte der Effekt. Etwa bei Menschen, die Sprachen aus Zwang gelernt haben – im Rahmen von Migration unter Stress. Oder in Gesellschaften mit geringer Geschlechtergleichstellung.
Das ist wichtig. Longevity ist nie nur eine individuelle Entscheidung. Sie ist immer auch ein Produkt der Umgebung. Ein Gehirn lernt anders, wenn Lernen Freiheit ist – und nicht Überlebensstrategie.
Natürlich: Die Studie beweist keine Kausalität. Sie zeigt Zusammenhänge. Aber sie tut das mit einer Datenbasis und Methodik, die viele frühere Arbeiten übertrifft. Keine Mini-Stichprobe. Kein Fokus nur auf bereits Erkrankte. Sondern ein realistischer Blick auf gesunde, alternde Menschen.
Für die Longevity-Praxis heißt das: Wir müssen nicht auf die perfekte Interventionsstudie warten, um kluge Schlüsse zu ziehen. Wenn ein Verhalten wiederholt mit besserem Altern assoziiert ist, geringe Risiken hat und nebenbei Spaß macht – warum sollten wir es ignorieren?
Sie müssen nicht polyglott werden. Aber Sie könnten anfangen. Eine neue Sprache lernen. Oder eine alte reaktivieren. Nicht mit dem Anspruch auf Perfektion, sondern auf Reiz.
Zehn Minuten am Tag. Ein Gespräch pro Woche. Fehler ausdrücklich erlaubt. Ihr Gehirn wird es Ihnen danken – leise, aber nachhaltig.
Longevity ist kein Sprint. Es ist ein Spaziergang. Und manchmal führt er eben nicht ins Fitnessstudio, sondern in ein spanisches Café. Linguistisch zumindest.
Wenn wir über gesundes Altern sprechen, denken wir an Muskeln, Herz, Stoffwechsel. Zu Recht. Aber das Gehirn altert nicht im Schatten. Es reagiert auf Nutzung. Auf Herausforderung. Auf Vielfalt.
Mehrsprachigkeit ist kein Luxus. Sie ist kognitive Pflege. Und vielleicht einer der elegantesten Wege, dem Altern ein kleines Schnippchen zu schlagen – ganz ohne Eisbad.