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3. März 2026
Margit Hiebl
Perfekte Fassade, innere Leere: Was hochfunktionale Depression bedeutet, wen sie trifft und wie die Behandlung aussieht – erklärt von Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke

Mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke
Sie wirken, als wäre ihr Leben absolut perfekt. Alles läuft wie am Schnürchen. Ein Karriereschritt nach dem anderen. Alles gelingt mühelos – nach außen hin. Erfolg reiht sich an Erfolg. Vorbildlich. Niemand käme auf die Idee, dass da etwas nicht stimmen könnte. Noch nicht einmal der oder die Betroffene selbst. Obwohl sich trotz allem Erfolg eine innere Leere und Apathie breitmacht.
Eine Erschöpfung, die gern wegerklärt wird: Das ist doch alles nur der Stress. Wirklich? Nicht unbedingt. „Eine stressige Woche hat jeder mal. Die Frage muss sein: Wann ist die Grenze überschritten?“, sagt Prof. Dr. Andreas Menke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Medical Park Chiemseeblick. „Wenn man sich nach einer Regenerationsphase nicht wiederhergestellt fühlt – und das Gefühl hat, dass gar kein Land mehr in Sicht ist.“
Das ist ein klarer Warnhinweis. Hinter derartigen Symptomen steckt oft eine hochfunktionale Depression: Funktionieren und Leisten trotz innerer Leere. Das Fatale daran: „Sie wird zunächst oft nicht erkannt, weil die Menschen, die es betrifft, eben sehr gut funktionieren“, so der Professor. Anschaulich macht er es am Beispiel einer Erkältung, die man sich nicht anmerken lässt und trotzdem weiterarbeitet – so lange, bis der Körper sagt, dass es nicht mehr geht.
Funktionieren bis zum totalen Stillstand. „Bei der Depression ist es ähnlich“, erklärt er, „Nur dass hier nicht nur der Körper streikt, sondern vor allem die Psyche.“ Die hochfunktionale Depression ist keine eigenständige Diagnose in der üblichen Klassifikation. Der Begriff beschreibt diese atypische Form der Depression, weil schwer greifbar, aber anschaulich.
„Die Symptome sind nach außen noch nicht sichtbar, verstärken sich aber innerlich immer weiter“, so Prof. Dr. Menke. Denn unter der Oberfläche arbeitet ein System am Anschlag – und zwar in mehrfacher Hinsicht: Zum einen kostet das ständige Streben nach Leistung auf allen Ebenen Kraft; zum anderen fordert das Aufrechterhalten der Fassade zusätzliche Energie. Manche sprechen auch von der „Smiling Depression“, denn die Betroffenen wirken ja stets „gut drauf“.
Doch irgendwann ermüdet das Kaschieren so stark, dass sie es kaum noch schaffen, neben der Arbeit andere Dinge zu tun oder Kleinigkeiten zu erledigen. Der Punkt, an dem der Antrieb komplett versiegt, kommt schleichend. Viele merken erst spät, wie blo-ckiert sie sind. Für Perfektionisten schier unerträglich – so gerät ihr Selbstbild ins Wanken: Weil die Arbeit für ein akzeptables Ergebnis nicht mehr so leicht von der Hand geht.
Vielleicht schleichen sich auch Fehler ein, weil sich die Konzentration verschlechtert. Die Zündschnur wird kürzer, Selbstzweifel und Schuldgefühle nehmen zu. Und schließlich kommt es zu einer Traurigkeit, die nicht mehr zu kompensieren ist. Besonders häufig betroffen sind leistungsorientierte Menschen, AkademikerInnen, SportlerInnen, KünstlerInnen und Führungskräfte – also Menschen, die es gewohnt sind, alles im Griff zu haben.
Viele Betroffene lernen ihr Funktionsmuster schon früh und nicht unbedingt aus eigenem Antrieb: Sie möchten gefallen oder kämpfen um Anerkennung – im Elternhaus, in der Schule oder auf dem Sportplatz.
Die moderne Arbeitswelt begünstigt diese Ausprägung: Ständige Erreichbarkeit, digitale Beschleunigung – wer immer „on“ ist, verliert das Gespür für Grenzen und Abgrenzung. Studien weisen darauf hin, dass Frauen häufiger betroffen sind, Männer jedoch seltener Hilfe suchen.
Sie kompensieren länger, so Prof. Dr. Menke – einerseits, weil man es sich natürlich nicht eingestehen will, depressiv zu sein – andererseits aus Sorge vor einer Stigmatisierung, die vielleicht Ansehens- oder Jobverlust mit sich zieht. Und weil Per-fektionisten darauf gedrillt sind, mit Leistung zu überzeugen, versuchen sie auch unbewusst oder bewusst, die Leere mit noch mehr Arbeit zu füllen – ein Teufelskreis beginnt.
Nicht selten äußert sich die Krankheit dann auch auf somatischer Ebene: Rückenschmerzen sind der Klassiker – ausgelöst durch Verspannungen, die aus psychischem Druck entstehen. Ebenso können Migräne oder Magenprobleme auftreten. Und weil der High Performer ja immer alles selbst löst, versucht er das auch in diesem Fall und betäubt sich im schlimmsten Fall mit Alkohol, Drogen oder Tabletten.
Neu ist das Phänomen nicht. Im Rückblick finden sich historische Persönlichkeiten, die aus heutiger Sicht unter einer hochfunktionalen Depression litten. Eines der vermutlich berühmtesten Beispiele ist Winston Churchill, der seinen „schwarzen Hund“, Metapher seine dunklen Phasen, mit noch mehr Arbeit und Alkohol bekämpfte. Oder Kaiserin Elisabeth, die auf den Druck der Monarchie reagierte, indem sie sich noch mehr Druck durch exzessive Hungerkuren und Extremsport auferlegte.
Doch wie lässt sich ein derartiger Teufelskreis durchbrechen? Der erste Schritt besteht darin, sich die eigene Erschöpfung einzugestehen. Gar nicht so einfach für High Performer. Es ist ein Glück, wenn Menschen im Umfeld aufmerksam sind und behutsam spiegeln, was sie wahrnehmen. Manchmal kann auch ein Coach den Impuls geben, sich weitergehende professionelle Hilfe zu suchen.
„Zentraler Baustein ist die Psychotherapie“, sagt Prof. Dr. Menke. „Die Behandlung hängt aber vom Schweregrad und der Symptomatik ab.“ Eine kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, toxische Verhaltensmuster oder Glaubenssätze zu erkennen und schrittweise zu verändern. Der Hang zur Über-Performance wird so reflektiert, wodurch sich auch innerer Druck lösen kann.
Weitere Maßnahmen helfen, besser mit Stress umzugehen und wieder Kontakt zu sich selbst zu finden – zum Beispiel Achtsamkeits- und Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Qi Gong oder Yoga.
Je nach Schwere der Erkrankung kann in akuten Phasen auch die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva sinnvoll sein. Sie tragen dazu bei, Symptome wie Grübeln oder Schlafstörungen zu mindern und fördern die Stabilität. Die Therapie erfolgt in der Regel ambulant – in schweren Fällen kann auch eine stationäre Behandlung infrage kommen. „Der Vorteil ist“, so Menke, „dass man einmal aus dem Umfeld rauskommt und auf Distanz geht.“ Auch das kann viel bewirken oder in Gang setzen.
Nach der professionellen Intervention stellt sich die entscheidende Frage: Wie gehe ich in meinem neuen Alltag damit um? „Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre Einstellung zu Arbeit und Leistung verändern – also andere Strukturen schaffen, neue Zeitpläne machen, mehr Pausen oder Ausgleich einplanen“, so Prof. Dr. Menke. Solche Strategien zu erlernen, ist Teil der Therapie.
Aber auch die Etablierung eines insgesamt gesünderen Lebensstils mit ausreichend Schlaf und regelmäßiger körperlicher Aktivität – um den Kopf freizubekommen. Zur Stabilisierung seelischer Gesundheit zählt auch eine achtsame Ernährung. Und nicht zu vergessen: das soziale Netzwerk pflegen, kleine Freuden bewusst einplanen.
Doch die wichtigste Lektion – und das gilt für uns alle: Man sollte seine Psyche ernst nehmen. „Viele Menschen neigen dazu, alles zu rationalisieren, erkennen und fokussieren die Stressoren. Sie suchen stets äußere Gründe, wenn sie traurig sind. Das ist jedoch nicht das Grundprinzip der Psyche“, erklärt Prof. Dr. Menke.
„Bei einer Depression braucht man keinen Grund – das ist ein Symptom der Erkrankung.“ Man sollte verstehen lernen, dass die Psyche verwundbar ist und Resilienz aufgebaut werden kann. Sie verdient ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Körper. Und wenn sie Hilfe braucht, ist es kein Zeichen von Schwäche, diese anzunehmen – sondern von Mut.