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27. März 2026
Marianne Waldenfels
Wie Trauma unsere Beziehungen prägt: Verena König erklärt Ursachen, Folgen und Heilung. Ein Interview über Bindung, Nervensystem und Veränderung
Trauma entsteht, wenn belastende Erfahrungen vom Nervensystem nicht ausreichend verarbeitet werden können – und wirkt oft weit über das ursprüngliche Ereignis hinaus. Besonders prägend sind zwischenmenschliche Verletzungen, die unser Vertrauen, unsere Bindungsfähigkeit und unser Sicherheitsempfinden nachhaltig beeinflussen.
In ihrem aktuellen Buch „Trauma und Beziehungen“ zeigt die Traumatherapeutin Verena König, wie frühe Bindungserfahrungen und emotionale Verletzungen unser Nervensystem prägen. Im Interview erklärt König, warum genau diese Spuren unser Beziehungsverhalten bis ins Erwachsenenalter beeinflussen und welche Wege es gibt, alte Wunden zu heilen und neue Erfahrungen von Verbundenheit zu ermöglichen.
Was genau ist ein Trauma, woran erkenne ich es?
Ein Trauma ist mehr als ein belastendes oder schmerzhaftes Ereignis. Von Trauma sprechen wir dann, wenn ein Mensch durch ein Geschehen oder eine stark belastende Zeit so überwältigt wird, dass sein System die Erfahrung nicht ausreichend verarbeiten und integrieren kann. Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und existenzieller Bedrohung spielen hierbei eine entscheidende Rolle.
Maßgeblich ist also nicht nur, was passiert ist, sondern wie es im Nervensystem und im Erleben weiterwirkt und zwar in allen Bereichen unseres Lebens. Traumafolgen zeigen sich etwa darin, dass Sicherheit, Lebendigkeit und Verbundenheit verlorengehen und Schutz, Rückzug, Überanpassung, Kampf oder Erstarrung an ihre Stelle treten.
Diese Belastungen schlagen sich besonders in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen nieder. Man kann sagen: Trauma erkennen wir daran, wie wir Beziehungen erleben und gestalten.
Wie unterscheiden sich Traumata, die man von einem Menschen erlitten hat, von Traumata, die man beispielsweise durch eine Katastrophe erfahren hat?
Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Die Traumaforschung zeigt, dass menschengemachte, also interpersonelle Traumata oft komplexer wirken als Traumata durch Unfälle oder Naturkatastrophen. Wenn ein anderer Mensch zur Quelle von Schmerz, Gewalt, Demütigung oder Verrat wird, ist nicht nur das Sicherheitsgefühl erschüttert, sondern oft auch das Vertrauen selbst. Besonders tiefgreifend sind frühe Bindungstraumatisierungen, weil sie sich mitten in der Entwicklung des Selbst und der Beziehungsfähigkeit einprägen.

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Traumatherapeutin und Autorin Verena König
Was haben Traumafolgen gemeinsam? Wie wirken sich Traumata auf Körper und Seele aus?
Traumafolgen sind Ausdruck fortbestehender Schutz- und Überlebensreaktionen. Sie können sich psychisch, körperlich und relational zeigen. Dazu gehören etwa Flashbacks, Angst, depressive Zustände, Scham, chronische Anspannung, Selbstwertprobleme, Dissoziation, körperliche Beschwerden und Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung. Gemein ist all diesen Folgen, dass das Nervensystem aus seiner Balance geraten ist und die Welt eher als gefährlich denn als sicher erlebt wird. Wo eigentlich Verbundenheit sein sollte, treten dann Schutz, Wappnung und Abwehr in den Vordergrund.
Wie kann man Traumata verarbeiten und heilen, destruktive Muster hinter sich lassen?
Traumaverarbeitung ist in der Regel ein vielschichtiger und komplexer Prozess. Trauma heilt nicht allein durch Verständnis und kognitive Therapieansätze wie etwa die Gesprächstherapie. Heilung bedeutet in diesem Kontext die Integration von nicht verarbeiteten Erlebnissen.
Das heißt: Wir müssen verstehen lernen, wie unser Nervensystem mit dem unverarbeiteten Stress umgeht, alte Schutzmuster als sinnvolle Überlebensstrategien einordnen und Schritt für Schritt neue Erfahrungen von Sicherheit machen und diese verkörpern. Bewusstwerdung ist dafür zentral, denn was ins Licht des Bewusstseins kommt, kann sich verändern.
Destruktive Muster verlieren dann an Macht, wenn Menschen nicht nur ihre Symptome bekämpfen, sondern den Wunden dahinter begegnen und im Hier und Jetzt neue, heilsame Erfahrungen von Verbundenheit machen. Dies kann – ja nach Schwere der Symptome - in einem traumasensiblen Coaching oder einer intensiven ambulanten oder auch stationären Traumatherapie geschehen.
Wie oft werden Traumata an die nächste Generation weitergegeben? Wie kann man das vermeiden?
Eine eindeutige Zahl lässt sich dafür nicht nennen. Aber wir wissen aus Forschung und Praxis, dass unverarbeitete Traumata transgenerational und intergenerational weiterwirken können, vor allem über Bindung, Affektregulation, Beziehungsmuster und implizite Botschaften im Familien- und Gesellschaftsklima.
Kinder lernen nicht nur an Worten, sondern an Atmosphären, Reaktionen und an dem, was emotional möglich oder unmöglich ist. Vermeiden lässt sich diese Weitergabe nicht durch das Streben nach Perfektion, sondern durch Bewusstheit: indem Erwachsene ihre eigenen Wunden erkennen, Verantwortung für ihre Muster übernehmen und mehr emotionale Sicherheit, Berechenbarkeit und Würde in Beziehung bringen.
Wie wichtig sind frühkindliche Bindungserfahrungen?
Sie sind schlicht fundamental. Frühe Bindungserfahrungen prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere einschätzen und wie unser Nervensystem Nähe, Distanz, Konflikte und Bedürfnisse verarbeitet. Ein Kind erlernt über seine frühe Bindungserfahrungen nicht nur Beziehungsmuster, sondern auch das grundlegende Erleben von Sicherheit.
Wenn diese frühen Bindungserfahrungen von Verlässlichkeit und Zugewandtheit getragen sind, entsteht eher ein stabiles Fundament für Selbstwert und Verbundenheit. Wenn sie unsicher, widersprüchlich oder verletzend sind, kann das die gesamte spätere Beziehungsbiografie beeinflussen. Frühkindliche Bindungserfahrungen sind gewissermaßen die ersten inneren Landkarten, nach denen wir später oft unbewusst in Beziehungen navigieren.
Können Beziehungen im Erwachsenenleben alte Traumata heilen? Und wenn, wie?
Ja, Beziehungen können heilsam sein, aber nicht automatisch. Heilsam wirken Beziehungen dort, wo Sicherheit, Resonanz, Berechenbarkeit und Würde erfahrbar werden. Gerade weil Trauma häufig in Beziehungen entsteht, können neue Beziehungserfahrungen eine korrigierende Kraft entfalten.
In meinem Buch ist das ein zentraler Gedanke: Trauma geschieht in Beziehungen und Trauma heilt in Beziehungen. Das bedeutet nicht, dass eine gute Partnerschaft die Geschehnisse der Vergangenheit ungeschehen macht. Aber sichere Beziehungen können dem Nervensystem helfen, neue Erfahrungen zu verankern, sodass Schutzmuster allmählich weicher werden und wieder mehr Lebendigkeit und Vertrauen möglich werden.
Was ist die Ego-State-Therapie und wie kann sie sich positiv auf unsere Beziehungen auswirken?
Die Ego-State-Therapie ist ein Persönlichkeitsmodell und arbeitet mit der Vorstellung, dass unsere Persönlichkeit aus unterschiedlichen inneren Anteilen besteht. Manche Anteile tragen Verletzungen, manche Schutzstrategien, andere Ressourcen. Diese Sichtweise beschreibt nichts Pathologisches, sondern vielmehr den Ausdruck innerer Vielschichtigkeit.
Für Beziehungen ist dieses Modell sehr hilfreich, weil es Differenzierung ermöglicht: Statt sich vollständig mit einer Reaktion zu identifizieren, kann ein Mensch erkennen, dass gerade ein verletzter oder schützender Anteil aktiviert ist. Das schafft innere Distanz, die wiederum mehr Selbstmitgefühl und mehr Verantwortung im Kontakt mit anderen ermöglicht. Im Ergebnis werden Beziehungen oft klarer, weniger reaktiv und deutlich bewusster gestaltet.