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11. Mai 2026
Marianne Waldenfels
Neue Studien zu Long Covid und ME/CFS zeigen erstmals konkrete Hinweise auf Biomarker, Immunstörungen und mögliche Therapien
Long Covid und Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) gehören inzwischen zu den am intensivsten erforschten postviralen Erkrankungen weltweit. Millionen Menschen leiden nach einer Corona-Infektion unter chronischer Erschöpfung, Brain Fog, Schlafstörungen und einer drastisch eingeschränkten Belastbarkeit.
Noch vor wenigen Jahren wurde ME/CFS häufig missverstanden oder psychologisiert. Heute verändert sich die Sichtweise grundlegend. Neue Studien zu Immunstörungen, Biomarkern, Gefäßproblemen und Energieproduktion liefern erstmals konkrete biologische Hinweise auf die Ursachen von ME/CFS und Long Covid.
Für viele Betroffene ist die Erkrankung mit massiven Einschränkungen im Alltag verbunden. Selbst geringe körperliche oder geistige Belastungen können Beschwerden deutlich verschlimmern und soziale sowie berufliche Teilhabe nahezu unmöglich machen.
Die entscheidende Frage lautet nun: Wie weit ist die Forschung wirklich – und gibt es berechtigte Hoffnung auf bessere Diagnosen und Therapien?
ME/CFS wird heute international als chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung beschrieben. Das zentrale Merkmal ist die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM): eine deutliche Verschlechterung der Symptome nach körperlicher oder geistiger Belastung, oft mit Stunden oder sogar Tagen Verzögerung.
Mit der Corona-Pandemie rückten postvirale Erkrankungen plötzlich in den Mittelpunkt der Medizin. Millionen Menschen berichteten nach einer SARS-CoV-2-Infektion über Symptome, die ME/CFS stark ähneln: anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Belastungsintoleranz und PEM.
Dadurch veränderte sich auch die Wahrnehmung der Erkrankung. Was lange als selten oder schwer erklärbar galt, wurde zu einem internationalen Forschungsthema.
In Deutschland entstanden neue Studiennetzwerke und spezialisierte Zentren. Einrichtungen wie die Charité – Universitätsmedizin Berlin untersuchen inzwischen gezielt die biologischen Mechanismen hinter Long Covid und ME/CFS.
Die aktuelle Forschung konzentriert sich vor allem auf drei große Bereiche: Immunsystem, Gefäßfunktion und Energieproduktion der Zellen.
Mehrere Studien zeigen Hinweise auf eine anhaltend gestörte Immunreaktion nach Virusinfektionen. Besonders interessant sind sogenannte Autoantikörper – Antikörper, die körpereigene Strukturen angreifen könnten.
Forscher vermuten, dass dadurch Kreislaufregulation, Nervenfunktion oder Muskelaktivität beeinträchtigt werden könnten. Gleichzeitig untersuchen Wissenschaftler, ob reaktivierte Viren wie Epstein-Barr-Viren eine Rolle spielen.
Noch gibt es keine eindeutige Ursache. Doch erstmals entsteht ein biologisch nachvollziehbares Bild der Erkrankung.
Auch die Durchblutung steht zunehmend im Mittelpunkt. Forschungsgruppen untersuchen, ob Störungen der Mikrozirkulation oder der Gefäßfunktion zu Erschöpfung und Belastungsintoleranz beitragen könnten.
Im Gespräch sind unter anderem:
Diese Ansätze könnten erklären, warum viele Betroffene bereits nach geringer Belastung starke Symptome entwickeln.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Energiestoffwechsel. Wissenschaftler untersuchen derzeit, ob die Mitochondrien – die „Kraftwerke“ der Zellen – bei ME/CFS gestört arbeiten.
Hinweise auf Veränderungen im Muskelstoffwechsel und oxidativen Stress in wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten könnten erklären, warum selbst kleine Aktivitäten für manche Patienten zu schweren körperlichen Zusammenbrüchen führen.
Gerade dieses Phänomen gilt als zentral für das Verständnis von PEM.
Eines der größten Probleme bei ME/CFS war lange das Fehlen objektiver Tests. Viele Patienten warteten Jahre auf eine Diagnose.
Inzwischen suchen Forscher gezielt nach Biomarkern – also messbaren biologischen Veränderungen im Blut, Immunsystem oder Stoffwechsel. Moderne Analyseverfahren und KI-gestützte Datenmodelle helfen dabei, unterschiedliche Krankheitsmuster sichtbar zu machen.
Mehrere Arbeitsgruppen berichten bereits über auffällige Entzündungsmarker, Immunprofile oder Stoffwechselveränderungen bei Long Covid und ME/CFS.
Noch existiert allerdings kein allgemein anerkannter Labortest. Die Forschung befindet sich weiterhin in einer frühen Phase. Dennoch sehen Experten hierin einen wichtigen Fortschritt: Zum ersten Mal könnten sich unterschiedliche Formen postinfektiöser Erkrankungen biologisch unterscheiden lassen.
Die aktuelle Phase der Forschung ist geprägt von kontrollierten klinischen Studien – nicht von schnellen Heilungsversprechen.
Untersucht werden unter anderem:
An der Charité laufen beispielsweise Studien zu Immunadsorption und gefäßwirksamen Medikamenten bei Patienten mit postviralem ME/CFS.
Gleichzeitig verändert sich auch die Rehabilitation. Viele moderne Programme verzichten inzwischen auf starre Aktivierungsmodelle und setzen stattdessen auf sogenannte PEM-sensitive Ansätze. Dabei stehen Energie-Management, Belastungsgrenzen und „Pacing“ im Vordergrund.
Noch gibt es keine Heilung für ME/CFS und keinen allgemein anerkannten Standardtest. Die Diagnose basiert weiterhin vor allem auf klinischen Kriterien und dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Trotzdem hat sich die Situation grundlegend verändert.
Die Forschung zeigt zunehmend:
Die Hoffnung liegt deshalb weniger in einem schnellen Wundermittel als in einem schrittweisen, evidenzbasierten Verständnis der Erkrankung. Für Betroffene könnte genau das langfristig den entscheidenden Unterschied machen.
Ja. Studien zeigen, dass ein Teil der Long-Covid-Betroffenen die diagnostischen Kriterien für ME/CFS entwickelt. Besonders typisch sind chronische Erschöpfung, Brain Fog, Schlafstörungen und Post-Exertional Malaise (PEM).
PEM bezeichnet eine deutliche Verschlechterung der Symptome nach körperlicher oder geistiger Belastung. Die Reaktion tritt häufig zeitverzögert auf und kann Stunden oder Tage anhalten. PEM gilt als zentrales Merkmal von ME/CFS.
Noch nicht. Forscher untersuchen derzeit verschiedene Biomarker im Blut, Immunsystem und Stoffwechsel. Ziel ist ein objektiver Labortest für ME/CFS und Long Covid.
Derzeit gibt es keine allgemein anerkannte Heilung für ME/CFS. Allerdings laufen weltweit klinische Studien zu Immuntherapien, Medikamenten gegen Entzündungen und neuen Behandlungsansätzen für Long Covid und postvirale Erkrankungen.
Viele Betroffene reagieren empfindlich auf körperliche oder geistige Aktivität. Forscher vermuten, dass Störungen im Energiestoffwechsel, Immunsystem und autonomen Nervensystem dabei eine Rolle spielen könnten.
Viele Experten empfehlen derzeit sogenannte PEM-sensitive Strategien wie Pacing und Energie-Management. Dabei geht es darum, Belastungsgrenzen frühzeitig zu erkennen und schwere Symptomeinbrüche zu vermeiden.
Genaue Zahlen variieren. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass weltweit Millionen Menschen an Long Covid oder ME/CFS leiden – mit steigender Aufmerksamkeit seit der Corona-Pandemie.