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3. Mai 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Viele nehmen mit Ozempic und Wegovy schnell ab – verlieren dabei aber unbemerkt Muskelmasse. Physiotherapeut Nils Stützer erklärt, welches Training jetzt entscheidend ist

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Mit
Nils Stützer
Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro gelten als Durchbruch beim Abnehmen. Doch Experten warnen: Ohne gezieltes Training droht ein Verlust von Muskelmasse.
„Muskelabbau wird am effektivsten durch regelmäßiges Krafttraining verhindert“, erklärt Physiotherapeut und Personal Trainer Nils Stützer. Genau hier liege der entscheidende Hebel, um die positiven Effekte der Therapie langfristig zu sichern.
Die Wirkweise von GLP-1-Medikamenten ist ebenso effektiv wie einschneidend: Sie reduzieren den Appetit, verlangsamen die Magenentleerung und führen zu einer deutlich geringeren Kalorienaufnahme.
Was medizinisch gewünscht ist, hat jedoch eine Nebenwirkung. Der Körper erhält weniger Energie und – entscheidend – oft auch weniger Eiweiß. Gleichzeitig sinkt bei vielen Patienten die körperliche Aktivität.
Die Folge: Der Organismus greift nicht nur auf Fettreserven zurück, sondern baut auch Muskelgewebe ab.
„Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle. Selbst bei optimalem Training kann es ohne passende Ernährung zu Muskelabbau kommen“, betont Stützer. Besonders kritisch sei dabei eine unzureichende Proteinzufuhr.
Die gute Nachricht: Muskelverlust ist kein unausweichlicher Nebeneffekt. Laut Nils Stützer ist vor allem eine Trainingsform entscheidend:
„Ich empfehle hierbei ein klassisches Satztraining an Geräten, also Hypertrophietraining.“
Gerade für Einsteiger sieht er darin große Vorteile. „Computergestützte Geräte bieten einen großen Vorteil, da sie die Bewegungsgeschwindigkeit, den Bewegungsumfang sowie die Ausführung gezielt führen und unterstützen.“
Das reduziert nicht nur das Verletzungsrisiko, sondern erleichtert auch den Einstieg – ein wichtiger Faktor, da viele Patienten vor Beginn der Therapie wenig Bewegungserfahrung haben.
Ergänzend können auch andere Trainingsformen sinnvoll sein. „Ich empfehle zusätzlich Calisthenics, also Training mit dem eigenen Körpergewicht, sowie funktionelles Training mit Kleingeräten wie Lang- oder Kurzhanteln“, so Stützer.
Allerdings sei hier Vorsicht geboten: „Funktionelles Training erfordert eine gute Körperwahrnehmung, da es eine höhere Bewegungskontrolle verlangt. Andernfalls kann es zu Ausweichbewegungen kommen.“
Eine der häufigsten Fragen: Wie viel Training ist notwendig, um Muskelabbau zu verhindern? Stützer unterscheidet klar zwischen Prävention und aktivem Muskelaufbau.
Bereits ein vergleichsweise geringer Aufwand kann helfen, Muskeln zu erhalten. „Zur Prävention von Muskelabbau empfehle ich mindestens ein- bis zweimal pro Woche Training für 20 bis 30 Minuten“, erklärt er. Entscheidend sei dabei die Intensität: „Die letzte Wiederholung sollte deutlich anstrengend sein.“
Wer darüber hinaus gezielt Muskulatur aufbauen möchte, sollte häufiger trainieren. „Für Muskelaufbau sind mindestens zwei bis drei Einheiten pro Woche à 45 bis 60 Minuten sinnvoll.“
Dabei gehe es weniger um starre Trainingspläne als um die richtige Belastung:
„Es ist zweitrangig, ob Sie 12 oder 15 Wiederholungen durchführen – entscheidend ist, dass Sie in jedem Satz nahe an Ihre persönliche Belastungsgrenze kommen.“
Als Orientierung nennt er eine Belastung von etwa 8 auf einer Skala von 0 bis 10. Besonders wichtig: „Mindestens zweimal pro Woche sollten alle großen Muskelgruppen trainiert werden.“
Für viele Patienten ist Struktur entscheidend. Stützer empfiehlt eine Kombination aus Kraft, Bewegung und Regeneration.
Ein typischer Wochenplan könnte so aussehen: Zwei Einheiten Krafttraining, ergänzt durch eine Einheit Mobility, zum Beispiel Yoga, sowie moderates Ausdauertraining wie Walken, Laufen oder Radfahren. Dieser Mix sorgt dafür, dass die Muskulatur erhalten bleibt, ohne den Körper zu überfordern.
Die besondere Herausforderung: Der Körper befindet sich unter der Einnahme von Ozempic in einer veränderten Stoffwechsellage. „Ich habe Erfahrung mit Patienten, die parallel eine Abnehmspritze verwenden“, sagt Stützer. Dabei zeige sich immer wieder ein ähnliches Muster: Viele starten aus einem Zustand mit wenig Bewegung.
„Das bedeutet, dass zunächst Körperwahrnehmung und Trainingsverständnis aufgebaut werden müssen.“ Ein zu schneller Einstieg könne kontraproduktiv sein. „Wichtig ist, den Körper langsam und strukturiert an Belastungen heranzuführen und physiologische Anpassungsprozesse zu berücksichtigen.“
Hinzu kommt, dass Nebenwirkungen eine Rolle spielen können. „Zu Beginn treten teilweise Müdigkeit, Schwäche oder Kreislaufprobleme auf.“
Deshalb empfiehlt er, den eigenen Zustand regelmäßig zu überprüfen: „Vor jeder Trainingseinheit sollte man sich fragen, wie belastbar man aktuell ist – beispielsweise anhand von Herzfrequenz oder allgemeinem Wohlbefinden.“
Neben dem Training ist die Ernährung der zweite entscheidende Baustein. „Zunächst sollte der Grundumsatz bestimmt werden, um den Mindestenergiebedarf des Körpers zu kennen“, erklärt Stützer.
Besonders wichtig ist die Proteinzufuhr. Für den Muskelerhalt empfiehlt er etwa 1,2 bis 1,4 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Wer aktiv Muskeln aufbauen möchte, sollte sogar auf 1,6 bis 2,2 Gramm erhöhen.
Eine ausgewogene Ernährung mit möglichst wenig Zucker und wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln bildet dabei die Basis. In der Praxis kann es schwierig sein, diese Werte allein über die Ernährung zu erreichen. „Eine gezielte Supplementierung kann sinnvoll sein“, so Stützer.
Auch Kreatin könne eine unterstützende Rolle spielen: „Es verbessert die Energiebereitstellung in der Muskulatur und kann dadurch die Trainingsintensität steigern.“
Am Ende geht es um mehr als Training oder Ernährung allein. „Entscheidend ist eine nachhaltige Lifestyle-Änderung“, betont Stützer. Ohne diese bestehe die Gefahr, dass nach dem Absetzen der Medikamente ein Jo-Jo-Effekt eintritt oder die gewünschten Ergebnisse ausbleiben.
Die Abnehmspritze kann ein effektiver Startpunkt sein – langfristiger Erfolg entsteht jedoch durch Gewohnheiten.
Abnehmspritzen wie Wegovy ermöglichen eine effektive Gewichtsreduktion. Doch ohne gezielte Gegenmaßnahmen kann ein Teil dieses Erfolgs verloren gehen – in Form von Muskelmasse.
Die Lösung liegt in einem klaren Konzept: strukturiertes Krafttraining, ausreichende Eiweißzufuhr und ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper.
Oder, wie es Nils Stützer zusammenfasst: „Entscheidend ist, dass der Körper regelmäßig gefordert wird – nur dann hat er einen Grund, Muskulatur zu erhalten.“