
© PR/Dmea
24. April 2026
Moira Hammes
ePA, KI, Prävention und Gesundheitskompetenz – was den Kongress dieses Jahr geprägt hat und was das für die Zukunft des Gesundheitswesens bedeutet
Drei Tage DMEA in Berlin, Europas größtes Digital-Health-Event, und für mich jedes Mal ein guter Anlass, innezuhalten und zu beobachten, wo wir als System eigentlich gerade stehen. Was dieses Jahr anders war: „Connecting Digital Health" fühlte sich weniger wie ein Motto an und mehr wie eine echte Frage, auf die das gesamte Feld eine Antwort sucht – gemeinsam und mit spürbarem Druck.
Die Gespräche haben sich verändert. Sie wirken reifer, weniger defensiv, stärker auf Lösungen ausgerichtet. Die ePA ist nicht länger ein Streitthema, was sie vergangenes Jahr noch war – Annette Bennert, Fachärztin aus Dortmund, hat es treffend zusammengefasst: Wir sind von „Wie funktioniert das?" zu „Wie nutzen wir das?" gekommen.
Der Fokus liegt jetzt darauf, ob Daten wirklich einfließen, ob Prozesse im Alltag funktionieren und ob Ärztinnen und Ärzte tatsächlich etwas in der Akte finden, das ihre Entscheidungen besser macht.
Dass diese Entwicklung politisch gewollt und aktiv vorangetrieben wird, machte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken in ihrer Eröffnungskeynote deutlich. Mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherte verfügen inzwischen über die ePA – für Warken ein klares Signal, dass der Weg stimmt. Ihr Credo für die Legislaturperiode: „Wir wollen nicht an, sondern mit der Digitalisierung sparen."

© Moira Hammes
PMC-Redakteurin Moira Hammes auf der DMEA
Perspektivisch soll die ePA zur zentralen Anlaufstelle für die ambulante Erstversorgung werden – von der Ersteinschätzung bis zur Terminvergabe, ergänzt um eine Volltextsuche, die noch für Ende des Jahres geplant ist, und um Möglichkeiten für personalisierte Präventionsangebote der Kassen.
Auch Dr. Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der gematik, nahm auf der DMEA-Bühne eine bemerkenswert klare Haltung ein. Er verglich das Gesundheitssystem mit einem Orchester, das verlernt hat, gemeinsam zu spielen – mit zu vielen Datensilos, redundanten Untersuchungen und starren Strukturen, die Innovationen ausbremsen.
Die Digitalisierung sieht er als Katalysator, aber nicht als alleinige Lösung: Politische Leitlinien, Praxisnähe und digitale Intelligenz müssen zusammenkommen, und die gematik versteht sich dabei weniger als Dirigentin, sondern als diejenige, die dafür sorgt, dass überhaupt gespielt werden kann. Sein Wunsch für die Zukunft fasste die Stimmung des gesamten Kongresses gut zusammen: „Das System muss so gut werden wie die Menschen, die uns darin versorgen."
Wer in diesem und auch bereits im letzten Jahr durch die Hallen der DMEA lief, konnte eines nicht übersehen: Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig. Gefühlt jeder zweite Stand zeigte KI-gestützte Lösungen und der mit Abstand häufigste Anwendungsfall war Dokumentation. Sprachassistenten, die Arztbriefe in Echtzeit mitschreiben, Systeme, die Anamnesen strukturieren, Tools, die Pflegepersonal von administrativem Aufwand entlasten.
Die Versprechen klangen dabei vertraut, aber die Lösungen wirkten deutlich gewachsen. Daneben wurden auch Roboter präsentiert, die in der Pflege oder Logistik von Kliniken assistieren sollen, noch nah am Prototyp, aber nicht mehr weit entfernt vom Einsatz.
In Diskussionen wurde dabei immer wieder ein wichtiger Vorbehalt geäußert: KI-Systeme können Vorschläge machen, Dokumentation übernehmen und Muster erkennen, aber ohne digitale Kompetenz und kritisches Denken im Team drohen Deskilling und Abhängigkeiten. Die Verantwortung bleibt beim Menschen und das war auf der DMEA 2026 auch ein echter inhaltlicher Schwerpunkt.

© PR/DMEA
Eine der eindrücklichsten Keynotes kam von Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention. Ihr Thema: Healthy Longevity und ihr zentrales Argument war so einfach wie unbequem: Deutschland hat kein Gesundheitssystem, es hat ein Krankheitssystem. Wir reparieren, statt zu verhindern und das zu einem Preis, der langfristig nicht tragbar ist.
Longevity, so Gerlach, dürfe kein Eliten-Trend bleiben, kein Thema für Menschen, die sich teure Supplements und Biohacking-Programme leisten können. Gemeint sei etwas viel Grundlegenderes: gesunde Lebensjahre zu verlängern, körperlich wie mental und das für alle Bevölkerungsgruppen.
Bayern hat dafür einen “Masterplan Prävention mit rund 250 Maßnahmen entwickelt – von Bewegungsprogrammen an Grundschulen über kommunale Outdoor-Sportangebote bis hin zu Kraft- und Balancetraining in Pflegeeinrichtungen. Was dabei auffällt: Die Maßnahmen sind bewusst niedrigschwellig und alltagsnah gehalten, weil die schönste politische Strategie, wie Gerlach selbst sagte, nichts hilft, wenn sie nicht in der Praxis ankommt.
Eine Zahl, die mich auf dem Kongress nicht losgelassen hat: 55 % der Menschen in Deutschland haben eine geringe Gesundheitskompetenz. Laut Kathrin Hammes, Referentin im Stabsbereich Versorgung/Medizin der AOK, sind es sogar 63 % der Versicherten.
Was die Verknüpfung von subjektiven Befragungen mit GKV-Routinedaten zeigt, ist ernüchternd – wer das System nicht versteht, nutzt es häufiger, teurer und oft nicht zielgerichtet. Digitalisierung ohne Health Literacy wird damit schnell zum Kostentreiber: Eine ePA, ein digitaler Medikationsplan, KI-gestützte Assistenzsysteme – all das funktioniert nur dann, wenn Menschen Informationen finden, einordnen und anwenden können.
Dieser Gedanke führte direkt zur Keynote von Louis Teichmann, Rettungssanitäter und SPIEGEL-Bestsellerautor, der einen dringlichen Appell formulierte: Wenn 73 % der Menschen Schwierigkeiten haben, die Vertrauenswürdigkeit von Gesundheitsinformationen einzuschätzen, reicht es nicht, Falschinformationen im Nachhinein zu korrigieren, denn Falschinformationen im digitalen Raum sind schneller, lauter und emotionaler als jede Pressemitteilung.
Krankenhäuser, Kassen und Mediziner:innen müssen Orientierung geben, bevor falsche Fakten viral gehen, nicht danach. Sein Apell daher: „Agieren statt reagieren."
Aus der Frage nach Gesundheitskompetenz folgte auf der DMEA in einer Oxford Style Debate zum Gender Health Gap eine noch tiefergehende: Kann digitale Medizin auch gerechtere Medizin werden – nicht nur mit Blick auf Geschlecht, sondern auch auf Ethnizität, Alter und sozioökonomischen Status diskutierten Brenya Adjei, Geschäftsführung gematik, Dr. med. Mertcan Usluer, Arzt und Journalist, Beatrice Aretz, HealthTech CEO & Founder, sowie Bernd Fiedler, Senior Director Siemens Healthineers.
Algorithmen und Datenräume sind nie neutral und wenn wir ein System digitalisieren, das bestimmte Gruppen strukturell benachteiligt, bilden wir diese Ungerechtigkeiten nicht nur ab, wir skalieren sie. Gleichzeitig liegt genau hier eine echte Chance: Mit divers erhobenen Daten, guter Governance und interdisziplinären und diversen Teams können digitale Anwendungen Versorgungslücken sichtbar machen und schließen.
Ob Digitalisierung Diskriminierung verstärkt oder abbaut, entscheidet sich daran, wie konsequent Intersektionalität in Entwicklung, Regulierung und Praxis der digitalen Medizin mitgedacht wird.
Mein persönliches Fazit nach drei Tagen: Die spannendsten Digital-Health-Fragen 2026 drehen sich nicht mehr darum, was Technologie kann. Sie drehen sich darum, wie wir Datenräume, Kommunikation und Kompetenzen so gestalten, dass Menschen wirklich mit diesem System arbeiten können und wir als Gesellschaft auch tatsächlich von ihm profitieren. Das ist die eigentliche Aufgabe. Und es war auf der DMEA dieses Jahr deutlicher zu spüren als je zuvor, dass die Branche das weiß.