
© Melanie Bauer
8. Mai 2026
Marianne Waldenfels
Sterneköchin Julia Komp spricht im Interview über Michelin-Sterne, ihre Weltreise, Kimchi, internationale Küche und ihr Restaurant Sahila in Köln
2016 wurde sie für ihre Kochkünste im Restaurant „Schloss Loersfeld“ zu Deutschlands jüngster Sterneköchin gekürt, da war Julia Komp gerade einmal 27. Drei Jahre später ging sie auf eine 14-monatige Weltreise, arbeitete in großen und kleinen Küchen und fand viel über authentische Geschmäcker heraus.
Mit großem kulinarischem Erfolg: 2020 wurde sie zur „Köchin des Jahres“ ausgezeichnet, Ende 2021 eröffnete sie ihr eigenes Restaurant „Sahila“ (Anführerin der Sterne) in Köln, das ein Jahr später mit einem Stern ausgezeichnet wurde. Im „Sahila“ treffen internationale Gerichte auf Regionalität: Auch wenn die Aromen auf den Teller oft exotisch anmuten, stammt ein Großteil des Gemüses doch aus einem Umkreis von 30 Kilometern.
Die Inspirationen für das Menü, das alle zwei Monate wechselt, stammen unter anderem aus Korea, Marokko, Japan, Indien und Malaysia. Außerdem führt Julia Komp, die ursprünglich eigentlich Hotelfachfrau werden wollte und während eines Praktikums ihre Leidenschaft fürs Kochen entdeckte, gemeinsam mit ihrem Partner Yunus Özananar die Mezze-Bar Yu*lia.
Der erste Stern schon mit 27 – warum haben Sie sich danach entschlossen, auf Weltreise zu gehen? Hatten Sie keine Sorge, dass Ihre Karriere darunter leiden könnte?
Ich war zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung, hatte mit 19 Jahren meine Ausbildung begonnen und anschließend unter anderem im Vorstandskasino des TÜV Rheinland sowie als Sous-Chefin im Restaurant „La poêle d’Or“ gearbeitet. Die Stelle im Restaurant „Schloss Loersfeld“ war meine dritte Station nach der Ausbildung.
Ich habe dort vier Jahre lang gekocht – eine sehr prägende Zeit. Dennoch hatte ich das Gefühl, noch nicht genug gesehen und erlebt zu haben, um mich wirklich weiterentwickeln zu können. Gleichzeitig empfand ich es als schwierig, mit einem Stern im Lebenslauf einfach bei einem anderen Kollegen „anzufangen“.
Deshalb habe ich mich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Während meiner 14-monatigen Reise habe ich in unterschiedlichsten Küchen gearbeitet – von kleinen Garküchen in Vietnam bis hin zu renommierten Drei-Sterne-Restaurants in Tokio. Das hat mich fachlich und persönlich enorm bereichert.
Sie haben einmal erwähnt, dass diese Weltreise auch etwas mit Kimchi zu tun hatte?
Ganz genau. Es ging mir grundsätzlich um die Frage, wie man authentische Gerichte zubereiten kann, wenn man sie nie in ihrem Ursprungsland probiert hat. In Schloss Loersfeld hatten wir zum Beispiel Kimchi fermentiert – mein Kollege, der sehr experimentierfreudig war, servierte ihn mit rohen Austern.
Der Geschmack war extrem sauer und prickelte auf der Zunge – ein ungewöhnliches Erlebnis. Die Fermentation war uns damals noch fremd – wir kannten sie eigentlich nur vom Sauerkraut. Das war der Moment, in dem ich entschied, nach Korea zu reisen, um den authentischen Geschmack von Kimchi zu verstehen. Die asiatische wie auch die orientalische Küche haben mich ohnehin schon immer fasziniert. Meine Großmutter hatte eine Wohnung in Sousse, in Tunesien – dort verbrachte ich als Kind oft die Ferien.
Haben Sie denn auf Ihrer Weltreise auch ein neues Lieblingsrestaurant gefunden?
Besonders wohl gefühlt habe ich mich in Malaysia – unter anderem im Restaurant „Dewakan“ in Kuala Lumpur. Es hatte damals schon ein starkes Konzept, ein exzellentes Team und eine beeindruckende Küche in edlem Matt-schwarz. Heute trägt es zwei Michelin-Sterne und einen Grünen Stern. Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, dort als Küchenchefin zu arbeiten.
Gibt es ein Gericht, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Sehr viele sogar. Ich habe 14 Monate lang vor allem das gegessen, was die Einheimischen selbst zu sich nehmen. Die Küche eines Landes ist oft auch sein Herzstück. Im Oman zum Beispiel wurden große Platten mit Reis und geschmor-tem Fleisch serviert, die man im Sitzen auf dem Boden genießt – das war beeindruckend.
In Indien habe ich viel Streetfood probiert, meist gemeinsam mit Kollegen aus der Küche. Die indische Küche hat mich besonders begeistert – sie ist sehr vielfältig und gewürzintensiv: Kardamom, Zimt, Nelken, Curryblätter … Unvergessen bleibt auch der Fisch in Japan – unglaublich frisch, meist nur ein bis eineinhalb Tage zwischen Fang und Verkauf. Oder die Tomaten und Melonen dort – zum Teil wahnsinnig teuer, aber geschmacklich absolut überzeugend.
Und was war enttäuschend?
Die vietnamesische Küche konnte mich leider nicht voll-ständig überzeugen. In Korea hingegen habe ich sie als wohltuenden Kontrast empfunden – nach den intensiven Glutamat- und Zuckeraromen Vietnams und dem fettigen Essen Chinas. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gericht aus Korea: gefülltes Stubenküken in einer heißen Ginseng-Suppe. Sehr würzig, sehr kraftvoll – genau nach meinem Geschmack. Ich mag keine lauwarmen Speisen – man wird davon nicht richtig satt und isst oft zu viel.
Wie entwickelt man als Köchin eine eigene Handschrift?
Während meiner Ausbildung stand klassische deutsche, österreichische und französische Küche im Fokus. Heute findet man davon nur noch wenig auf meinen Tellern. Alles, was im „Sahila“ serviert wird, ist meine ganz persönliche Handschrift. Ich habe nicht unter einem berühm-ten Drei-Sterne-Koch gelernt – das hat mir die Freiheit gegeben, meinen eigenen Stil zu entwickeln. Hätte ich beispielsweise vier Jahre bei Dieter Müller, Harald Wohlfahrt oder Jan Hartwig gearbeitet, wäre ihr Einfluss sicher deutlich spürbar gewesen.
Muss man Trends folgen, um an der Spitze mitzukochen – etwa wie einst der Molekularküche?
Wir nutzen durchaus noch Techniken der Molekularküche, aber ich persönlich konnte mich nie mit der sehr puristischen nordischen Küche identifizieren, die eine Zeit lang im Trend lag. Ich liebe es, einem scheinbar einfachen Produkt eine Bühne zu geben – zum Beispiel einer Karotte, die – inspiriert von der Küche Äthiopiens – durch regionale Gewürze und Zubereitungsarten in Szene gesetzt wird. Gewürze spielen in meiner Küche generell eine zentrale Rolle: Kardamom, Pfeffer, Sternanis – sie verleihen Tiefe und Charakter.
Wie groß ist der Druck, den man nach dem ersten Stern verspürt – gerade, wenn man ihn behalten oder sogar einen zweiten erkochen möchte?
Natürlich ist Druck da. Die Qualität muss konstant stimmen – vor allem dann, wenn ein Tester kommt. Ein Stern kann auch wieder verloren gehen. Aber unser Ziel ist klar: Wir möchten den zweiten Stern erkochen. Dafür arbeiten wir jeden Tag mit höchstem Anspruch.
Was muss man dafür tun?
Das oberste Prinzip lautet: Perfektion. Jedes Gericht muss auf konstant hohem Niveau zubereitet sein und punktgenau gelingen.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Mein Tag beginnt meist gegen 10 Uhr mit einer Stunde Sport – Yoga oder Pilates. Danach gibt es Frühstück. Spätestens um 12 Uhr bin ich im Restaurant, ab 13 Uhr geht es in der Küche los – und das meist bis Mitternacht. Sie arbeiten mit Ihrem Mann zusammen. Gibt es da manchmal Reibungen?
Natürlich, das bleibt nicht aus. Aber wir schaffen es in der Regel, gut miteinander umzugehen. Ich bin den ganzen Tag in der Küche, er kümmert sich vor allem um das Büro und unsere Mezze-Bar „Yu*lia“.
Und wer kocht bei Ihnen zu Hause?
Ehrlich gesagt niemand. Dafür fehlt uns einfach die Zeit. Wir haben nur den Sonntag und Montag frei, und an diesen Tagen erledigt man den Haushalt, trifft Familie oder Freunde.
Sie vertreiben Ihr eigenes Olivenöl unter dem Namen Kenzolie. Wie kam es dazu?
Ich habe auf einer meiner Reisen ein kleines Familienunternehmen in den tunesischen Bergen entdeckt, das ein hervorragendes Olivenöl herstellt – handgepflückt, sortenrein, biologisch und von höchster Qualität. Ich war sofort begeistert und habe beschlossen, es unter dem Namen „Kenzolie“ zu importieren. Leider kann ich dieses Geschäft aus Zeitgründen nicht selbst weiterführen – aber das Produkt liegt mir weiterhin sehr am Herzen.