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10. März 2026
PMC Redaktion
Prof. Dr. Christopher Bohr erklärt, wie der Kehlkopf funktioniert und wie moderne Implantate bei Stimmlippenlähmung die Stimme dauerhaft wiederherstellen können.

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Mit
Prof. Dr. Christopher Bohr
Was macht uns als sprechende Spezies aus – und was passiert, wenn dieses kleine, verborgene Organ versagt? Prof. Dr. Christopher Bohr nahm die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der PMC Conference 2026 mit auf eine faszinierende Reise durch das komplexeste Ventil des menschlichen Körpers.
Mitten im Hals, gut versteckt und von einem verknöchernden Knorpelgerüst geschützt, sitzt ein Organ, dem wir selten die Aufmerksamkeit schenken, die es verdient: der Kehlkopf. Bohr eröffnete seinen Vortrag mit einem klaren Statement über die biologische Grundfunktion: „In der Welt der Tiere ist es nur ein Ventil – das Ventil, das beim Schlucken davor schützen soll, dass Flüssigkeiten oder Nahrungsmittel in die Lunge eindringen und dort Entzündungen verursachen."
Beim Menschen hat die Evolution dieses einfache Schließprinzip zu etwas weit Komplizierterem weiterentwickelt. Der Kehlkopf ist mit einem hochkomplexen Muskelsystem ausgestattet, alle Muskeln versorgt durch ein und denselben Nerv. Seine strategische Lage unterhalb des Kinns schützt ihn auch vor äußeren Einwirkungen: „Deswegen kommt es selten zu Kehlkopfverletzungen – aber wenn sie da sind, können sie Schlimmes verursachen," so Prof. Bohr.
Die Stimmbildung ist ein physikalisches Kunststück. Die Lunge produziert beim Ausatmen einen kontinuierlichen Luftstrom – der Kehlkopf wandelt diesen in einen periodisch gepulsten Luftstrom um, der als Schallwelle im Ohr ankommt. Rachen, Mundhöhle, Zunge und Gaumen formen daraus Vokale, Konsonanten und schließlich Sprache. Die Frequenz, mit der das geschehen muss, ist beeindruckend: „Die treibende Kraft ist die Ausatemluft aus der Lunge. Die muss periodisch unterbrochen werden – bei mir ungefähr 150 Mal pro Sekunde," sagte Prof. Bohr.
Aktive Muskelsteuerung mit 150 Impulsen pro Sekunde ist biologisch unmöglich – die Stimmlippen schwingen passiv. Ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Muskeltonus und dem Luftdruck von unten lässt das System in Resonanz geraten. Prof. Bohr erklärte das Prinzip mit einem anschaulichen Vergleich: „Ähnlich wie ein Deckel auf einem Kochtopf: Wenn der Druck genau dieselbe Masse wie der Deckel hat, hebt sich der Deckel – es entweicht Druck, der Deckel fällt wieder runter. Es kommt zur Vibration."
Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde dieses Prinzip 1958 von Janwillem van den Berg – zeitgleich filmte ein Forscher in Erlangen die Schwingung mit stroboskopischer Kamera. fasste Dr. Bohr zusammen.
Für gesunden Stimmklang müssen drei Komponenten im Gleichgewicht stehen: die laminäre Strömung als Hauptkomponente, der gewebsinduzierte Schall sowie Randturbulenzen an den Rändern des Luftstroms. Gerät dieses Gleichgewicht aus dem Lot, entsteht Heiserkeit – im schlimmsten Fall bricht die Stimme ganz zusammen.
Die Stimmlippenlähmung zählt zu den einschneidendsten Beeinträchtigungen im HNO-Bereich. Bohr sprach offen über die gesellschaftliche Dimension: „Es ist unvorstellbar, wie viel die Lebensqualität darunter leidet, wenn wir keine Stimme mehr haben. Unsere Gesellschaft ist absolut darauf ausgelegt, dass unsere Stimme funktioniert. Noch nie war es so wichtig wie heute, eine gute Stimme zu haben."
Bei einer Lähmung atrophiert der betroffene Muskel, das Volumen der Stimmlippe nimmt ab, die Elastizität lässt nach und die Lage verändert sich ungünstig. Ziel der Behandlung ist es, Volumen wiederherzustellen, die korrekte Position zu sichern und die Gewebestraffheit zu verbessern.
Die erste Behandlungsoption ist eine Injektion von Hyaluronsäure direkt in die Stimmlippe. Der Eingriff schafft sofort sichtbares Volumen und schiebt die Lippe wieder zur Mitte. „Der Patient hat tatsächlich die Möglichkeit, wieder Stimme zu bilden. Aber Hyaluronsäure baut sich schnell ab – nach sechs Wochen ist alles wieder wie vorher," so der Mediziner.
Die Suche nach einer dauerhaften Lösung führte zur Entwicklung von Silikon-Implantaten, die über ein kleines Fenster im Kehlkopf eingesetzt werden. Da jeder Kehlkopf individuelle Maße hat, musste jedes Implantat zunächst manuell angepasst werden. Eine neue Generation macht diesen Prozess überflüssig: „Dieses Silikonkissen kann man mit Wasser füllen und dadurch unterschiedlich groß machen. Man kann nachjustieren – und das ist ein ganz großer Vorteil," erklärte Prof. Bohr.
Das befüllbare Implantat erlaubt es, auch noch Wochen nach der Operation den Füllstand durch eine einfache Injektion anzupassen. Nach Abklingen der Abschwellung lässt sich die genaue Positionierung der Stimmlippe präzise nachkorrigieren.
Prof. Bohr zog ein eindeutiges Fazit: „Ich habe viel mehr Freiraum und deutlich bessere und konstantere Ergebnisse mit diesem Implantat. Es lässt sich tatsächlich auch sehr standardisiert einsetzen." Was als komplexer, individuell geschnitzter Eingriff begann, ist heute ein standardisierbares Verfahren mit vorhersehbaren Ergebnissen.
Stimme ist mehr als Schall – sie ist soziale Teilhabe, Identität und Berufsgrundlage. Dr. Bohr brachte es abschließend auf den Punkt: „Stimme ist ein wirklich komplexes Konstrukt aus mehreren Komponenten – für uns aber wahnsinnig wichtig im Alltag." Mit den aktuellen chirurgischen Möglichkeiten ist der Weg zurück zur Stimme heute kürzer, sicherer und präziser als je zuvor.