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15. Juni 2026
Christine Bürg and Marianne Waldenfels
Die Ursache vieler Beschwerden liegt nicht immer dort, wo die Symptome auftreten. Dr. Christoph Wenninger erklärt, welche Rolle Kiefergelenke, Entzündungen und moderne Prävention für die Gesundheit des gesamten Körpers spielen

Ein Interview mit
Dr. Christoph Wenninger
Viele Erkrankungen entwickeln sich schleichend und bleiben lange unbemerkt. Dabei liefert der Mundraum oft frühzeitig Hinweise darauf, dass im Körper etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gleichzeitig können Entzündungen, Funktionsstörungen oder Fehlbelastungen im Kiefer Beschwerden begünstigen, die auf den ersten Blick nichts mit den Zähnen zu tun haben.
Dr. Christoph Wenninger setzt deshalb auf einen ganzheitlichen Ansatz, der Zahnmedizin mit anderen Fachrichtungen verbindet. Im Interview spricht er über die Zusammenhänge zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit, moderne Diagnostik und die Chancen einer konsequenten Prävention.
Herr Dr. Wenninger, viele Menschen leiden unter Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen, ohne die Ursache zu kennen. Wann sollte man auch an die Zähne denken?
Das ist tatsächlich eine sehr häufige Situation. Viele Patienten kommen zu uns, nachdem sie bereits bei HNO-Ärzten, Orthopäden oder anderen Fachärzten waren und dort keine Erklärung für ihre Beschwerden gefunden haben. Gerade bei Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen, aber auch bei Tinnitus oder Schwindel lohnt sich ein Blick auf den Kieferbereich. Vieles kann seine Ursache im Kiefergelenk haben.
Welche Rolle spielt dabei das Zähneknirschen?
Eine sehr große. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Beschwerden durch Knirschen und Pressen ausgelöst werden können. Ich erinnere mich an einen Patienten, der monatelang unter Schwindel litt und zahlreiche Ärzte aufgesucht hatte. Gemeinsam mit einem Osteopathen konnten wir feststellen, dass die Beschwerden überwiegend durch nächtliches Knirschen und Pressen verursacht wurden. Danach konnten wir ihm gezielt helfen.
Sie arbeiten also eng mit anderen Fachbereichen zusammen?
Absolut. Gerade bei der sogenannten Craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD, ist das entscheidend. CMD ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Symptomkomplex. Die eigentlichen Ursachen können sehr unterschiedlich sein und liegen häufig nicht ausschließlich im Mund- und Kieferbereich. Deshalb arbeiten wir eng mit Osteopathen, Physiotherapeuten, Orthopäden und weiteren Spezialisten zusammen.
Können Sie anhand der Mundgesundheit erkennen, ob möglicherweise andere Erkrankungen vorliegen?
Bestimmte Hinweise sehen wir durchaus. Geschwollenes Zahnfleisch oder Zahnfleischbluten können erste Anzeichen für entzündliche Prozesse sein. Heute wissen wir, dass Entzündungen im Mundraum deutliche Auswirkungen auf den gesamten Körper haben können. Deshalb prüfen wir sehr genau, ob es sich um eine lokale Entzündung handelt oder ob bereits systemische Zusammenhänge bestehen.
Warum gilt Parodontitis als so gefährlich?
Parodontitis ist eine bakterielle Entzündung des Zahnhalteapparates. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass das Zahnfleisch keine vollständig geschlossene Barriere bildet. Vereinfacht gesagt entsteht bei einer fortgeschrittenen Parodontitis eine chronische offene Wunde, über die Bakterien und Entzündungsstoffe in den Körper gelangen können.
Welche Folgen kann das haben?
Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass Parodontitis zahlreiche Erkrankungen beeinflussen oder verstärken kann. Dazu gehören beispielsweise Arteriosklerose, bestimmte Formen von Demenz und möglicherweise auch verschiedene Krebsarten. Deshalb sollte Zahnfleischbluten niemals als harmlos angesehen werden.
Die Diagnostik hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Welche Möglichkeiten gibt es heute?
Die Digitalisierung hat enorme Fortschritte gebracht. Wir können heute sehr viele Daten digital erfassen und analysieren. Dazu gehören Bewegungsanalysen des Kiefergelenks, digitale Bissanalysen und dreidimensionale Bildgebung. Dadurch erhalten wir ein sehr präzises Bild der individuellen Situation und können dem Patienten die Zusammenhänge auch anschaulich erklären.
CMD kann zahlreiche Beschwerden verursachen. Was sind die häufigsten Ursachen?
Stress spielt eine zentrale Rolle. Durch nächtliches, meist unbewusstes Knirschen und Pressen entsteht eine enorme Belastung für den Zahnhalteapparat sowie die Muskulatur im Kopf-, Nacken- und Rückenbereich. Gleichzeitig können die Ursachen aber auch außerhalb der Zahnmedizin liegen. Orthopädische Fehlstellungen oder andere körperliche Probleme können ebenfalls zu einer CMD führen.
Warum ist die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen dabei so wichtig?
Weil die Ursache eben nicht immer dort liegt, wo die Beschwerden auftreten. Ein Patient kann Schmerzen im Kiefer haben, obwohl die eigentliche Ursache beispielsweise im Bewegungsapparat liegt. Deshalb ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit für uns ein wesentlicher Bestandteil der Diagnostik und Therapie.
Immer wieder wird über wurzelbehandelte Zähne diskutiert. Können sie den Körper belasten?
Grundsätzlich können wurzelbehandelte Zähne sehr gut im Körper verbleiben. Problematisch kann es werden, wenn aufgrund komplexer Anatomie nicht alle Bakterien entfernt werden können. Dann können Stoffwechselprodukte und Entzündungen entstehen, die den Organismus belasten. Dank moderner Diagnostik können wir heute jedoch sehr genau beurteilen, ob ein wurzelbehandelter Zahn unauffällig ist oder möglicherweise Probleme verursacht.
Und wie sieht es mit Amalgamfüllungen aus?
Auch hier sollte man differenzieren. Manche Menschen vertragen Amalgam problemlos, andere reagieren empfindlicher. Deshalb betrachten wir jeden Fall individuell. Eine pauschale Aussage, dass Amalgam grundsätzlich schädlich ist, wäre wissenschaftlich nicht korrekt.
Ein weiteres Thema Ihrer Praxis ist die Schlafapnoe. Welche Rolle spielen dabei Kiefer und Zähne?
Eine sehr wichtige. Bei vielen Patienten fällt der Unterkiefer während des Schlafs nach hinten, wodurch die Atemwege eingeengt werden. Dadurch kann die Sauerstoffversorgung gestört werden, was langfristig erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann.
Wie können Sie hier helfen?
Mit moderner Diagnostik können wir die Anatomie der Atemwege genau beurteilen. In vielen Fällen helfen spezielle Unterkieferprotrusionsschienen, die den Unterkiefer nachts leicht nach vorne verlagern und dadurch die Atemwege offenhalten. Oft lässt sich so bereits eine deutliche Verbesserung erzielen.
Ihr Konzept setzt stark auf Prävention. Was bedeutet das konkret?
Für mich beginnt Prävention mit Zuhören. Wenn ein Patient zum ersten Mal zu uns kommt, sitzt er zunächst nicht auf dem Behandlungsstuhl, sondern in meinem Büro. Dort sprechen wir ausführlich über seine Beschwerden, seine Vorgeschichte und seine Erwartungen. In diesen Gesprächen erfährt man oft bereits sehr viel über mögliche Ursachen und Zusammenhänge.
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Vertrauen. Nur wenn Patienten sich öffnen und ihre Geschichte erzählen können, entsteht die Grundlage für eine wirklich individuelle Behandlung. Genau daraus entwickelt sich dann ein Konzept, das nicht nur Symptome behandelt, sondern langfristig zur Gesundheit beiträgt.

Physiotherapeut und Health Coach Andreas Stollreiter über die Philosophie der Osteopathie, die Suche nach den Ursachen von Beschwerden und die überraschenden Verbindungen zwischen Bewegungsapparat, Darm, Nervensystem und Psyche
Christine Bürg and Marianne Waldenfels