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1. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
ADHS betrifft nicht nur Kinder. Immer mehr Erwachsene erhalten heute die Diagnose – oft erst nach Jahren der Unsicherheit. Psychiater Prof. Andreas Menke erklärt, woran ADHS zu erkennen ist, welche Behandlung hilft und warum die Erkrankung auch mit besonderen Stärken verbunden sein kann.

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke
ADHS galt lange als klassische Kinderkrankheit. Heute erhalten immer mehr Erwachsene die Diagnose – oft erst nach Jahren der Unsicherheit. Ist ADHS tatsächlich häufiger geworden oder wird die Erkrankung heute einfach besser erkannt? Woran lässt sie sich erkennen und welche Behandlung hilft? Darüber spricht Prof. Dr. Andreas Menke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Medical Park Chiemsee.
Herr Professor Menke, immer mehr Menschen sprechen offen über ihre ADHS-Diagnose. Ist das ein Trend oder wird ADHS heute einfach besser erkannt?
Tatsächlich könnte man den Eindruck bekommen, dass ADHS gerade ein Trendthema ist. Es wird heute viel mehr darüber gesprochen und publiziert. Das ist aber wichtig, denn viele Menschen wissen nach wie vor zu wenig über die Erkrankung. Viele Patientinnen und Patienten wissen gar nicht, dass sie ADHS haben.
Lange Zeit wurde ADHS nur bei Kindern anerkannt. Damals ging man davon aus, dass die Erkrankung mit dem 18. Lebensjahr einfach verschwindet. Das ist natürlich Quatsch. Erst in den vergangenen Jahren wurde erkannt, dass ADHS auch Erwachsene betrifft. Dadurch erhalten heute deutlich mehr Betroffene die richtige Diagnose und die notwendige Behandlung.
Was genau versteht man unter ADHS?
ADHS ist eine neuronale Entwicklungsstörung mit einer typischen Symptomkonstellation. Dazu gehören Störungen der Aufmerksamkeit, der Impulsivität und der Hyperaktivität, wobei Letztere nicht bei allen Betroffenen gleich stark ausgeprägt ist. Häufig kommen auch Stimmungsschwankungen hinzu.
Oft sind Menschen mit ADHS leicht ablenkbar, fangen mehrere Dinge gleichzeitig an und haben Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen. Sie brauchen viel Energie, um sich zu strukturieren, und haben oft Probleme mit Planung und Organisation. Die Gedanken sind überall, aber nicht unbedingt da, wo sie gerade sein sollten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Stressresistenz. Sie ist häufig geringer. Gleichzeitig führt ADHS dazu, dass man sich selbst zusätzlichen Stress macht. Die Kombination aus mehr Stress, selbst erzeugtem Stress und einer geringeren Stressresistenz ist natürlich nicht gerade optimal.
Was sind die häufigsten Ursachen für ADHS?
ADHS ist eine hoch vererbbare Erkrankung. Die Vererbbarkeit liegt bei rund 80 Prozent. Das bedeutet, dass die Ursache überwiegend genetisch ist.
Die übrigen etwa 20 Prozent entfallen auf Umweltfaktoren, die vor allem während der Schwangerschaft eine Rolle spielen können – etwa Rauchen, Alkoholkonsum oder bestimmte Umweltgifte.
Wichtig ist aber: ADHS entsteht nicht dadurch, dass jemand im Laufe seines Lebens besonders viel Stress hat. Anders als beispielsweise bei einer Depression entwickelt sich ADHS nicht erst im Erwachsenenalter. Entweder die genetische Veranlagung ist vorhanden oder nicht.
Unterscheiden sich die Symptome bei Kindern und Erwachsenen?
Im Grundsatz sind die Symptome ähnlich, sie können sich aber unterschiedlich äußern. Bei Kindern steht häufig die Hyperaktivität im Vordergrund – das klassische Bild des „Zappelphilipp“. Im Erwachsenenalter nimmt diese körperliche Unruhe oft etwas ab, während Probleme mit Aufmerksamkeit, Organisation und Struktur meist bestehen bleiben.
Hinzu kommt, dass sich ADHS bei Mädchen häufig anders zeigt als bei Jungen. Mädchen sind oft vor allem unaufmerksam und gelten deshalb eher als verträumt oder unkonzentriert. Dadurch wird ADHS bei ihnen nicht selten übersehen und erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.
Erhöht ADHS auch das Risiko für andere Erkrankungen?
Ja. Menschen mit ADHS haben unter anderem ein höheres Risiko für Suchterkrankungen, weil sie häufig nach dem nächsten Kick suchen. Viele Eltern haben deshalb Sorge, dass ADHS-Medikamente abhängig machen könnten. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall: Mit der Medikation ist das Risiko, später eine Suchterkrankung zu entwickeln, sogar geringer.
Außerdem gehören Depressionen zu den häufigsten Begleiterkrankungen. Menschen mit ADHS müssen sehr viel Energie aufbringen, um sich zu organisieren. Gleichzeitig ist ihre Stressresistenz häufig geringer. Diese dauerhafte Belastung kann dazu führen, dass sich zusätzlich eine Depression entwickelt.
ADHS wird oft auch mit Kreativität in Verbindung gebracht. Ist da etwas dran?
Ja, durchaus. ADHS hat nicht nur Nachteile. Die Erkrankung ist zu mehr als 80 Prozent genetisch bedingt. Da kann man sich schon fragen, warum sie sich im Laufe der Evolution nicht längst verloren hat. Das spricht dafür, dass ADHS auch positive Seiten hat.
Viele Menschen mit ADHS sind besonders kreativ, neugierig und haben eine schnelle Auffassungsgabe. Sie denken häufig nicht nur auf den vorgegebenen Wegen, sondern auch darüber hinaus. Gerade daraus können neue Ideen und ungewöhnliche Lösungswege entstehen. Außerdem beobachten wir bei vielen Betroffenen ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden.
Natürlich bringt ADHS im Alltag viele Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig sehen wir aber auch immer wieder, dass genau diese Eigenschaften in den unterschiedlichsten Berufen und Lebensbereichen eine große Stärke sein können.
Wenn ich den Verdacht habe, ADHS zu haben – an wen sollte ich mich wenden?
Am besten an einen Psychiater oder eine Psychiaterin beziehungsweise an einen psychologischen Psychotherapeuten oder eine psychologische Psychotherapeutin. Dort kann zunächst in einem ausführlichen Gespräch geklärt werden, ob die Kriterien für ADHS erfüllt sind.
ADHS ist eine klinische Diagnose. Das bedeutet, dass nicht ein einzelner Test entscheidet. Ergänzend werden standardisierte Testverfahren eingesetzt und es wird geprüft, ob die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben.
Man muss ADHS dabei nicht zwangsläufig als Krankheit verstehen. Man kann es auch als eine andere Form der Entwicklung und des Funktionierens des Gehirns betrachten. Wenn die Symptome jedoch zu einem hohen Leidensdruck führen, gibt es heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Bei einer schweren ADHS-Symptomatik empfehlen die Leitlinien in der Regel zunächst Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetamine.
Das klingt zunächst widersprüchlich, weil diese Medikamente eigentlich anregend wirken. Bei Menschen mit ADHS ist der Effekt jedoch genau umgekehrt. Sie werden ruhiger, können ihre Gedanken besser ordnen, sind strukturierter und kommen im Alltag besser zurecht.
Wie lange die Medikamente eingenommen werden sollten, lässt sich nicht pauschal beantworten. Das hängt immer von der individuellen Situation ab. Die Behandlung kann auch einmal unterbrochen werden, zum Beispiel am Wochenende oder im Urlaub.
Wichtig ist außerdem, dass Medikamente nur ein Baustein der Therapie sind. Sinnvoll sind auch soziotherapeutische Maßnahmen, Coaching und Psychotherapie. Mittlerweile gibt es gute Studien, die zeigen, dass Psychotherapie die Wirkung der Medikamente zusätzlich unterstützen kann.
Was möchten Sie Betroffenen zum Schluss mitgeben?
Auf jeden Fall, dass sich eine Abklärung lohnt. Wir erleben in unserer Klinik immer wieder Patientinnen und Patienten, die eigentlich wegen einer Depression zu uns kommen. Im Laufe der Behandlung merken wir dann, dass mehr dahintersteckt, und diagnostizieren zusätzlich ADHS.
Viele sagen anschließend: Jetzt weiß ich endlich, warum ich so bin. Allein diese Erkenntnis ist für viele eine große Erleichterung.
Mit der richtigen Behandlung sehen wir oft sehr schnelle Erfolge. Das ist ein großer Unterschied zu Antidepressiva, bei denen man häufig drei bis sechs Wochen auf die Wirkung warten muss. Bei ADHS-Medikamenten setzt die Wirkung meist deutlich schneller ein. Viele Patientinnen und Patienten berichten deshalb schon nach kurzer Zeit, dass sie ihren Alltag besser bewältigen können.
Deshalb haben wir ADHS inzwischen auch als Schwerpunkt in unserer Klinik etabliert. Wir bieten eine eigene Psychotherapiegruppe für Menschen mit ADHS an und kombinieren diese mit der medikamentösen Behandlung. Das wird sehr gut angenommen und zeigt uns, wie wichtig es ist, ADHS auch im Erwachsenenalter frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

ADHS betrifft nicht nur Kinder. Immer mehr Erwachsene erhalten heute die Diagnose – oft erst nach Jahren der Unsicherheit. Psychiater Prof. Andreas Menke erklärt, woran ADHS zu erkennen ist, welche Behandlung hilft und warum die Erkrankung auch mit besonderen Stärken verbunden sein kann.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

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Prof. Dr. med. Andreas Menke

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