
© Cihan Yüce
17. September 2026
Nils Behrens
Kaffee wird seit Jahren auf mögliche gesundheitliche Effekte untersucht. Nun zeigt eine neue finnische Studie: Menschen mit hohem Kaffeekonsum hatten weniger Bauchfett und mehr Muskelmasse. Health-Experte Nils Behrens erklärt, wie viel sich daraus tatsächlich ableiten lässt.
2.264 Menschen, alle exakt 46 Jahre alt: Für eine aktuelle Analyse der Northern Finland Birth Cohort 1966 wurden sie nach ihrem täglichen Kaffeekonsum eingeteilt. 296 Personen tranken ein bis zwei Tassen, 822 drei bis vier und 1.076 mindestens fünf Tassen. Weitere 70 tranken keinen Kaffee.
BMI, Taillenumfang und das Verhältnis von Taille zu Hüfte waren in den Gruppen vergleichbar. Bei der mittels Bioimpedanz gemessenen Körperzusammensetzung zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Die Menschen mit dem höchsten Kaffeekonsum hatten durchschnittlich weniger Gesamt- und Viszeralfett sowie mehr Skelettmuskelmasse.
Das Spannende ist deshalb nicht nur der mögliche Zusammenhang mit Kaffee. Die Studie macht auch sichtbar, wie wenig das Körpergewicht allein über den Stoffwechsel eines Menschen verrät.
Der BMI funktioniert wie eine Kofferwaage. Sie erfahren, wie schwer Ihr Gepäck ist – aber nicht, was sich darin befindet. Zwei Koffer können jeweils 20 Kilogramm wiegen. Der eine ist mit Sonnencremes und Kosmetik gefüllt, der andere mit wertvollen Outfits für den Urlaub.
Genauso können zwei Menschen mit identischem BMI eine vollkommen unterschiedliche Verteilung von Fett und Muskulatur aufweisen. Das wird mit zunehmendem Alter relevant: Viszeralfett lagert sich um die inneren Organe ab und steht mit Insulinresistenz sowie kardiometabolischen Erkrankungen in Verbindung. Skelettmuskulatur stabilisiert dagegen den Glukosestoffwechsel und bildet eine wichtige körperliche Reserve.
Für Ihre Longevity zählt daher nicht allein, ob Ihr Gewicht konstant bleibt. Wer nach dem 40. Lebensjahr Muskulatur verliert und gleichzeitig Bauchfett aufbaut, kann jahrelang denselben BMI behalten – obwohl sich sein Risikoprofil verschlechtert.

Nils Behrens ist der Host des Gesundheitspodcasts HEALTHWISE und Strategic Brand Partner von Sunday Natural. Zuvor war er über 12 Jahre als Chief Marketing Officer das Gesicht der Lanserhof Gruppe und Gastgeber des erfolgreichen Forever Young-Podcasts. In über 350 Experteninterviews erforschte er Wege zu einem längeren und fitteren Leben
Die Forschenden analysierten außerdem zahlreiche Stoffwechselmarker. Ein höherer Kaffeekonsum war bei Männern und Frauen mit niedrigeren Blutkonzentrationen mehrerer verzweigtkettiger Aminosäuren, der sogenannten BCAAs, verbunden. Diese Aminosäuren sind lebensnotwendig. Dauerhaft erhöhte Blutwerte können jedoch auf eine gestörte metabolische Verarbeitung hinweisen und werden mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
Bei Männern korrelierte mehr Kaffee zusätzlich mit niedrigeren Nüchterninsulinwerten, einer geringeren Insulinantwort im Glukosetoleranztest und einer höheren berechneten Insulinsensitivität. Bei Frauen waren die Zusammenhänge schwächer.
Die beobachteten Korrelationen waren allerdings überwiegend klein. Einige Fettstoffwechselwerte und der berechnete kardiovaskuläre Risikoscore fielen bei stärkeren Kaffeetrinkern zudem weniger günstig aus. Eine einzelne positive Schlagzeile bildet das Gesamtbild deshalb nicht vollständig ab.
Bei Männern war jede zusätzliche tägliche Tasse in statistisch bereinigten Modellen mit höheren Werten für Gesamt-Testosteron, bioverfügbares Testosteron und das Transportprotein SHBG verbunden. Gleichzeitig lagen das berechnete freie Testosteron und der freie Androgenindex niedriger.
Das ist kein simpler „Testosteron-Boost“. Ein höherer Gesamtwert bedeutet nicht automatisch, dass im Körper mehr wirksames Testosteron zur Verfügung steht. Die Studie beschreibt ein hormonelles Muster auf Bevölkerungsebene – keinen nachgewiesenen Effekt auf Kraft, Leistungsfähigkeit oder Libido.
Bei Frauen bestand keine signifikante Verbindung mit Gesamt- oder bioverfügbarem Testosteron. Aus der Arbeit lässt sich daher keine allgemeine Aussage über hormonelle Vorteile für Frauen ableiten.
Die größte Einschränkung der Studie ist ihr Querschnittsdesign. Kaffeekonsum, Körperzusammensetzung und Laborwerte wurden zum selben Zeitpunkt betrachtet. Damit lässt sich zeigen, dass bestimmte Merkmale gemeinsam auftreten. Es lässt sich aber nicht beweisen, dass der Kaffee sie verursacht hat.
Menschen, die fünf oder mehr Tassen trinken, unterscheiden sich möglicherweise in vielen weiteren Punkten von Menschen, die kaum Kaffee konsumieren. Tatsächlich fanden sich in der Gruppe mit hohem Konsum mehr Raucher und weniger Personen mit Hochschulabschluss. Auch Ernährung, Stress, Schlaf, Arbeitsrhythmus und bislang nicht erfasste Gesundheitsfaktoren könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Zwar wurden die hormonellen Berechnungen unter anderem um BMI, Bildung, Rauchen, Bewegung und Alkoholkonsum bereinigt. Eine statistische Korrektur kann unbekannte Einflussgrößen jedoch nie vollständig ausschließen.
Ebenso bleibt offen, welcher Bestandteil des Kaffees theoretisch wirken könnte. Koffein beeinflusst kurzfristig Energieumsatz und Fettoxidation. Kaffee enthält aber auch Polyphenole und zahlreiche weitere bioaktive Substanzen. Oder das Getränk ist lediglich der sichtbare Marker eines bestimmten Lebensstils.
Die Zahl „fünf“ ist weniger präzise, als sie klingt. Die höchste Gruppe begann bei mindestens fünf Tassen; nach oben gab es keine festgelegte Grenze. Zudem war nicht definiert, wie groß eine Tasse war. Angaben zu Bohnen, Röstung und Zusätzen wie Milch oder Zucker fehlten ebenfalls. Der weitaus größte Teil der untersuchten Personen trank Filterkaffee.
Vor allem wurde nicht getestet, ob Menschen Fett verlieren oder Muskeln aufbauen, wenn sie ihren Konsum auf fünf Tassen erhöhen. Aus einem beobachteten Zusammenhang darf daher keine Dosierungsempfehlung werden.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hält für gesunde Erwachsene bis zu 400 Milligramm Koffein pro Tag im Allgemeinen für unbedenklich. Je nach Größe und Stärke können fünf Tassen diese Menge überschreiten. In der Schwangerschaft gilt eine Grenze von 200 Milligramm. Bereits etwa 100 Milligramm in zeitlicher Nähe zur Nachtruhe können bei empfindlichen Menschen den Schlaf beeinträchtigen.
Hier liegt der Longevity-Konflikt: Ein möglicher Stoffwechselvorteil wäre wenig wert, wenn zusätzlicher Kaffee Ihren Schlaf verschlechtert, Herzklopfen auslöst oder den Blutdruck ungünstig beeinflusst. Bei entsprechenden Vorerkrankungen oder Medikamenten sollten Sie die verträgliche Menge ärztlich klären.
Die Untersuchung liefert keinen Grund, widerwillig mehr Kaffee zu trinken. Sie liefert aber einen guten Grund, Gesundheit nicht ausschließlich über das Körpergewicht zu beurteilen.
Wenn Sie Kaffee gut vertragen, kann er Bestandteil eines gesunden Lebensstils sein. Wichtiger bleiben regelmäßiges Krafttraining, ausreichende Bewegung, eine bedarfsgerechte Proteinversorgung und erholsamer Schlaf. Beobachten Sie neben dem Gewicht auch Ihren Taillenumfang, Ihre Kraft und Ihre körperliche Leistungsfähigkeit.
Der BMI zeigt die Masse, aber nicht deren Qualität. Kaffee markierte in den finnischen Daten auffällig jene Achse, auf der weniger Viszeralfett und mehr Muskulatur einander gegenüberstanden. Ob er diese Verschiebung tatsächlich verursacht, müssen kontrollierte Langzeitstudien erst zeigen.
Jagen Sie deshalb keiner spektakulären Tassenzahl hinterher. Schützen Sie Ihre Muskeln, Ihre Insulinsensitivität und Ihren Schlaf – diese Faktoren dürften für Ihre gesunden Lebensjahre wichtiger sein als die fünfte Tasse Kaffee.
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