
© Nadin Sh
15. September 2026
Marianne Waldenfels
Unter der Woche frühstücken wir früh, an freien Tagen Stunden später – und auch das Abendessen verschiebt sich. Eine neue Studie mit mehr als 100.000 Erwachsenen zeigt: „Eating Jetlag“ könnte dem Herzen mehr zusetzen als bislang gedacht
Gesundes Essen ist längst eine Wissenschaft für sich. Wir zählen Proteine, achten auf Ballaststoffe, diskutieren darüber, welche Fette schädlich sind und wie spät das Abendessen eigentlich sein darf. Nur eine erstaunlich einfache Frage stellen wir selten: Essen wir eigentlich jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit?
Eine neue Studie mit mehr als 100.000 Erwachsenen legt nahe, dass genau das für die Gesundheit eine Rolle spielen könnte. Bei Männern waren stärkere Verschiebungen der Essenszeiten zwischen Arbeits- und freien Tagen mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Dabei war offenbar weniger entscheidend, ob die Mahlzeiten nach vorne oder hinten wanderten, sondern wie stark sich der gewohnte Rhythmus verschob.
Forschende sprechen von „Eating Jetlag“. Gemeint ist ein Phänomen, das viele aus ihrem Alltag kennen, ohne bislang groß darüber nachzudenken.
Wer unter der Woche um sechs Uhr aufsteht, am Wochenende aber bis zehn Uhr schläft, lebt an freien Tagen nach einem anderen Rhythmus. In der Forschung gibt es dafür den Begriff „Social Jetlag“. Beim Eating Jetlag passiert etwas Ähnliches mit unseren Mahlzeiten.
Für die aktuelle Studie verglichen die Forschenden die Essenszeiten an Arbeits- und freien Tagen. Entscheidend war der Mittelpunkt des täglichen Essensfensters. Wer unter der Woche beispielsweise zwischen 7 und 19 Uhr isst, hat einen Essensmittelpunkt um 13 Uhr. Verschiebt sich das Fenster am Wochenende auf 10 bis 22 Uhr, wandert dieser Mittelpunkt um drei Stunden nach hinten.
In der untersuchten Gruppe hielten die meisten ihre Zeiten relativ konstant. Fast jeder Vierte verschob seinen Essensrhythmus an freien Tagen jedoch um mehr als eine Stunde nach hinten, eine kleinere Gruppe um mehr als eine Stunde nach vorne.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der französischen NutriNet-Santé-Kohorte hatten detailliert dokumentiert, was und wann sie aßen, und wurden über gut acht Jahre beobachtet.
Bei Männern war jede zusätzliche Stunde Eating Jetlag mit einem um 14 Prozent höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Bei koronaren Herzerkrankungen waren es 21 Prozent.
Bemerkenswert ist, dass nicht nur spätere Essenszeiten auffielen. Auch Männer, die ihre Mahlzeiten an freien Tagen deutlich nach vorne verlegten, hatten ein höheres Risiko. Das spricht dagegen, dass allein ein spätes Abendessen für den Zusammenhang verantwortlich ist.
Eine feste Grenze, ab der wechselnde Essenszeiten problematisch werden, lässt sich aus den Daten allerdings nicht ableiten. Das Risiko nahm mit zunehmendem Eating Jetlag zunächst zu, ab einer Verschiebung von ungefähr eineinhalb Stunden flachte der Anstieg jedoch ab.
Der Körper führt keinen Terminkalender. Trotzdem weiß er ziemlich genau, wann normalerweise Nahrung kommt. Essen gehört zu den Signalen, an denen sich unsere inneren Rhythmen orientieren.
Während die zentrale innere Uhr im Gehirn vor allem auf den Wechsel von Licht und Dunkelheit reagiert, spielt Nahrung für Stoffwechselorgane wie Leber und Bauchspeicheldrüse eine wichtige Rolle. Wiederkehrende Essens- und Fastenphasen helfen dabei, verschiedene Stoffwechselprozesse zeitlich zu koordinieren.
Verschieben sich die Mahlzeiten immer wieder um mehrere Stunden, könnten diese Abläufe schlechter aufeinander abgestimmt sein. Dass der Stoffwechsel auf veränderte Essenszeiten reagiert, zeigen auch kontrollierte Experimente. In einer kleinen Studie mit gesunden jungen Erwachsenen beeinflusste bereits ein um eine Stunde verzögertes Abendessen die Blutzuckerreaktion nach der Mahlzeit.
Ob solche kurzfristigen Effekte erklären können, warum in der neuen Studie Jahre später mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftraten, ist offen. Denkbar ist, dass langfristig mehrere Prozesse beteiligt sind – etwa die Regulation von Blutzucker, Insulin, Fettstoffwechsel und Blutdruck.
Der Unterschied ist wichtig. Die Chrononutrition beschäftigt sich vor allem damit, wann wir essen: Ist ein frühes Frühstück günstiger als ein spätes? Sollte die größte Mahlzeit eher mittags als abends stattfinden?
Beim Eating Jetlag geht es dagegen darum, wie stark sich die eigenen Essenszeiten verändern.
Wer beispielsweise jeden Abend gegen 21 Uhr isst, hat einen relativ stabilen, wenn auch späten Rhythmus. Wer unter der Woche um 18 Uhr zu Abend isst und am Wochenende erst um 22 Uhr, verschiebt ihn um mehrere Stunden.
Die neue Studie beantwortet damit nicht die Frage nach der idealen Uhrzeit für Frühstück oder Abendessen. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass neben dem Zeitpunkt auch die Konstanz der Essenszeiten relevant sein könnte.
Eine Frage lässt die Studie besonders deutlich offen: Warum ließ sich der Zusammenhang zwischen Eating Jetlag und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen nicht nachweisen?
Eine gesicherte Erklärung gibt es bislang nicht. Biologische Unterschiede könnten ebenso eine Rolle spielen wie Unterschiede im Lebensstil. Ob Männer tatsächlich empfindlicher auf Eating Jetlag reagieren, muss weiter untersucht werden.
Nein. Weder muss das Frühstück jeden Morgen um Punkt sieben stattfinden, noch wird der Sonntagsbrunch durch diese Studie zum Gesundheitsrisiko.
Wie groß der Einfluss wechselnder Essenszeiten tatsächlich ist und ob ein gleichmäßigerer Rhythmus das Herz schützen kann, müssen weitere Studien zeigen.

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