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14. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Kollagen wird bei Gelenkschmerzen häufig empfohlen – oft mit dem Versprechen, sogar den Knorpel zu stärken. Eine große wissenschaftliche Auswertung zeichnet nun ein differenzierteres Bild. Orthopäde PD Dr. Daniel Berthold erklärt, wer von Kollagen profitieren könnte und wo die Wirkung an ihre Grenzen stößt.

Mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold
Kollagen soll die Gelenke stärken, Schmerzen lindern und im besten Fall sogar geschädigten Knorpel wieder aufbauen. So zumindest das Versprechen, mit dem Pulver, Kapseln und Drinks beworben werden. Wissenschaftlich war der Nutzen lange umstritten. Doch inzwischen zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab: Ausgerechnet bei Arthrose könnte Kollagen tatsächlich etwas bewirken.
Eine große wissenschaftliche Auswertung liefert nun Hinweise auf einen Nutzen bei Arthrose. Nur mit dem vermeintlichen Wiederaufbau des Knorpels hat dieser Effekt wenig zu tun.
„Kollagen ist weder Wundermittel noch Mythos“, sagt PD Dr. med. Daniel P. Berthold, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und ärztlicher Leiter des OrthoCenter München.
Grundlage der aktuellen Diskussion ist eine im Januar 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit, in der Daten aus insgesamt 113 randomisierten Studien mit knapp 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern berücksichtigt wurden.
„Die Arbeit ist keine einzelne Studie, sondern eine sogenannte Umbrella-Review, die bereits veröffentlichte Metaanalysen zusammenfasst. Sie liefert einen guten Überblick über die bisherige Evidenz“, erklärt Berthold.
Die Ergebnisse fallen durchaus positiv aus. „Die Daten sprechen dafür, dass Kollagen bei Menschen mit leichter bis mittelgradiger Arthrose, insbesondere am Knie, Schmerzen und Gelenksteifigkeit moderat lindern kann. Von einem Wundermittel kann jedoch keine Rede sein.“
Denn auch die Qualität der zugrunde liegenden Untersuchungen ist nicht durchgehend überzeugend. Viele hatten methodische Schwächen und liefen nur über einen relativ kurzen Zeitraum.
Wie gut Kollagen wirkt, hängt allerdings auch davon ab, um welches Gelenk es geht. „Die überzeugendste wissenschaftliche Evidenz gibt es derzeit für die Kniearthrose“, sagt Berthold. „Dort zeigen mehrere Studien, dass Kollagen Schmerzen und Steifigkeit etwas reduzieren kann.“
Für andere Beschwerden ist weniger bekannt. „Beim Sprunggelenk oder bei Achillessehnenproblemen gibt es erste interessante Hinweise, häufig in Kombination mit Training. Für Schulterbeschwerden liegen bislang dagegen nur wenige belastbare Daten vor.“
Für Berthold ist deshalb Vorsicht geboten: „Ich würde die positiven Ergebnisse vom Knie nicht einfach auf andere Gelenke übertragen. Entscheidend ist immer, was die Studien für die jeweilige Erkrankung tatsächlich zeigen.“
Gerade darauf dürften viele Menschen hoffen, wenn sie Kollagen für ihre Gelenke einnehmen: Dass der Körper es nutzt, um verschlissenen Knorpel zu reparieren. Doch das ist laut Berthold „wahrscheinlich die größte Fehlvorstellung“.
„Kollagen wird nach der Einnahme zunächst verdaut und gelangt nicht als fertiger Knorpel ins Gelenk“, so der Orthopäde. „Nach heutigem Wissensstand gibt es keinen überzeugenden Nachweis dafür, dass Kollagen zerstörten Gelenkknorpel wieder aufbaut oder Arthrose rückgängig macht.“
Ganz ohne mögliche biologische Wirkung ist die Einnahme deshalb aber nicht. „Vermutlich beeinflussen bestimmte Kollagenpeptide Stoffwechselprozesse im Knorpel und Bindegewebe“, sagt Berthold. „Der mögliche Nutzen liegt deshalb eher darin, Schmerzen etwas zu reduzieren und die Gelenkfunktion zu unterstützen – nicht darin, Knorpel neu entstehen zu lassen.“
Wer Kollagen testen möchte, sollte nicht nach einigen Tagen ein Urteil fällen. „Die meisten Studien zu hydrolysierten Kollagenpeptiden verwenden täglich etwa fünf bis zehn Gramm“, sagt Berthold.
Mindestens ebenso wichtig wie die Menge ist die Dauer der Einnahme. „Wer Kollagen ausprobieren möchte, sollte es mindestens acht bis zwölf Wochen regelmäßig einnehmen. Viele Studien liefen sogar über drei bis sechs Monate.“
Endlos weiternehmen, obwohl sich nichts verändert, muss man das Präparat allerdings nicht. Berthold: „Wenn sich nach etwa drei Monaten keinerlei Verbesserung der Beschwerden zeigt, ist ein weiterer Nutzen eher unwahrscheinlich.“
Typ I, Typ II, hydrolysiert oder undenaturiert: Die Auswahl an Kollagenpräparaten ist groß.
„Hydrolysierte Kollagenpeptide und undenaturiertes Typ-II-Kollagen verfolgen unterschiedliche Wirkprinzipien. Bislang gibt es jedoch keine überzeugenden Daten, dass ein Kollagentyp dem anderen grundsätzlich überlegen ist“, erklärt Berthold.
Beim Kauf würde er deshalb „weniger auf Marketingbegriffe achten als auf transparente Produktinformationen“. Dazu gehören eine klare Mengenangabe pro Tagesdosis, die eindeutige Kennzeichnung als hydrolysiertes oder undenaturiertes Kollagen, ein seriöser Hersteller und möglichst eine unabhängige Qualitätsprüfung.
Berthold: „Wer verspricht, Knorpel neu aufzubauen oder Arthrose zu heilen, geht deutlich über das hinaus, was wissenschaftlich belegt ist.“
So positiv einige Ergebnisse zu Kollagen ausfallen: Die wichtigste Maßnahme bei Arthrose lässt sich nicht als Pulver einnehmen.
„Bewegung und gezieltes Krafttraining bleiben die wichtigsten Bestandteile jeder konservativen Arthrose-Therapie“, betont Berthold. Kollagen sieht er deshalb nicht als Alternative, sondern als mögliche Ergänzung. „Einige Studien deuten darauf hin, dass die Kombination aus Training und Kollagen bessere Ergebnisse erzielen kann als Kollagen allein.“
Und Weiter: „Für Kombinationen mit Hyaluronsäure-Injektionen oder Eigenbluttherapien gibt es derzeit nur wenige belastbare wissenschaftliche Daten.“
Was bedeutet ein „moderater Effekt“ überhaupt für jemanden, dessen Knie beim Treppensteigen schmerzt? Berthold erinnert sich an eine Patientin mit leichter bis mittelgradiger Kniearthrose. Ihre Beschwerden traten vor allem beim Treppensteigen und längeren Gehen auf.
Neben einem strukturierten Krafttrainingsprogramm entschied sie sich für die regelmäßige Einnahme von Kollagen. „Nach etwa drei Monaten berichtete sie über geringere Anlaufschmerzen und eine bessere Belastbarkeit im Alltag.“
Und noch etwas ist Berthold wichtig: „Daraus lässt sich nicht ableiten, dass sich der Knorpel regeneriert hat.“
Seine Bilanz fällt entsprechend nüchtern aus: „Die Basis jeder Arthrose-Behandlung bleiben Bewegung, gezieltes Krafttraining und eine individuell abgestimmte Therapie. Kollagen kann diese Maßnahmen sinnvoll ergänzen; ersetzen kann es sie nicht.“

Kollagen wird bei Gelenkschmerzen häufig empfohlen – oft mit dem Versprechen, sogar den Knorpel zu stärken. Eine große wissenschaftliche Auswertung zeichnet nun ein differenzierteres Bild. Orthopäde PD Dr. Daniel Berthold erklärt, wer von Kollagen profitieren könnte und wo die Wirkung an ihre Grenzen stößt.
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