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10. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Bessere Spermien durch Biohacking? Genau das verspricht der Trend „Spermmaxxing“. Urologe Dr. Daniel Kaminski erklärt, welche Methoden wenig bringen – und was die Spermienqualität tatsächlich beeinflussen kann.

Mit
Dr. med. Daniel Kaminski
Eis auf die Hoden, Rotlicht, Zink, Selen oder sogar roher Knoblauch: Unter dem Schlagwort „Spermmaxxing“ kursieren derzeit teils kuriose Methoden, mit denen Männer ihre Spermienqualität verbessern wollen. Was nach einem weiteren Biohacking-Trend klingt, berührt allerdings eine durchaus ernsthafte Frage: Wie stark lässt sich die männliche Fruchtbarkeit tatsächlich beeinflussen?
Ganz abwegig ist die Idee hinter dem Trend nicht. „Grundsätzlich ist der Gedanke nicht falsch: Die Spermienqualität ist keine völlig unveränderliche Größe. Lebensstil, bestimmte Erkrankungen, Medikamente, Umweltfaktoren und insbesondere die Funktion der Hoden können die Spermatogenese beeinflussen“, sagt der Urologe Dr. Daniel Kaminski.
Genau daraus entstehen allerdings auch zweifelhafte Versprechen. Problematisch werde Spermmaxxing dort, „wo aus plausiblen biologischen Zusammenhängen vermeintliche Optimierungsstrategien abgeleitet werden, für die es keine belastbaren klinischen Daten gibt.“
Schon das Versprechen, die Spermienqualität innerhalb kurzer Zeit deutlich steigern zu können, führt in die Irre. Denn die Bildung neuer Spermien braucht Zeit.
„Ein Spermium entsteht nicht innerhalb weniger Tage. Von der Spermatogenese bis zum fertigen Spermium vergehen ungefähr zweieinhalb bis drei Monate. Deshalb sollte man Effekte von Lebensstiländerungen eher über Monate als über Tage beurteilen“, erklärt Kaminski.
Hinzu kommt ein Punkt, der in vielen Spermmaxxing-Versprechen untergeht: Gute Werte im Spermiogramm sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einer höheren Fruchtbarkeit. Zwar werden bei der Untersuchung unter anderem Konzentration, Beweglichkeit und Form der Spermien beurteilt. Entscheidend ist jedoch letztlich, ob daraus tatsächlich eine Schwangerschaft entsteht.
Kaminski warnt deshalb vor überzogenen Erwartungen: „Wir können aus einem normalen Spermiogramm nicht durch irgendwelche Tricks ein ‚Superspermiogramm‘ machen. Viel sinnvoller ist es, schädliche Faktoren zu identifizieren und behandelbare Ursachen einer eingeschränkten Fertilität zu erkennen. Dazu gehören beispielsweise eine klinisch relevante Varikozele, hormonelle Störungen oder bestimmte Medikamente.“
Auch die WHO definiert Infertilität nicht anhand einzelner Spermiogrammwerte, sondern über das Ausbleiben einer Schwangerschaft nach zwölf Monaten oder mehr mit regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr.
Zu den auffälligsten Spermmaxxing-Trends gehört das Kühlen der Hoden. In sozialen Medien werden dafür unter anderem Eisbäder oder Kühlpacks empfohlen. Die Überlegung dahinter klingt zunächst durchaus plausibel: Die Hoden liegen außerhalb des Körpers, weil für die Spermienproduktion eine niedrigere Temperatur günstig ist. Wenn zu viel Wärme schadet – müsste zusätzliche Kälte dann nicht besonders gut sein?
Ganz so einfach ist es nicht. „Die Hoden liegen aus gutem Grund außerhalb des Körpers im Skrotum. Für eine normale Spermatogenese benötigen sie eine etwas niedrigere Temperatur als die Körperkerntemperatur. Ausgeprägte oder wiederholte Wärmebelastung kann die Spermatogenese beeinträchtigen; Hitze gehört auch zu den bekannten Umweltfaktoren, die für die männliche Reproduktionsfunktion relevant sein können“, erklärt Kaminski.
Der entscheidende Denkfehler liegt im Umkehrschluss. „Daraus folgt aber nicht, dass ‚je kälter, desto besser‘ gilt. Für regelmäßige Eisbäder oder Kühlpacks gibt es keine überzeugende Evidenz, dass sie bei gesunden Männern die Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate verbessern.“
Im Gegenteil kann extreme Kälte zum Problem werden. „Ich würde deshalb nicht empfehlen, Eis direkt auf das Skrotum zu legen. Extreme Kälte kann Haut und Gewebe schädigen. Sinnvoller ist es, unnötige starke und lang anhaltende Hitzeexposition zu reduzieren – anstatt die Hoden aktiv herunterzukühlen.“
Noch ungewöhnlicher ist ein weiterer Trend, der unter männlichen Biohackern immer wieder auftaucht: das sogenannte „Testicle Tanning“. Sonnenlicht beziehungsweise UV-Licht oder Rotlicht auf den Hoden soll angeblich den Testosteronspiegel erhöhen und die Fruchtbarkeit verbessern.
Für Kaminski ist die Sache eindeutig: „Für ‚Testicle Tanning‘ gibt es keine belastbare klinische Evidenz, dass dadurch Testosteron, Spermienqualität oder männliche Fruchtbarkeit relevant verbessert werden.“
Gerade dieser Trend zeige ein grundsätzliches Problem vieler vermeintlicher Biohacks. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Social-Media-Behauptungen häufig funktionieren: Ein biologischer Mechanismus oder eine kleine experimentelle Beobachtung wird genommen und daraus eine konkrete Therapieempfehlung für Menschen gemacht. Dieser Schritt ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.“
Bei Sonnenlicht kommt ein weiteres Risiko hinzu: Die empfindliche Genitalhaut wird UV-Strahlung ausgesetzt. „Sonnenbrand und langfristige UV-Schäden werden dadurch nicht plötzlich gesund, nur weil das Ziel eine vermeintliche Testosteronsteigerung ist“, sagt Kaminski.
Auch Rotlicht sieht der Urologe nicht als Alternative. Zwar werde die sogenannte Photobiomodulation experimentell untersucht. Daraus lasse sich derzeit jedoch keine Empfehlung ableiten, die Hoden zur Steigerung von Testosteron oder Fertilität mit Rotlicht zu bestrahlen.
Kaminskis Fazit fällt entsprechend knapp aus: „Die Hoden brauchen weder Sonnenbank noch Rotlichttherapie.“
Ein weiterer großer Bereich des Spermmaxxings ist weniger spektakulär – dafür aber ein enormes Geschäft: Nahrungsergänzungsmittel. Zink, Selen, Coenzym Q10, Carnitin, Vitamine und Antioxidantien werden Männern mit Kinderwunsch als Unterstützung für die Spermienqualität angeboten. Selbst roher Knoblauch taucht in entsprechenden Social-Media-Tipps auf.
Tatsächlich ist die Studienlage hier komplizierter als bei Eis oder Testicle Tanning. Einige Untersuchungen finden Verbesserungen einzelner Spermienparameter. Entscheidend ist jedoch, ob sich dadurch auch die Chance auf Schwangerschaft und Lebendgeburt erhöht.
Genau diese Frage hat auch die WHO in ihrer 2025 veröffentlichten Leitlinie zur Prävention, Diagnose und Behandlung von Infertilität untersucht. Aufgrund der unsicheren Datenlage spricht die WHO derzeit weder eine Empfehlung für noch gegen Antioxidantien bei Männern mit Infertilität und auffälligen Samenparametern aus.
Das entspricht auch Kaminiskis Einordnung: „Für Antioxidantien, Zink, Selen, Coenzym Q10, Carnitin und verschiedene Vitaminpräparate gibt es zahlreiche Studien. Teilweise zeigen sich Verbesserungen einzelner Spermiogrammparameter. Das Problem ist aber die sehr heterogene Studienlage: unterschiedliche Patienten, unterschiedliche Präparate, unterschiedliche Dosierungen und unterschiedliche Endpunkte.“
Und dann stellt er die Frage, auf die es bei Kinderwunsch eigentlich ankommt: „Führt das Supplement tatsächlich zu mehr Schwangerschaften und mehr gesunden Geburten? Dafür ist die Evidenz wesentlich weniger überzeugend als viele Werbeversprechen suggerieren. Entsprechend sollte man aus einem verbesserten Laborparameter nicht automatisch auf eine verbesserte Fertilität schließen.“
Das heißt nicht, dass Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich unnötig sind. Bei einem nachgewiesenen Mangel könne eine gezielte Substitution medizinisch sinnvoll sein, betont Kaminski. Das sei jedoch etwas völlig anderes, als ohne diagnostizierten Mangel mehrere hochdosierte Präparate einzunehmen.
Auch vom ungewöhnlicheren Spermmaxxing-Tipp hält er wenig: „Für rohen Knoblauch gibt es beispielsweise keine überzeugende klinische Grundlage, ihn als Fertilitätstherapie zu empfehlen.“
Sein Fazit: „Eine ausgewogene Ernährung ist sinnvoll – einen evidenzbasierten ‚Spermien-Booster‘ aus der Dose gibt es derzeit nicht.“
Was bleibt also vom Spermmaxxing übrig, wenn Eis, Rotlicht und vermeintliche Spermien-Booster wegfallen? Vor allem Maßnahmen, die deutlich weniger spektakulär sind.
„Hier sind die unspektakulären Maßnahmen tatsächlich die wichtigsten“, sagt Kaminski. Die WHO empfiehlt Menschen mit Kinderwunsch ebenfalls einen gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, körperlicher Aktivität und Tabakverzicht.
Ein Faktor verdient dabei besondere Aufmerksamkeit – gerade weil er zunächst überhaupt nicht in das Bild passt: Testosteron.
Mehr Testosteron müsste eigentlich auch mehr männliche Fruchtbarkeit bedeuten – könnte man zumindest vermuten. Tatsächlich kann genau das Gegenteil passieren.
„Besonders wichtig ist aus andrologischer Sicht ein Punkt, der in der Fitness- und ‚Biohacking‘-Szene manchmal völlig unterschätzt wird: extern zugeführtes Testosteron und anabole Steroide können die Spermatogenese massiv unterdrücken. Mehr Testosteron im Blut bedeutet gerade nicht automatisch mehr Fruchtbarkeit.“
Der Grund liegt in der hormonellen Steuerung der Spermienproduktion. „Exogenes Testosteron kann über die Unterdrückung von LH und FSH die intratestikuläre Testosteronkonzentration reduzieren und im Extremfall zu einer Azoospermie führen“, erklärt Kaminski. Bei einer Azoospermie lassen sich keine Spermien im Ejakulat nachweisen.
Auch die aktuelle Leitlinie der European Association of Urology (EAU) ist an diesem Punkt eindeutig: Testosterontherapie soll nicht zur Behandlung männlicher Infertilität eingesetzt werden. Bei infertilen Männern, die anabole Steroide verwenden, empfiehlt die Leitlinie zunächst deren Absetzen. Die EAU nennt zudem Übergewicht, geringe körperliche Aktivität, Rauchen und hohen Alkoholkonsum als Faktoren, die mit einer schlechteren Spermienqualität verbunden sind.
Entsprechend unspektakulär fallen die Maßnahmen aus, die Kaminski Männern mit Kinderwunsch tatsächlich empfiehlt: „Daneben würde ich auf normales Körpergewicht, regelmäßige Bewegung, vernünftigen Alkoholkonsum und die Vermeidung von Nikotin und Drogen achten sowie unnötige starke Hitze- und Schadstoffexposition reduzieren. Auch Medikamente sollte man bei unerfülltem Kinderwunsch überprüfen, allerdings niemals eigenständig absetzen.“
Vor allem aber warnt Kaminski davor, sich bei einem tatsächlichen Kinderwunsch zu lange auf Selbstoptimierung zu verlassen. Wenn eine Schwangerschaft ausbleibt, sei eine medizinische Abklärung sinnvoller als der nächste Hack aus sozialen Medien.
Oder, wie Kaminski es zusammenfasst: „Nicht die Hoden mit Eis, Rotlicht und Supplementen ‚hacken‘, sondern vermeidbare Schadfaktoren reduzieren und bei Auffälligkeiten nach einer behandelbaren Ursache suchen. Das ist weniger spektakulär als ‚Spermmaxxing‘, aber wissenschaftlich wesentlich besser begründet.“

Bessere Spermien durch Biohacking? Genau das verspricht der Trend „Spermmaxxing“. Urologe Dr. Daniel Kaminski erklärt, welche Methoden wenig bringen – und was die Spermienqualität tatsächlich beeinflussen kann.
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