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11. März 2026
PMC Redaktion
Eine neue Studie im Fachjournal Nature Medicine zeigt: Tägliche Multivitamine verlangsamen das Altern um rund 4 Monate. Was dahintersteckt – und für wen es sich lohnt
Die jüngste Veröffentlichung im renommierten Fachmagazin Nature Medicine sorgt für aufsehen. Denn was ein amerikanisches Forschungsteam nach zwei Jahren Untersuchung herausgefunden hat, klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Ein gewöhnliches Multivitaminpräparat, täglich eingenommen, kann das biologische Altern nachweislich verlangsamen. Messbar im Blut, mit wissenschaftlichen Methoden belegt.
Das Geburtstsdatum sagt wenig darüber aus, wie alt ein Körper wirklich ist. Während die Zahl im Ausweis unerbittlich steigt, kann der Organismus biologisch gesehen weit jünger oder deutlich älter sein, als die Jahreszahl suggeriert. Genau diesen Unterschied misst die Altersforschung als „biologisches Alter“ – und er ist medizinisch hochrelevant.
Wer mit 60 Jahren biologisch wie ein 70-Jähriger altert, trägt ein signifikant höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und vorzeitigen Tod. Umgekehrt: Wer sein biologisches Alter unter dem kalendarischen hält, lebt in der Regel länger und gesunder.
Gemessen wird das biologische Altern über sogenannte epigenetische Uhren – Biomarker im Blut, die chemische Markierungen an der DNA analysieren, sogenannte Methylierungsmuster. Diese Muster verändern sich mit dem Alter auf vorhersehbare Weise, ähnlich den Jahresringen eines Baumes. Wer weiß, wonach er schaut, kann das wahre Alter des Körpers ablesen.
Das Forschungsteam um Howard Sesso vom Brigham and Women’s Hospital in Boston wertete Blutproben von 958 gesunden älteren Erwachsenen aus. - Teilnehmer der COSMOS-Studie, einer der größten randomisierten Präventionsstudien der USA. Das Durchschnittsalter lag bei 70 Jahren.
Proben wurden dreimal entnommen: zu Beginn, nach einem und nach zwei Jahren. Das Ergebnis: Bei täglicher Multivitamin-Einnahme verlangsamten sich zwei von fünf epigenetischen Uhren signifikant – genau jene, die als Indikatoren für das Sterblichkeitsrisiko gelten. Der gemessene Effekt entspricht einem biologischen Altersunterschied von rund vier Monaten über zwei Jahre.
Das klingt zunächst nach wenig. Doch Gerowissenschaftler Steve Horvath von Altos Labs in Cambridge betont die Bedeutung der Konsistenz: Dass mehrere verschiedene Messverfahren in die gleiche Richtung zeigen, verleihe den Ergebnissen besondere Glaubwürdigkeit. „Die öffentliche Nachfrage nach Belegen, ob Alltagsnahrungsergänzung das Altern bremsen kann, ist enorm“, sagt Horvath. „Diese Studie liefert die bisher überzeugendsten Daten.“
Die Wirkung war nicht bei allen Teilnehmenden gleich stark. Besonders deutlich profitierten Menschen, deren biologisches Alter zu Studienbeginn bereits über ihrem tatsächlichen Lebensalter lag – also jene, die gewissermaßen schon mit einem Defizit starteten. Für die Präventivmedizin ist das eine wichtige Erkenntnis: Das Präparat wirkt vor allem dort, wo der Körper echten Nachholbedarf hat.
Mitautor Sesso formuliert den Anspruch der Forschungsgruppe klar: Es gehe nicht darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern. Das Ziel sei, die vorhandenen Lebensjahre in besserer Gesundheit zu verbringen – und genau dorthin, sagt er, zeige die Studie den Weg.
Welcher spezifische Wirkstoff im Multivitamin für den beobachteten Anti-Aging-Effekt verantwortlich ist, lässt sich auf Basis dieser Studie nicht sagen. Multivitaminpräparate sind kein einheitliches Produkt, sondern ein Cocktail aus Dutzenden Mikronährstoffen: Vitamin D, Vitamin B12, Folat, Zink, Selen und viele weitere – in unterschiedlichen Kombinationen und Dosierungen.
Eine naheliegende Erklärung: Ältere Menschen leiden häufig unter stillen Mikronährstoffmängeln, ohne dass diese spürbare Symptome verursachen. Zu wenig Vitamin B12, zu wenig Folat, zu wenig Selen – dieser schleichende Mangel könnte zelluläre Reparaturmechanismen hemmen und epigenetische Alterungsprozesse beschleunigen.
Ein Präparat, das diese Lücken schließt, könnte die Methylierungsmuster stabilisieren und das biologische Altern bremsen. Beweisen lässt sich diese Hypothese mit den vorliegenden Daten allerdings nicht.
Die Studie ist ein Signal – kein Freifahrtschein für unkritischen Nahrungsergänzungskonsum. Hochdosierte Einzelpräparate können schädlich sein, Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich, und der Markt ist übersät mit Produkten zweifelhafter Qualität. Wer über eine tägliche Multivitaminergänzung nachdenkt, sollte das Gespräch mit dem Hausarzt oder der Haustärztin suchen.
Darüber hinaus bleibt die Frage offen, ob die gemessenen Veränderungen der epigenetischen Uhren langfristig in klinisch relevante Vorteile übersetzt werden können: weniger Krankheiten, ein längeres Leben. Das belässt die Studie als Grundlage für weitere Forschung, nicht als abschließenden Beweis.
Die eigentliche Botschaft dieser Forschung ist subtiler und größer zugleich: Das biologische Altern ist keine Schicksalsgröße. Es ist beeinflussbar. Und manchmal liegt das Mittel dazu auf dem Nachttisch.
Ja – laut der im März 2026 in Nature Medicine veröffentlichten Studie verlangsamte tägliche Multivitamin-Einnahme bei älteren Erwachsenen das biologische Altern um rund vier Monate über zwei Jahre. Der Effekt wurde anhand epigenetischer Biomarker im Blut gemessen.
Epigenetische Uhren sind Biomarker, die DNA-Methylierungsmuster im Blut analysieren. Diese Muster verändern sich mit dem Alter auf vorhersagbare Weise und erlauben Rückschlüsse auf das biologische – im Gegensatz zum kalendarischen – Alter eines Menschen.
Ältere Menschen ab etwa 60 Jahren, die unter stillen Mikronährstoffmängeln leiden, scheinen am stärksten zu profitieren. Grundsätzlich gilt: Vor der Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
Die COSMOS-Studie verwendete ein handelsübliches Multivitaminpräparat. Die genaue Formulierung ist in der Studie dokumentiert, jedoch ist noch unklar, welcher Einzelwirkstoff den Anti-Aging-Effekt ausgelost hat. Folgestudien sollen das klären.