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15. Juli 2025
Jana Ackermann
Der Markt für Longevity-Supplements boomt – ständig wird ein neuer Wirkstoff als Anti-Aging-Hoffnung gefeiert. Doch ein Blick auf die aktuelle Studienlage zeigt: Bei einigen ist der Hype deutlich größer als die belegte Wirkung
Die Suche nach der “ewigen Jugend” beschäftigt uns Menschen seit Jahrhunderten. In den letzten Jahren hat sich rund um das Thema “Longevity” eine regelrechte Industrie entwickelt: Creator:innen, Start-ups und Hollywood-Stars schwören auf bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und Treatments, die Versprechen reichen von strafferer Haut über mehr Zellenergie bis hin zu einem längeren Leben. Doch wie viel davon ist tatsächlich beim Menschen belegt? Wir haben uns fünf der beliebtesten Longevity-Supplements angesehen – und geprüft, bei welchen der Hype der Forschung deutlich voraus ist.
Taurin steckt nicht nur in Energy-Drinks, sondern längst auch in Longevity-Kapseln. Für Aufsehen sorgte 2023 eine große Studie im Fachjournal „Science“: Die Forschenden beobachteten, dass die Taurin-Konzentration mit zunehmendem Alter abnahm. Bei Mäusen verlängerte zusätzliches Taurin sogar die Lebensspanne. Auch bei Würmern wurden entsprechende Effekte beobachtet.
Das klang nach einem möglichen neuen Anti-Aging-Wirkstoff und sorgte entsprechend für Begeisterung. Doch inzwischen ist die Geschichte komplizierter. Eine 2025 ebenfalls in „Science“ veröffentlichte Untersuchung kam zu einem überraschend anderen Ergebnis: In mehreren menschlichen Kohorten nahmen die Taurinwerte mit dem Alter nicht ab, sondern blieben stabil oder stiegen sogar an.
Ob zusätzlich eingenommenes Taurin Menschen gesünder altern oder sogar länger leben lässt, ist deshalb weiterhin völlig offen. Interessant für die Forschung? Ja. Als bewiesener Longevity-Hack? Noch lange nicht.
Kaum ein Longevity-Treatment wird so lifestylig vermarktet wie NAD+. Das Molekül spielt tatsächlich eine wichtige Rolle für den Energiestoffwechsel unserer Zellen und ist an zahlreichen Reparaturprozessen beteiligt. In Longevity-Kliniken wird NAD+ deshalb inzwischen teilweise direkt per Infusion verabreicht – oft für viel Geld.
Die Theorie klingt verlockend: Sinkende NAD+-Spiegel sollen mit Alterungsprozessen zusammenhängen, zusätzliches NAD+ könnte demnach dabei helfen, die Zellen länger fit zu halten.
Doch genau hier klaffen Marketing und Forschung auseinander. zeigt: NAD+-Vorstufen wie NR und NMN können bestimmte NAD+-Werte im Körper zwar erhöhen. Ob daraus aber relevante gesundheitliche oder gar lebensverlängernde Effekte entstehen, ist bislang nicht überzeugend belegt. Für NAD+-Infusionen selbst fanden die Forschenden keine geeigneten klinischen Studien, die einen Anti-Aging- oder Wellness-Effekt untersucht hatten.
Wer sich gelegentlich NAD+ in die Vene geben lässt, kauft sich damit also nicht automatisch jüngere Zellen.
Kollagen ist längst mehr als ein Beauty-Trend. Pulver und Drinks werden mit strafferer Haut, gesunden Gelenken und zunehmend auch als Bestandteil einer Longevity-Routine beworben.
Tatsächlich gibt es Studien, in denen Kollagen-Supplements kleine Verbesserungen bei Hautfeuchtigkeit, Elastizität oder Falten zeigten. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025, die 23 randomisierte Studien mit insgesamt 1474 Teilnehmerauswertete, liefert allerdings einen interessanten Befund: Betrachteten die Forschenden nur hochwertige Studien oder Untersuchungen ohne Finanzierung durch Pharmaunternehmen, waren keine eindeutigen Vorteile für die Haut mehr nachweisbar.
Das bedeutet nicht, dass Kollagen grundsätzlich wirkungslos ist. Die großen Versprechen sollte man allerdings mit Vorsicht betrachten. Und dass Kollagenpulver den Alterungsprozess insgesamt verlangsamt oder gar das Leben verlängert, ist bislang nicht belegt.
Spermidin klingt fast nach dem perfekten Longevity-Stoff. Das natürliche Polyamin kommt unter anderem in Weizenkeimen, Pilzen und Soja vor und wird auch von unserem Körper gebildet. Besonders interessant ist seine Verbindung zur Autophagie – einem körpereigenen Recyclingprogramm, bei dem Zellen beschädigte Bestandteile abbauen und wiederverwerten.
Genau dieser Mechanismus hat Spermidin zum Longevity-Star gemacht. Die Idee: Eine Kapsel könnte möglicherweise ähnliche Prozesse anstoßen, wie sie auch beim Fasten beobachtet werden.
Erste Untersuchungen liefern durchaus interessante Hinweise. Sobald man jedoch auf konkrete Effekte beim Menschen schaut, wird die Datenlage dünn. In einer randomisierten Studie mit 100 älteren Erwachsenen brachte eine einjährige Spermidin-Supplementierung beispielsweise keinen eindeutigen Vorteil für die Gedächtnisleistung.
Fasten einfach durch eine Kapsel ersetzen zu können, bleibt deshalb vorerst ein verlockendes Versprechen, mehr aber auch nicht.
Resveratrol ist einer der Klassiker unter den Anti-Aging-Supplements. Der Pflanzenstoff steckt unter anderem in Traubenschalen und Rotwein und wurde lange mit dem sogenannten „französischen Paradoxon“ in Verbindung gebracht.
In Zell- und Tierstudien zeigte Resveratrol tatsächlich interessante Effekte auf Prozesse, die beim Altern eine Rolle spielen. Genau das machte den Stoff zum Hoffnungsträger der Longevity-Forschung.
Auch beim Menschen ist Resveratrol keineswegs wirkungslos: Eine aktuelle Übersichtsarbeit über 45 systematische Reviews und Meta-Analysen fand beispielsweise Hinweise auf positive Effekte auf einzelne Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Marker. Das große Longevity-Versprechen lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Ob Resveratrol das Altern verlangsamt oder gar die Lebensspanne verlängert, ist beim Menschen bislang nicht belegt.
Ein Glas Rotwein am Abend kann entspannen und einen gedanklich vielleicht nach Paris katapultieren – als Anti-Aging-Strategie taugt es allerdings nicht.
Taurin, NAD+, Kollagen, Spermidin und Resveratrol haben eines gemeinsam: Hinter allen stecken durchaus interessante Forschungsansätze. Das macht sie nicht automatisch wirkungslos, aber eben auch noch lange nicht zu Longevity-Wundermitteln.
Denn ob ein Stoff Zellen im Labor beeinflusst oder Mäuse länger leben lässt, ist etwas anderes als der Nachweis, dass ein Supplement auch Menschen gesünder altern oder länger leben lässt. Und genau dieser Beweis fehlt bislang bei allen fünf.
Wer gezielt Nahrungsergänzungsmittel einnehmen möchte, sollte deshalb weniger auf Longevity-Trends als auf den individuellen Bedarf schauen. Denn einen tatsächlich vorhandenen Nährstoffmangel auszugleichen, ist etwas ganz anderes, als einen vermeintlichen Anti-Aging-Wirkstoff auf Verdacht einzunehmen.

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