
© Offenblende/Markus
18. September 2026
Moira Hammes
Wie KI die Gesundheitsversorgung verändern kann und warum es dafür mehr braucht als leistungsfähige Algorithmen
„Technology must advance Freedom“ hieß es auf einem der Panels des diesjährigen Big Bang KI Festivals. Der Satz bringt eine zentrale Frage auf den Punkt: Wie gelingt es, Technologie so einzusetzen, dass sie nicht zusätzliche Komplexität schafft, sondern Menschen unterstützt, Handlungsspielräume erweitert und darüber Zeit für Wesentliches eröffnet?
Für Premium Medical Circle lag der Fokus beim Besuch des Festivals insbesondere auf den Impulsen zur digitalen Transformation des Gesundheitswesens. Künstliche Intelligenz war dabei in nahezu allen Gesprächen präsent. Die spannendsten Diskussionen drehten sich jedoch nicht allein um die Frage, was technisch bereits möglich ist. Vielmehr ging es darum, wie Innovationen verantwortungsvoll in die Versorgung überführt werden können, dies dabei evidenzbasiert, sicher und mit einem spürbaren Mehrwert für Patientinnen, Patienten sowie medizinische Fachpersonen.
Das Big Bang KI Festival versteht sich als Europas führendes KI-Event für Entscheiderinnen und Entscheider. An zwei Tagen kamen mehr als 350 Speakerinnen und Speaker aus Wirtschaft, Technologie, Gesundheitswesen und Politik zusammen. Auf sechs Bühnen bot das Programm Keynotes, Panels und Masterclasses und nebenbei zahlreiche Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und Networking.
Ein wiederkehrendes Thema der Panels war die fehlende Verbindung zwischen den verschiedenen Systemen und Anwendungen, die tagtäglich im Gesundheitswesen zum Einsatz kommen. Gesundheitsdaten werden dabei an verschiedensten Stellen erfasst, bei Krankenkassen, in Arztpraxen, Krankenhäusern, Apotheken, Reha-Einrichtungen und auch im Privaten über Wearables.
Der Zugang zu diesen Daten ist jedoch häufig schwierig, weil sie in zahlreichen voneinander getrennten Anwendungen liegen. Für die Versorgung bedeutet das, das wichtige Informationen zwar vorhanden sind, jedoch nicht immer dort zur Verfügung stehen, wo sie für Diagnostik, Behandlung und eine kontinuierliche Betreuung gebraucht werden.
Interoperabilität ist dabei der entscheidende Faktor und bestimmt, ob Befunde, Medikationsdaten und weitere relevante Informationen systemübergreifend zusammengeführt und für die Versorgung, Forschung sowie den sinnvollen Einsatz von KI nutzbar gemacht werden können.
Eine ähnliche Perspektive prägte auch die Diskussion um die elektronische Patientenakte. Die ePA entwickelt sich mehr und mehr vom digitalen Ablageort zu einem zentralen Gesundheitsdatenraum, der perspektivisch Versorgung, Forschung und KI miteinander verbinden kann. Medikationsdaten, E-Rezepte, Impf- und Vorsorgeinformationen sowie medizinische Dokumente können dabei konkrete Mehrwerte schaffen.
"Wir müssen jetzt aus dieser Nutzung auch Nutzwert gestalten. Wir müssen eine bessere Versorgung definieren, wir müssen auch die Menschen [...] dazu befähigen, mit ihren Gesundheitsdaten gerne umzugehen." So Brenya Adjei, Geschäftsführerin der Gematik über den nächsten entscheidenden Schritt.
Es wurde deutlich, dass technische Verfügbarkeit allein nicht genügt. In der hausärztlichen Praxis kommt der Nutzen erst dann an, wenn relevante Befunde tatsächlich vollständig, einheitlich und übersichtlich an einem Ort verfügbar sind. Für Patientinnen und Patienten wiederum muss die ePA verständlich, zugänglich und im Alltag relevant sein, sodass auch diese zu aktiven Nutzenden befähigt werden.

© Moira Hammes
Spannende Diskussion um die elektronische Patientenakte
Besonders greifbar wird der mögliche Nutzen von Künstlicher Intelligenz dort, wo sie konkrete Arbeitsabläufe unterstützt, beispielsweise bei der Dokumentation, beim Strukturieren von Informationen, beim Hervorheben relevanter Befunde oder bei der Vorbereitung medizinischer Entscheidungen. In Krankenhäusern könnte – so der Wunsch vieler Mediziner*innen – eingesparte Bürokratie wieder Zeit für die direkte Versorgung schaffen.
Dr. Gerald Gaß formulierte das Potenzial zugespitzt: „Wenn wir nur eine Stunde Bürokratie einsparen könnten, sind das 20.000 Vollkräfte im ärztlichen Dienst und 50.000 Vollkräfte im pflegerischen Dienst, [die] wir mehr am Patienten hätten.“
Gleichzeitig war man sich in Diskussionen auch immer wieder zustimmend einig, dass KI Fachpersonen nicht ersetzen kann. KI soll vielmehr Vorschläge machen, Muster erkennen und Informationen schneller zugänglich machen. Die fachliche Einordnung und die Entscheidung müsse dabei weiterhin bei Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachpersonen liegen.
Besonders wichtig ist deshalb die frühe Einbindung derjenigen, die mit den Systemen arbeiten. Pflege und Medizin dürfen nicht erst nach der Entwicklung mit fertigen Lösungen konfrontiert werden, sondern müssen bereits bei der Erstellung mit einbezogen werden.
Auch der Begriff der Schatten-KI kam in diesem Zusammenhang zur Sprache. Mitarbeitende greifen demnach bereits eigenständig auf frei zugängliche Tools zurück, wenn offizielle Anwendungen zu langsam, kompliziert oder nicht verfügbar sind. Das zeigt, dass der praktische Bedarf da ist, wirft aber zugleich Fragen zu Datenschutz, Haftung und Patientensicherheit auf. Gefragt sind daher sichere, datenschutzkonforme und alltagstaugliche Lösungen, die Mitarbeitenden einen verlässlichen Rahmen für den KI-Einsatz bieten und den tatsächlichen Bedarf in der Praxis aufgreifen.
Wie wichtig repräsentative Daten sind, zeigte der Blick auf die Frauengesundheit von Judith Gerlach, Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention. Frauen wurden in Forschung, Datenerhebung und Versorgung lange nicht ausreichend berücksichtigt. Beschwerden werden noch immer später erkannt oder nicht ernst genommen und frauenspezifische Erkrankungen wie Endometriose bleiben häufig lange unerkannt.
Bei der Konferenz wurden konkrete Förderprojekte vorgestellt, die KI für eine frühere Erkennung von Brustkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine bessere Diagnostik bei Endometriose sowie eine individuellere Behandlung von Eierstockkrebs nutzen wollen.
„Wenn wir über KI im Gesundheitswesen sprechen, geht es nicht zuallererst um Algorithmen oder Technik. Es geht darum, Menschen besser behandeln zu können“, betonte Judith Gerlach. Dieser Gedanke lässt sich auf die gesamte Diskussion übertragen: KI wird dann relevant, wenn sie Versorgungslücken schließt und Menschen einen konkreten Nutzen bringt.
So unterschiedlich die Themen der Panels waren, so klar war die gemeinsame Richtung: Digitalisierung und KI sollen das Gesundheitssystem im besten Sinne verbessern. Dafür braucht es Interoperabilität, hochwertige Daten, belastbare Evidenz und eine Regulierung, die Schutz und Innovation miteinander verbindet.
Ebenso entscheidend sind Vertrauen und Wille zur Veränderung sowie menschliche Verantwortung. KI sollte weniger als Lösung, sondern mehr als Werkzeug verstanden werden, das Fachpersonen unterstützt und Patientinnen und Patienten besser einbindet. Sodass der mögliche Gewinn in weniger Reibungsverlusten, weniger Bürokratie und mehr Zeit für gute Versorgung liegt.
Die vielleicht treffendste Vision eines Panels war deshalb der Wunsch nach „Screen-Liberation“. Also weniger Zeit vor dem Bildschirm und mehr Zeit für die Menschen, die medizinische Hilfe und Zuwendung brauchen.

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