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15. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Termindruck, ständige Erreichbarkeit, kaum Pausen: Stress lässt sich im Alltag oft nicht vermeiden. Doch wann wird er tatsächlich zum Risiko für das Herz? Kardiologe Prof. Dr. Uwe Nixdorff erklärt, warum die Erholung dazwischen eine entscheidende Rolle spielt – und wie sich chronischer Stress sogar messen lässt.

Ein Interview mit
Prof. Dr. Uwe Nixdorff
Stress muss nicht grundsätzlich schädlich sein. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Belastung zum Dauerzustand wird und die Erholung dazwischen fehlt. Kardiologe und Internist Prof. Dr. Uwe Nixdorff beschäftigt sich deshalb nicht nur mit den Folgen von Stress für Herz und Gefäße, sondern auch mit der Frage, wie sich gegensteuern lässt. Dafür hat er einen eigenen Ansatz entwickelt: Das VARESE-Konzept verbindet sechs Bereiche – von Verhalten und Achtsamkeit über Ernährung und Sport bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln.
Herr Professor Nixdorff, zwei Drittel der Menschen in Deutschland fühlen sich gestresst. Was ist Stress aus medizinischer Sicht?
Stress hat fast jeder und kennt eigentlich fast jeder Mensch. Manche erleben ihn nur vorübergehend, da kann man zwischen Eustress und Distress unterscheiden. Problematisch wird es bei einer überwältigenden Erschöpfung. Erschöpft sind wir alle manchmal. Entscheidend ist dieses „überwältigend“, wenn man das Gefühl bekommt, nicht mehr Herr seiner Geschicke zu sein.
Hinzu kommt das zunehmende Abhandenkommen emotionaler und später auch kognitiver Ressourcen. Einige Menschen wissen irgendwann gar nicht mehr richtig: Was will ich eigentlich, was ist mit mir los? Sie verlieren gewissermaßen den Kontakt zu sich selbst. Dazu können ein Gefühl der Wirkungslosigkeit und ein schwindender Selbstwert kommen. Die Sinnhaftigkeit verschwimmt, die Selbstwirksamkeit geht verloren. In schlimmeren Fällen kann das in einer Depression und schließlich auch in einem Burnout-Syndrom enden.
Was geschieht dabei im Körper?
Das zentrale Organ ist zunächst das Gehirn. Dort gibt es verschiedene Strukturen, die miteinander verschaltet sind. Dazu gehören frontotemporale Bereiche, aber auch Hippocampus und Hypothalamus. Über den Hypothalamus kommen hormonelle Prozesse hinzu. Unter anderem werden in den Nebennieren Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin gebildet.
Diese Vorgänge im Gehirn lösen kognitive und affektive Reaktionen aus. Das kennt jeder, der einmal richtig unter Stress stand: Man kann nicht mehr so klar denken, ist weniger konzentriert und reagiert auch emotional anders. Das kann bis hin zu Zynismus oder Feindseligkeit gehen.
Und dann kommen die physiologischen Reaktionen hinzu: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt. Außerdem steigen Entzündungsfaktoren, die wiederum ungünstige Auswirkungen auf die arteriellen Wände haben können. Daraus besteht der Brückenschlag zu meinem Fachgebiet: Chronischer Stress kann zu mehr Herzinfarkten führen.
Warum scheint Stress heute für so viele Menschen zum Dauerzustand zu werden?
Ein wesentlicher Faktor ist die Arbeitsverdichtung. Wir stehen unter erheblichem Arbeitsstress, haben Multitasking und Zeitdruck, in extremen Fällen kommt auch Mobbing hinzu. Ein weiterer Punkt ist die durchgehende Erreichbarkeit und damit die fehlende Erholungsfähigkeit.
Wir haben nicht mehr genügend Phasen, in denen wir uns tatsächlich erholen. Man sitzt am Computer, Hunderte E-Mails kommen herein, zwischendurch klingelt das Telefon, jemand klopft an die Tür und gleichzeitig kommt noch eine WhatsApp-Nachricht. Wir sind permanent auf mehreren Kanälen unterwegs.
Früher hatten wir natürlich ebenfalls Stress. Wenn in der Steinzeit ein Säbelzahntiger vor einem stand, musste man innerhalb weniger Sekunden entscheiden: flüchten oder kämpfen. Beides war mit einer hohen körperlichen Aktivierung verbunden.
Heute haben wir diesen Tiger nicht mehr. Stattdessen haben wir eher eine durchgehende Herausforderung. Und der entscheidende Punkt ist: Darauf folgen keine ausreichenden Erholungsphasen.
Warum verkraften manche Menschen solche Belastungen besser als andere?
Dabei spielt auch die genetische Anlage eine Rolle. Ein Beispiel ist das Enzym COMT, die Catechol-O-Methyltransferase. Dieses Enzym baut unter anderem Botenstoffe wie Dopamin und Adrenalin ab. Aufgrund genetischer Varianten gibt es dabei Unterschiede zwischen Menschen.
Bei manchen werden diese Botenstoffe schneller abgebaut. Diese Menschen haben eine bessere Resilienz. Bei anderen geschieht das langsamer, sie haben entsprechend mehr Stress.
Ein gewisses Stressniveau kann allerdings auch hilfreich sein. Wenn ich beispielsweise einen Vortrag halte, ist ein bisschen Stress gar nicht schlecht. Man ist geschärft und konzentrierter. Jeder kennt aber auch aus seinem Umfeld Menschen, bei denen ein Sturm kommen kann und sie bleiben standhaft – und andere, die schon bei sehr viel kleineren Belastungen stark reagieren. Das Spektrum ist sehr groß.
Stress ist also nicht automatisch negativ. Was unterscheidet Eustress von Distress?
Akuter Stress hat zunächst einmal einen Sinn. Entscheidend ist aber, was anschließend passiert: Die Herausforderung fällt weg, wir können uns erholen und die Speicher wieder auffüllen.
Beim chronischen Stress ist das anders. Dort folgen die Belastungen sehr schnell aufeinander, ohne dass dazwischen ausreichend Zeit zur Erholung bleibt. Genau das ist der Distress.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Cortisol. Bei einer starken akuten Stressreaktion steigt Cortisol deutlich an. Bei einem Burnout beziehungsweise chronischem Stress kann dagegen genau das Gegenteil der Fall sein: Dann kann die Cortisolproduktion herunterreguliert sein. Deshalb schauen wir uns das Cortisol-Tagesprofil an.
Welche gesundheitlichen Folgen kann chronischer Stress haben?
Da würde ich etwas salopp sagen: eigentlich alle Erkrankungen. Das hat auch mit Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie zu tun. Stress beeinflusst Entzündungsprozesse im Körper. Unter anderem werden Interleukine, Tumornekrosefaktor Alpha und CRP hochreguliert. Das sind Entzündungsparameter, und diese Prozesse betreffen letztlich alle Organe.
Für mich als Kardiologen sind natürlich die Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders wichtig. Dazu gibt es Metaanalysen und große klinische Studien, die zeigen, dass ein gestresster Mensch eine ungefähr 25 Prozent höhere Inzidenz von Herzinfarkten hat.
Welche körperlichen Veränderungen spielen dabei zusätzlich eine Rolle?
Stress hat sehr viele metabolische Folgewirkungen. Wer dauerhaft gestresst ist, ist beispielsweise tendenziell eher adipös. Dabei geht es nicht nur darum, dass man unter Stress mehr isst. Auch Leptinresistenz und Insulinresistenz können eine Rolle spielen, die Glukosetoleranz verschlechtert sich.
Hinzu kommt eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes. Wenn bereits Veränderungen an den Gefäßen und Plaques vorhanden sind und durch Stress eine erhöhte Gerinnungsneigung hinzukommt, kann sich leichter ein Gerinnsel bilden. Daraus können dann Herzinfarkt oder Schlaganfall entstehen.
Sie bieten in Ihrem Prevention Center Stressmedizin an. Was muss man sich darunter vorstellen?
Wir arbeiten zunächst diagnostisch mit einem integralen Stresstest, der aus drei Bereichen besteht. Der erste ist die Herzratenvariabilität. Dabei schaut man sich die Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen an. Die sind nämlich nicht immer exakt gleich lang, sondern werden moduliert.
Wenn ich entspannt bin, kann diese Variabilität sehr ausgeprägt sein. Bei einem stark gestressten Menschen kann sie dagegen deutlich reduziert sein. Dann dominiert der Sympathikus, während die moderierende Wirkung des Parasympathikus fehlt. Die Herzratenvariabilität kann man deshalb auch nutzen, um Stress zu beobachten und über Biofeedback zu schauen, ob sich etwas verbessert.
Der zweite Bereich ist die Biochemie. Dabei untersuchen wir beispielsweise Neurotransmitter wie Adrenalin oder Serotonin. Auch Cortisol gehört dazu. Cortisol messen wir über ein Tagesprofil im Speichel. Ein einzelner Cortisolwert im Blut ist eine Momentaufnahme. Uns interessiert dagegen, wie das Profil über den Tag aussieht. Die Proben können die Patienten selbst zu Hause nehmen.
Der dritte Bereich sind wissenschaftlich validierte Fragebögen. Das sind umfangreiche Fragenkataloge, bei denen unterschiedliche Aspekte der Stressbelastung erfasst werden. Natürlich setzt das voraus, dass die Fragen ehrlich beantwortet werden.
Wenn man diese drei Bereiche – Herzratenvariabilität, Biochemie und Fragebögen – zusammenführt, bekommt man ein sehr umfassendes Bild der individuellen Stressbelastung. Und daraus können wir dann auch ableiten, wo man therapeutisch ansetzen kann.
Bei der Behandlung setzen Sie auf das VARESE-Konzept. Was steckt dahinter?
VARESE ist ein Akronym: V steht für Verhalten, A für Achtsamkeit, R für Relaxation, E für Ernährung, S für Sport und das letzte E für Ergänzung.
Beim Verhalten geht es zunächst darum, wie ich mit Stresssituationen umgehe. Ich muss nicht bei jedem Problem sofort auf 180 sein. Man kann versuchen, besonnener mit Problemen umzugehen, mehr Gelassenheit zu entwickeln und sich im Alltag auch einmal Verschnaufpausen einzuräumen.
Der zweite Punkt ist Achtsamkeit. Dazu gehört beispielsweise MBSR, Mindfulness-Based Stress Reduction. Auch Atemübungen spielen dabei eine Rolle. Eine einfache Übung ist die Bauchatmung: langsam und tief atmen und länger aus- als einatmen. Dabei lässt man die Gedanken wegfliegen.
R steht für Relaxation. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, etwa Yoga, Pilates oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobson.
Ernährung, Sport und Nahrungsergänzung gehören ebenfalls zu VARESE. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Bei der Ernährung vor allem Low Carb. Gerade unter Stress neigen viele Menschen dazu, zu Schokolade oder anderen zuckerreichen Lebensmitteln zu greifen. Wenn im Körper ohnehin entzündliche Prozesse durch Stress hochreguliert werden, ist das für mich bildlich gesprochen so, als würde man noch trockenes Holz ins Feuer werfen.
Dann kommt Sport. Gerade der stark gestresste Geschäftsführer macht häufig keinen Sport mehr, weil er abends vollkommen erschöpft ist. Dann legt er sich auf die Couch, trinkt vielleicht ein Bier und schaut Netflix. Dabei ist Sport sehr wichtig.
Das letzte E steht für Ergänzung. Zunächst sollte man feststellen, ob überhaupt Defizite bestehen. Was ich bei sehr gestressten Menschen häufig feststelle, ist ein Serotoninmangel.
Sehr gute Erfahrungen habe ich mit 5-Hydroxytryptophan, kurz 5-HTP, als Supplement gemacht. Das ist eine Vorstufe von Serotonin. Serotonin selbst geht nicht über die Blut-Hirn-Schranke. 5-HTP kann auch den Schlaf verbessern.
Ein weiterer Punkt ist Vitamin D. Hier achte ich auf einen guten Spiegel und stelle diesen auch labormedizinisch ein. Auch Omega-3-Fettsäuren würde ich als Supplement nennen. Daneben gibt es natürlich viele weitere Substanzen, bei denen die Evidenz weniger gut ist.
Zum Schluss: Wie können wir uns vor Stress und seinen negativen Folgen schützen?
Ich würde sagen: ein bisschen in sich gehen und versuchen, in sich zu ruhen. Vielleicht klingt das etwas pathetisch, aber auch zu versuchen, ein guter Mensch zu sein.
Für mich geht es dabei sehr stark um Vertrauen, Liebe und Beziehungen. Wenn ein Kind Urvertrauen bekommt, ist das eine wichtige Grundlage dafür, später resilient zu werden. Unsere genetische Ausstattung spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Aber wenn jemand sehr stark von Angst, Misstrauen, Zynismus oder Isolation geprägt ist, kann sich das auch auf die Gesundheit auswirken.
Vertrauensvolle Beziehungen sind deshalb sehr wichtig. Dazu gehört auch, sich verletzlich zeigen zu können, Nähe zuzulassen und Intimität zu erleben.
Und wenn ein Coaching sinnvoll ist, sollte dort nicht ausschließlich die aktuelle Stresssituation betrachtet werden. Es ist nicht immer nur der vermeintlich „böse Chef“, der Stress verursacht. Ein professioneller Coach schaut sich den Menschen insgesamt an und geht gegebenenfalls auch zurück in die Kindheit. Denn dort können Dinge liegen, die beeinflussen, wie wir heute mit Belastungen umgehen

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