
© Tal Molcho
10. August 2026
Marianne Waldenfels
Kurkuma und sein Inhaltsstoff Curcumin gelten als natürliche Entzündungshemmer. Doch Zweifel an frühen Studien, eine geringe Bioverfügbarkeit und mögliche Risiken hochdosierter Präparate stellen viele Gesundheitsversprechen infrage
Goldene Milch, Kurkuma-Shots, hochdosierte Kapseln: Kaum ein Gewürz hat in den vergangenen Jahren eine solche Gesundheitskarriere hingelegt wie Kurkuma. Vor allem sein Inhaltsstoff Curcumin soll Entzündungen hemmen, Gelenkschmerzen lindern und teilweise sogar vor schweren Erkrankungen schützen. Auf Social Media wird der Pflanzenstoff als Gesundheitsbooster gefeiert und auch das Geschäft mit Curcumin-Präparaten boomt.
Doch ausgerechnet die wissenschaftliche Grundlage des Hypes bekommt zunehmend Risse. Ein Teil der Forschung, die Curcumin einst berühmt machte, steht heute wegen fragwürdiger Daten in der Kritik. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Der menschliche Körper nimmt den Wirkstoff kaum auf. Und der Versuch, genau das mit immer höher dosierten und besser verfügbaren Präparaten zu umgehen, könnte neue Risiken mit sich bringen.
Kurkuma wird in Südasien seit Jahrhunderten als Gewürz und traditionell auch medizinisch verwendet. Im Westen entwickelte sich die Pflanze in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum „Superfood“ – von der goldenen Milch bis zur hochdosierten Curcumin-Kapsel.
Zu den Forschern, die den wissenschaftlichen Curcumin-Boom maßgeblich mitprägten, gehörte der Biochemiker Bharat Aggarwal, damals am MD Anderson Cancer Center der University of Texas. Ab den frühen 2000er-Jahren veröffentlichte seine Forschungsgruppe zahlreiche Arbeiten, die Curcumin unter anderem entzündungshemmende und krebshemmende Eigenschaften zuschrieben.
Die Publikationen beeinflussten auch die weitere Forschung. Der Wissenschaftler Reese Richardson von der Northwestern University zeichnete später nach, dass die US-amerikanischen National Institutes of Health bis 2020 mehr als 150 Millionen US-Dollar in die Curcumin-Forschung investierten – ein erheblicher Teil davon in den Jahren nach Aggarwals frühen Veröffentlichungen.
Doch über einem Teil dieser frühen Forschung hängt inzwischen ein großes Fragezeichen. 2012 informierte das Office of Research Integrity des US-Gesundheitsministeriums das MD Anderson Cancer Center über Hinweise auf möglicherweise manipulierte Bilddaten in zahlreichen Publikationen Aggarwals.

Roboter sollen Knieprothesen präziser einsetzen und Patienten nach der Operation schneller auf die Beine bringen. Doch wie groß ist der Vorteil wirklich? Orthopäde PD Dr. Daniel P. Berthold erklärt, was die neue Technik kann – und wo ihre Grenzen liegen.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold
Es folgte eine interne Untersuchung, Aggarwal verließ die Einrichtung. Mittlerweile wurden mindestens 30 seiner wissenschaftlichen Arbeiten zurückgezogen. Beanstandet wurden unter anderem duplizierte oder zusammengesetzte Western-Blot-Abbildungen.
Das bedeutet nicht, dass damit die gesamte Curcumin-Forschung widerlegt wäre. Nicht jede Studie zu dem Pflanzenstoff stammt von Aggarwal, und nicht jede seiner zurückgezogenen Arbeiten beschäftigte sich mit Curcumin. Seine Veröffentlichungen hatten jedoch erheblichen Einfluss auf das Forschungsfeld und werden zum Teil bis heute zitiert. Umso wichtiger ist die Frage, was unabhängig davon aus klinischen Studien am Menschen übrig bleibt.
Hier stößt der Pflanzenstoff auf eine weitere Hürde. Curcumin löst sich schlecht in Wasser, ist chemisch instabil und wird vom menschlichen Körper nur in sehr geringem Umfang aufgenommen.
Bereits 2017 kam ein Forschungsteam um Kathryn Nelson von der University of Minnesota in einer viel beachteten Übersichtsarbeit im Journal of Medicinal Chemistry zu dem Schluss, dass Curcumin aufgrund seiner chemischen Eigenschaften ein ausgesprochen schwieriger Kandidat für die Entwicklung eines Medikaments ist.
Wie groß das Problem sein könnte, zeigten später Humanstudien aus den Niederlanden. Ein Team um Maurice Kroon vom Amsterdam UMC untersuchte 2023 bei 47 Menschen, die selbstständig Curcumin-Präparate einnahmen, die Konzentration des Wirkstoffs im Blut.
Die gemessenen Werte lagen weit unter jenen Konzentrationen, bei denen in experimentellen Untersuchungen biologische Wirkungen beobachtet worden waren. Auch Piperin aus schwarzem Pfeffer, das häufig zur Verbesserung der Aufnahme zugesetzt wird, löste das Problem nicht grundsätzlich.
2025 untersuchte dasselbe Team gezielt hochdosierte und als besonders bioverfügbar beworbene Präparate bei neun gesunden Männern. Selbst die Formulierung mit den höchsten Blutwerten blieb weit unter den Konzentrationen, die beispielsweise in Zellversuchen gegen Krebszellen eingesetzt werden.
Die geringe Bioverfügbarkeit könnte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum sich spektakuläre Ergebnisse aus dem Labor bislang so schwer auf den Menschen übertragen lassen.
Ganz so eindeutig fällt die Bilanz allerdings nicht aus. Vor allem bei Arthrose gibt es in Meta-Analysen Hinweise darauf, dass bestimmte Curcumin-Präparate Schmerzen und körperliche Funktion verbessern könnten. Allerdings sind viele Studien klein, verwenden sehr unterschiedliche Präparate und Dosierungen und weisen methodische Schwächen auf. Wie groß und klinisch relevant der Effekt tatsächlich ist, bleibt deshalb unsicher.
Für weitreichendere Versprechen, etwa eine vorbeugende oder therapeutische Wirkung bei Krebs oder Alzheimer, fehlt bislang überzeugende klinische Evidenz. Laborergebnisse, in denen Curcumin bestimmte Signalwege beeinflusst oder Krebszellen hemmt, lassen sich nicht automatisch auf Menschen übertragen.
Wichtig zu wissen: Häufig werden Effekte beworben, die unter Bedingungen im Labor beobachtet wurden, obwohl im menschlichen Körper vergleichbare Wirkstoffkonzentrationen kaum erreicht werden.
Hersteller versuchen dieses Problem längst zu umgehen. Viele Nahrungsergänzungsmittel enthalten deshalb besonders hohe Curcumin-Dosen oder Zusätze wie Piperin, die die Bioverfügbarkeit steigern sollen. Doch ausgerechnet das könnte problematisch sein.
Kurkuma als Gewürz gilt in üblichen Mengen als unbedenklich. Bei konzentrierten Nahrungsergänzungsmitteln wurden dagegen seltene, teilweise schwere Leberschäden beschrieben. Auffällig ist, dass viele dokumentierte Fälle Präparate mit erhöhter Bioverfügbarkeit betreffen.
Mögliche Warnzeichen einer Leberschädigung sind Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunkler Urin, Übelkeit, ungewöhnliche Müdigkeit oder Schmerzen im rechten Oberbauch. In den meisten dokumentierten Fällen besserten sich die Beschwerden nach dem Absetzen. Vereinzelt sind jedoch auch schwere Verläufe beschrieben worden.
Wie relevant das Thema für Verbraucher in Deutschland ist, zeigt eine 2026 veröffentlichte Marktanalyse des Instituts für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Team um Haleema Rahim-Mahdy und Roland Seifert untersuchte 125 frei verkäufliche Kurkuma-Präparate aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Australien und Indien hinsichtlich Kennzeichnung, Dosierung und Sicherheitshinweisen.
Die deutschen Produkte stachen dabei gleich in zwei Punkten hervor: 76 Prozent enthielten einen sogenannten Bioverfügbarkeits-Verstärker, meist Piperin aus schwarzem Pfeffer – der höchste Anteil unter den fünf untersuchten Ländern. Zudem überschritten 44 Prozent eine Curcumin-Menge von 210 Milligramm pro Tag.
Zum Vergleich: Bei einem 70 Kilogramm schweren Erwachsenen entsprechen 210 Milligramm dem gesundheitlich akzeptablen täglichen Aufnahmewert von 3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass bei Präparaten mit verbesserter Bioverfügbarkeit nicht allein die enthaltene Curcumin-Menge entscheidend ist. Wird der Wirkstoff vom Körper besser aufgenommen, kann sich auch die tatsächliche Exposition erhöhen. Produkte, die mit einer besonders hohen Bioverfügbarkeit werben, sind deshalb nicht automatisch vorteilhaft.
Die Geschichte von Curcumin zeigt exemplarisch, wie groß der Abstand zwischen vielversprechender Grundlagenforschung und einem tatsächlich wirksamen Arzneimittel sein kann.
Kurkuma bleibt ein Gewürz, das problemlos Teil einer ausgewogenen Ernährung sein kann. Daraus folgt jedoch nicht, dass hochkonzentrierte Curcumin-Kapseln dieselben gesundheitlichen Vorteile bieten oder dass mehr Curcumin automatisch besser ist.
Bei Arthrose gibt es Hinweise auf mögliche Effekte, für viele andere weitreichende Gesundheitsversprechen fehlt dagegen bislang überzeugende klinische Evidenz. Gleichzeitig zeigen Berichte über Leberschäden, dass hochdosierte und besonders bioverfügbare Präparate nicht automatisch harmlos sind.
Wer Kurkuma zum Kochen verwendet, muss sich deshalb keine Sorgen machen. Bei hochdosierten Curcumin-Präparaten ist dagegen mehr Zurückhaltung angebracht – insbesondere dann, wenn ausgerechnet eine besonders hohe Bioverfügbarkeit als gesundheitlicher Vorteil beworben wird.