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7. Januar 2026
Marianne Waldenfels
Warum Ingwer zur Heilpflanze 2026 gekürt wurde: Neue anerkannte Anwendungen bei Gelenkschmerzen & Erkältung. Alle Infos zu Wirkung, Dosierung & Qualität
Die scharfe Knolle aus Asien hat es geschafft: Ingwer ist zur Arzneipflanze des Jahres 2026 gekürt worden. Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde und die Gesellschaft für Phytotherapie haben diese Auszeichnung vergeben – und das nicht ohne Grund. Die Neubewertung der gesundheitsfördernden Wirkungen durch die Europäische Arzneimittel-Agentur sowie die jahrtausendealte Tradition als Heilmittel machen Ingwer zu einem der faszinierendsten Naturheilmittel unserer Zeit.
Ingwer (Zingiber officinale) ist eine mehrjährige Pflanze aus der Familie der Ingwergewächse. Die Pflanze selbst kann über einen Meter hoch werden und besitzt lange, schilfähnliche Blätter. Doch für die Gesundheit interessant ist vor allem das unterirdische Rhizom – die knollige Wurzel, die wir umgangssprachlich als Ingwer bezeichnen. Dieses verzweigte Rhizom wächst horizontal im Boden und ist innen gelblich gefärbt mit einem intensiv aromatischen Duft.
Die ursprüngliche Wildform des Ingwers ist heute unbekannt. Seit Jahrhunderten wird die Pflanze in Südasien kultiviert und hat sich von dort aus in die ganze Welt verbreitet. Die größten Produzenten sind heute Indien, Nigeria und China, wobei die weltweite Jahresproduktion bei beeindruckenden fünf Millionen Tonnen liegt. Interessanterweise etabliert sich in jüngerer Zeit auch der Anbau in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die gesundheitliche Wirkung des Ingwers beruht auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe. Der charakteristische brennend-scharfe Geschmack stammt vom Gingerol, dem wichtigsten Wirkstoff der Knolle. Diese Substanz ist nicht nur für den Geschmack verantwortlich, sondern gilt auch als medizinisch besonders wertvoll.
Darüber hinaus enthält Ingwer:
Besonders spannend: Die Zusammensetzung und Konzentration dieser Inhaltsstoffe variiert je nach Herkunft des Ingwers erheblich. Nigerianischer Ingwer beispielsweise zeichnet sich durch einen überdurchschnittlich hohen Gingerol-Gehalt und damit durch besondere Schärfe aus. Indischer Ingwer hingegen enthält viel Limonen und besticht durch ein ausgeprägtes Zitrusaroma. Als besonders hochwertig gilt der Jamaika-Ingwer sowie der australische und bengalische Ingwer.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat 2025 ihre Bewertung des Ingwers grundlegend aktualisiert und dabei drei neue Anwendungsgebiete aufgenommen. Diese wissenschaftliche Neubewertung war mit ausschlaggebend für die Wahl zur Arzneipflanze 2026.
Die vorbeugende Anwendung gegen Reisekrankheit mit Übelkeit und Erbrechen ist als etablierte Anwendung anerkannt. Studien zeigen, dass Ingwer Placebo überlegen ist und die Wirksamkeit anderer Medikamente gegen Reisekrankheit erreicht. Die antiemetische (übelkeitshemmende) Wirkung entfaltet sich vermutlich durch eine direkte Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt. Zusätzlich wird ein Zusammenspiel mit Serotonin-Rezeptoren diskutiert.
Auch gegen postoperatives Erbrechen zeigt Ingwer moderate Effekte. Viele Segler schwören auf die Wirkung der Knolle gegen Seekrankheit, und eine Studie mit dänischen Seekadetten bestätigte, dass Ingwer das Auftreten von Erbrechen auf hoher See signifikant reduzieren konnte.
Traditionell wird Ingwer zur Behandlung leichter, krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt, die mit Blähungen einhergehen. Die verdauungsfördernde und magenstärkende Wirkung ist bereits seit der Antike bekannt und wird heute durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt.
Im Jahr 2025 wurden drei neue Einsatzgebiete in die Bewertung aufgenommen:
Studien deuten darauf hin, dass Ingwer antioxidative Eigenschaften besitzt. Antioxidantien schützen die Körperzellen vor freien Radikalen, die Alterungsprozesse beschleunigen und Entzündungen fördern können. Diese Eigenschaft macht Ingwer zu einem wertvollen Bestandteil einer gesundheitsbewussten Ernährung.
Bereits in der Antike wurde die Pflanze bei Erkrankungen von Magen, Darm und Atemwegen angewendet. Der griechische Arzt Dioskurides beschrieb um 70 nach Christus die Droge als erwärmend, verdauungsfördernd und magenstärkend. Auch Galen, einer der bedeutendsten Ärzte der Antike, ordnete Ingwer als warmes Arzneimittel ein, dessen Wirkung langsamer einsetze als beim Pfeffer, aber länger anhalte.
Im Mittelalter spielte Ingwer in der Klostermedizin eine wichtige Rolle. Das Lorscher Arzneibuch aus dem Jahr 800 enthielt Ingwer in etwa 10 Prozent der knapp 500 Rezepturen – bei Magen- und Darmleiden, Erkrankungen von Leber, Milz und Nieren sowie bei Wechselfieber.
Besonders bemerkenswert ist die differenzierte Betrachtung der Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert. Sie erkannte bereits, dass Ingwer nicht für jeden Menschen gleichermaßen geeignet ist – eine Einsicht, die ihrer Zeit weit voraus war und auch heute noch Gültigkeit besitzt.
In der TCM wird Ingwer als wärmendes Heilmittel geschätzt, das den Energiefluss im Körper fördern und bei sogenannter "innerer Kälte" helfen soll. Er gilt als Yang-Tonikum und wird zur Stärkung der Verdauungskraft eingesetzt.
Die ayurvedische Medizin schätzt Ingwer seit Jahrhunderten, besonders zur Stärkung des Verdauungsfeuers (Agni) und zur Entgiftung des Körpers. In Indien gilt er als universelles Heilmittel und wird bei zahlreichen Beschwerden eingesetzt.
Frischer Ingwer ist in den meisten Supermärkten erhältlich. Für medizinische Zwecke empfiehlt es sich, täglich etwa 2 bis 4 Gramm frischen Ingwer zu verwenden. Dies entspricht ungefähr einem Stück von der Größe einer Walnuss. Der Ingwer kann:
- Als Tee aufgebrüht werden (einige Scheiben mit heißem Wasser übergießen)
- Roh gegessen werden
- In Smoothies gemixt werden
- Als Gewürz in Speisen verwendet werden
Ingwerpulver und Kapseln sind praktische Alternativen zur frischen Knolle, besonders für unterwegs. Allerdings gibt es hier erhebliche Qualitätsunterschiede. In einer Untersuchung von Nahrungsergänzungsmitteln schwankten die Gehalte an Gingerol zwischen 0,0 und 9,43 Milligramm pro Gramm. Beim Kauf sollte man daher auf hochwertige Produkte achten und auf Qualitätssiegel wie Bio-Zertifizierungen oder pharmazeutische Qualität setzen.
Ingwershots sind in den letzten Jahren besonders populär geworden. Sie enthalten konzentrierten Ingwersaft, oft kombiniert mit Zitrone und Honig, und sollen das Immunsystem stärken. Man kann sie leicht selbst herstellen, indem man frischen Ingwer entsaftet und mit Zitronensaft und etwas Honig mischt.
Obwohl Ingwer als sehr sicher gilt, kann er bei manchen Menschen Nebenwirkungen verursachen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur nennt als mögliche Nebenwirkungen Magenverstimmung, Aufstoßen, Sodbrennen und Übelkeit.
Ärzte und Ernährungswissenschaftler empfehlen, den täglichen Verzehr auf maximal zwei bis vier Gramm zu beschränken. Diese Menge gilt als unbedenklich und ausreichend, um die gesundheitsfördernden Effekte zu erzielen.
Die wissenschaftliche Forschung zu Ingwer ist noch längst nicht abgeschlossen. Aktuelle Studien untersuchen weitere potenzielle Anwendungsgebiete:
Ein Schwerpunkt aktueller Arbeiten liegt darauf, Ingwer nicht nur als Akutmittel gegen Übelkeit, sondern auch als langfristige Unterstützung bei chronischen Entzündungen und Stoffwechselstörungen zu bewerten. Dabei interessiert besonders, wie sich standardisierte Extrakte – im Unterschied zur frischen Knolle – auf Parameter wie Entzündungsmarker, Blutzucker und Blutfette auswirken.
Forschungsgruppen prüfen zudem, ob Ingwer mit anderen Heilpflanzen wie Kurkuma kombiniert werden kann, um mögliche Synergieeffekte zu nutzen. Erste experimentelle Daten deuten an, dass solche Kombinationen antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen verstärken könnten, gesicherte klinische Empfehlungen gibt es dazu aber noch nicht.
Ein wichtiger Aspekt, den der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde betont, ist die Qualität der Ingwerprodukte. Die enormen Schwankungen im Gingerol-Gehalt bei Nahrungsergänzungsmitteln zeigen, wie wichtig es ist, auf Qualität zu achten.
Frischer Ingwer hält sich im Kühlschrank etwa drei Wochen. Man kann ihn auch einfrieren und bei Bedarf gefroren reiben – das ist besonders praktisch für Tee.
Bei Bio-Ingwer kann die Schale mitverwendet werden, da sie viele wertvolle Inhaltsstoffe enthält. Konventionellen Ingwer sollte man wegen möglicher Pestizidbelastung schälen.
Klassischer Ingwertee: 3–4 dünne Scheiben frischen Ingwer mit 250 ml kochendem Wasser übergießen und 10 Minuten ziehen lassen. Nach Geschmack mit Honig und Zitrone verfeinern.
Goldene Milch: Ein traditionelles ayurvedisches Getränk mit Ingwer, Kurkuma, Zimt und Pflanzenmilch – besonders wohltuend am Abend.
Ingwer-Shot: 50 g frischen Ingwer, Saft von 2 Zitronen, 1 TL Honig mixen. Ergibt etwa 3–4 Shots für die Woche.
Die Auszeichnung zur Arzneipflanze des Jahres 2026 würdigt die außergewöhnlichen gesundheitlichen Eigenschaften des Ingwers und seine jahrtausendealte Tradition als Heilmittel. Die wissenschaftliche Neubewertung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur unterstreicht, dass Ingwer mehr ist als ein Küchengerwürz – es ist ein wertvolles Naturheilmittel mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten.
Von der Linderung von Reiseübelkeit über die Unterstützung der Verdauung bis hin zur Linderung von Erkältungssymptomen und leichten Gelenkschmerzen: Ingwer zeigt ein beeindruckendes Wirkspektrum und ist dabei in der Regel gut verträglich. Wichtig ist jedoch, auf Qualität zu achten, die richtige Dosierung einzuhalten und bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme die Verwendung mit einem Arzt abzusprechen. Dann kann die scharfe Knolle aus Asien ihre volle gesundheitsfördernde Kraft entfalten und zu mehr Wohlbefinden beitragen.