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23. Februar 2026
Oliver Lüder
Warum richtiges Atmen so wichtig ist: Vom Nasenluftstrom-Fingerabdruck über Atemtechniken bis hin zur Philosophie des Atems – ein Überblick über das, was wir täglich millionenfach tun, aber kaum verstehen
Ein Klaps auf den Rücken lässt ein gerade geborenes Baby seine ersten Atemzüge tun. Atmen ist die erste selbstständige Bewegung im Leben eines Menschen – und es wird auch seine letzte sein.
Dennoch schenken wir dem Atmen immer noch zu wenig Beachtung. Wir tun es einfach. Selbst wenn wir nicht wollten – wir müssen. Wir können das Atmen nicht stoppen, nur verlangsamen. Einige wenige können das gezielt, Apnoe-Taucher beispielsweise oder Yogis. Unbewusst nehmen wir den Atem ja kaum wahr. In der Stille des Meeres wird er beim Tauchen laut. Wer unter Schlafapnoe leidet, hört ihn auch – eingerahmt vom Schnarchen vor und nach den Atemaussetzern. Der Großteil der Menschen nimmt den Atem jedoch erst ganz bewusst wahr, wenn er schwerfällt.
Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis Wissenschaftler herausfanden, dass der Atem eines Menschen beinahe genauso individuell ist wie ein Fingerabdruck. Ein Forscherteam am Weizmann Institute of Science in Israel konnte 97 Menschen, junge gesunde Erwachsene, anhand ihrer nasalen Atemmuster mit einer Genauigkeit von 96,8 Prozent identifizieren – und das auch bei Wiederholungstests, die teilweise zwei Jahre später stattfanden.
Die Forscher sprechen vom „Nasenluftstrom-Fingerabdruck“. In ihm zeigt sich das vegetative Nervensystem, das Atmung, Herzschlag und Verdauung reguliert. Das Atemmuster erlaubt sogar Rückschlüsse auf psychologische Merkmale: Erhöhte Werte für die Anfälligkeit von Depressionen oder Ängsten lassen sich am Atem ablesen. Ängstlichere Personen etwa atmen im Schlaf kürzer ein, ihre Atempausen schwanken stark.
Sogar das Körpergewicht und der sogenannte Body-Mass-Index sollen sich aus dem Atemmuster zuverlässig bestimmen lassen, insbesondere aus dem Zyklus, in dem sich linker und rechter Nasenflügel beim Atmen abwechseln, denn eine Nasenseite dominiert immer.
Der Nasenzyklus wird in einem Teil des Stammhirns gesteuert, das als Schnittstelle zwischen Atem und neuronaler Aktivität gilt, dort, wo das vegetative Nervensystem sitzt. Im Unterschied zu anderen vegetativen Funktionen können wir den Atem steuern. Dem Herzen können wir nicht befehlen, langsam zu schlagen, dem Magen nicht, die Verdauung zu stoppen, aber wir können – mit einiger Anstrengung oder Übung – langsamer oder schneller atmen. Und so über den Atem etwa den Herzschlag beeinflussen, der sich sonst überhaupt nicht beeinflussen lässt.
Wie wir Luft holen, zeigt, wie wir uns fühlen, aber genauso gut kann falsches Atmen uns ängstlich und depressiv machen. Und krank. Aber das weiß man schon länger: Schnarchen behindert die Erholungsphasen im Schlaf, bei der Apnoe erhöhen unregelmäßige Atemaussetzer im Schlaf sogar das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.
Es gibt einige Krankheiten, bei denen wir zu wenig Luft bekommen. Menschen, deren Lungen zu schwach sind, um selbstständig zu atmen, legte man lange Zeit in eine „Eiserne Lunge“, eine Kammer wie ein Hohlzylinder, die den Körper umschließt, am Hals luftdicht abschließt und einen Umgebungsdruck erzeugt, der Luft durch Nase und Mund des Patienten in die Lungen presst.
Die Ausatmung geschieht dann durch den Aufbau eines Überdrucks in der Kammer. Polio-Erkrankte, deren Lungen gelähmt waren, konnten dank dieser Geräte eine Zeit lang überleben. Solche Schreckensbilder erinnern daran, wie bedeutsam der Atem ist.
Wir vergessen schnell wieder, dass die meisten Menschen falsch atmen – nämlich zu viel, zu schnell und zu oft durch den Mund. Ein gesundes Baby atmet durch die Nase in den Bauch, und nie flach nach oben. Als Erwachsener tut man sich dagegen oft schon schwer, nur einmal in den Bauch zu atmen.
Es gibt also so etwas wie ein gesundes Atmen, und wenn wir das lernen bzw. wiedererlernen könnten, würde uns der Atem vielleicht sogar gesunden und Asthma, Bluthochdruck, Depressionen, Angstzustände und sogar unterschiedlichste Autoimmunkrankheiten wie etwa Colitis lindern. Das hoffen die israelischen Forscher, und das versprechen viele Atemtrainer.
Der amerikanische Wissenschaftsjournalist James Nestor hat vor vier Jahren den Bestseller "Breath – Neues Wissen" über die vergessene Kunst des Atmens geschrieben. Er wollte selbst richtig atmen lernen und besuchte deswegen Forscher, Therapeuten, Atemlehrer, Yogis.
Bei den Forschern fand er heraus: „Wir haben riesige Nasennebenhöhlen, die dem Volumen einer Billardkugel entsprechen. Wenn Sie durch die Nase atmen, erwärmen Sie die Luft, setzen sie unter Druck, befeuchten sie und lenken sie. So kann die Luft viel leichter von der Lunge aufgenommen werden. Wir bekommen 20 Prozent mehr Sauerstoff, wenn wir durch die Nase atmen, als wenn wir durch den Mund atmen.
Und wenn Sie glauben, das mache im Laufe des Tages keinen großen Unterschied aus – dann irren Sie sich gewaltig. Fast alle Tiere in freier Wildbahn, selbst jene, die mit 50, 60 Meilen pro Stunde durch die Gegend rennen und jagen, atmen durch die Nase.
Auch neugeborene Kinder tun das im Normalfall. Wir sind also eigentlich dafür geschaffen, unsere Nasen zu nutzen, doch viele tun das nicht. Das verursacht eine Menge Gesundheitsprobleme und Zivilisationskrankheiten.“
Die meisten Menschen atmen zu viel ein, so viel Sauerstoff braucht man aber gar nicht. Im Gegenteil: Zu wenig Kohlendioxid ist eher das Problem, weil man auch zu viel aus-atmet, wenn man zu viel einatmet.
Patienten mit Magersucht, Panikanfällen oder Zwangsneurosen haben durchgängig niedrige Kohlendioxidwerte im Körper und große Angst davor, den Atem anzuhalten. Um Anfälle zu vermeiden, atmen sie zu viel, werden zunehmend überempfindlich gegen Kohlendioxid und geraten in Panik, sobald sie merken, dass dieses Gas im Körper ansteigt. Sie haben Angst, weil sie übermäßig atmen – und sie atmen übermäßig, weil sie Angst haben.
So lassen sich auch Asthmaanfälle abschwächen, indem man bewusst langsamer atmet, um den Kohlendioxidwert im Blut zu steigern. Die Methode hilft auch bei Panikattacken.
Ein Leichtathletiktrainer namens Carl Stough erzählte Nestor von enormen Leistungssteigerungen bei Läufern, die beim Warten auf den Startschuss nicht wie üblich den Atem anhielten, sondern tief und langsam atmeten und beim Startschuss stets ausatmeten. Dadurch werde das erste Einatmen tief und voll und versorge sie mit Energie, um schneller und länger zu laufen.
Schon nach wenigen Sitzungen gaben die von ihm trainierten Läufer an, sie könnten besser Luft holen und bräuchten nur noch halb so lange Erholungsphasen zwischen den Rennen – vor allem aber hätten sie ihre Bestzeiten steigern können.
Es gibt mehrere Methoden, mit denen man üben kann, seinen Atem zu verlangsamen, am bekanntesten ist die Buteyko-Atmung. Konstantin Buteyko war ein ukrainischer Arzt, dessen Methoden in den Achtzigerjahren große Verbreitung fanden.
Nestor besuchte viele Atemtherapeuten und probiere ihre Übungen aus, teilweise sollte er über einen Zeitraum von vier Wochen täglich eine halbe Stunde trainieren, weniger und damit „richtiger“ zu atmen. Ein anderer Therapeut klebte ihm zur Abschreckung auch einmal drei Wochen lang die Nase zu, damit er am eigenen Leib erfahren konnte, welche gesundheitsschädlichen Folgen die permanente Mundatmung haben kann.
Als einfache Übung für die richtige Atmung gilt die sogenannte „4-6-10-Methode“, bei der man vier Sekunden lang einatmet und sechs Sekunden lang ausatmet, das für zehn Minuten. In Stresssituationen helfe auch schon schlichtes Luftanhalten, sind sich die Atemlehrer einig.
Auch das Luftanhalten lässt sich trainieren. Wer entspannt ist, verbraucht weniger Sauerstoff. Der Atemreiz setzt in erster Linie ein, weil der Körper CO2 ausstoßen möchte, nicht weil der Sauerstoff fehlt.
Man kann den Körper daran gewöhnen, eine Weile ohne neuen Sauerstoff auszukommen. Apnoetaucher berichten davon, dass sie ihre Atemmuskulatur zum Zucken bringen, um den Atemreiz zu unterdrücken; der Weltrekord für Männer liegt seit 2009 bei 11,35 Minuten, der für Frauen bei 9,02 Minuten. Trainierte Apnoetaucher erreichen einen äußerst niedrigen Ruhepuls von etwa sechs bis sieben Herzschlägen pro Minute – mithilfe spezieller Atem- und Yogaübungen.
Michael Bordt ist Philosoph und Jesuit. Er unterrichtet Führungskräfte und vermittelt mitunter auch Meditation. Der Atem ist der Anker, sagt er. Meditation bedeutet für Bordt: zur Ruhe zu kommen, den ständigen Kommentator im Hirn auszuschalten, ganz in die Gegenwart zu gelangen. Über den Atem soll das nach den klassischen Yoga- und Medita-ionstechniken mit sehr viel Übung und Geduld gelingen.
Laut Bordt kann man überall meditieren und seine Wahrnehmung auf den Atem richten. Auch auf dem Zahnarztstuhl. Aber wenn man es ernsthaft betreiben und weiterkommen will, sollte man Meditation als eine tägliche Übung betreiben, und da empfiehlt sich ein ruhiger Ort – nicht unbedingt die U-Bahn oder eine Warteschlange. Und das Handy sollte auch besser ausgeschaltet sein.
Zwölf bis 15 Atemzüge pro Minute addieren sich zu rund 20.000 Atembewegungen am Tag. Mit jedem Zug gelangt ungefähr ein halber Liter Luft in die Lungen, pro Tag atmet der Mensch also mindestens 10.000 Liter Frischluft ein und die gleiche Menge als eine Art Abgas wieder aus. Mehr als 500 Millionen Mal in einem durchschnittlichen Leben.
Atmen und Riechen sind Zwillinge. Selbst Menschen mit schlechtem Atem sind mit uns verbunden, wenn man Emanuele Coccia weiter denkt: Der italienische Philosoph hat ein Buch über die Pflanzenwelt geschrieben: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, in einigen europäischen Ländern erschienen.
Er entfaltet darin eine pantheistische Weltsicht, in der alles wiedergeboren wird und alle an allem teilhaben, weil Menschen mit Pflanzen und Tieren die Luft teilen, und alle Atome schon einmal Menschen, Pflanzen und Tiere durchwandert haben müssen. Wir seien alle nur wiedergeborgen.
Deshalb, so Coccia, ist alle Materie belebt. Es sei unsinnig, Dinge und Menschen so strikt voneinander zu trennen, wie wir das tun. Die Luft verbindet uns. Mit dem Atem reichen wir uns und der Welt die Hand. Es ist eigentlich ziemlich töricht, das immer wieder zu vergessen.