
© Alexander Krivitskiy
28. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Mundgeruch gilt schnell als Zeichen mangelnder Zahnhygiene. Dabei kann schlechter Atem auch entstehen, wenn man gründlich putzt. Zahnarzt Dr. Tore Thomsen erklärt, welche Rolle Zunge und Mundflora spielen – und was neue Studien zu Probiotika zeigen.

Ein Interview mit
Dr. med. dent. Tore Thomsen
Kaum jemand spricht gern darüber, dabei kennen viele das Problem: schlechter Atem. Wer ihn bei sich bemerkt, greift meist schnell zu Zahnbürste, Mundspülung oder Kaugummi. Doch Mundgeruch kann auch bei guter Zahnhygiene entstehen – und seine Ursachen sind vielfältiger, als man zunächst vermutet.
Zahnarzt Dr. Tore Thomsen erklärt im Interview, warum die Zunge dabei eine besondere Rolle spielt, was unser orales Mikrobiom mit schlechtem Atem zu tun hat und welche neuen Ansätze derzeit untersucht werden. Außerdem verrät er, welche Maßnahmen im Alltag sinnvoll sind und wann Mundgeruch medizinisch abgeklärt werden sollte.
Mundgeruch wird häufig mit mangelnder Zahnhygiene verbunden. Stimmt das überhaupt?
Nein – zumindest ist „mangelnde Zahnhygiene“ als Erklärung zu kurz gegriffen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle entsteht Mundgeruch tatsächlich im Mundraum, aber auch Menschen mit guter Mundhygiene können darunter leiden. Besonders häufig liegt die Ursache auf dem hinteren Zungenrücken, aber auch Zahnfleischtaschen, Gingivitis oder Parodontitis, Karies, schlecht gereinigte Prothesen oder ein verminderter Speichelfluss können eine Rolle spielen.
Der typische Mundgeruch entsteht vor allem durch Bakterien, die Eiweiße und schwefelhaltige Aminosäuren abbauen. Dabei entstehen flüchtige Schwefelverbindungen wie Schwefelwasserstoff und Methylmercaptan, die bereits in sehr geringen Konzentrationen unangenehm riechen. Die Zunge ist dabei ein besonders wichtiges Reservoir für diese Bakterien.
Was hat die Zusammensetzung unserer Mundflora mit Mundgeruch zu tun?
Eine sehr wichtige. Entscheidend ist nicht einfach, ob jemand „viele“ oder „wenige“ Bakterien im Mund hat, sondern welche Mikroorganismen dort vorherrschen und welche Stoffwechselprodukte sie bilden.
Auf dem hinteren Zungenrücken herrschen sauerstoffarme Bedingungen. Dort können sich bakterielle Gemeinschaften etablieren, die schwefelhaltige Substrate abbauen und dadurch flüchtige Schwefelverbindungen produzieren. Studien zeigen, dass sich die aktive mikrobielle Zusammensetzung des Zungenbelags bei Menschen mit und ohne Mundgeruch unterscheidet.
Wir verstehen zunehmend, dass Mundgeruch deshalb auch ein Problem des mikrobiellen Gleichgewichts sein kann. Allerdings ist das orale Mikrobiom sehr komplex. Es gibt derzeit keine einfache Liste mit „guten“ und „schlechten“ Bakterien, anhand derer man Mundgeruch zuverlässig vorhersagen könnte.
Neue Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Probiotika Mundgeruch reduzieren könnten. Wie gut ist das inzwischen belegt?
Die Daten sind inzwischen deutlich interessanter als noch vor einigen Jahren. Ich würde Probiotika aber noch nicht als Standardtherapie bezeichnen.
Mehrere systematische Reviews und Metaanalysen zeigen, dass bestimmte Probiotika, unter anderem Streptococcus salivarius, Weissella cibaria und verschiedene Lactobacillus-Stämme, kurzfristig sowohl die Konzentration flüchtiger Schwefelverbindungen als auch die klinische Geruchsbewertung verbessern können.
Gleichzeitig unterscheiden sich die Studien erheblich hinsichtlich Bakterienstamm, Dosierung, Darreichungsform und Behandlungsdauer. Langzeitdaten sind noch begrenzt.
Mein Fazit wäre daher: Probiotika sind ein interessanter ergänzender Ansatz, aber kein Ersatz für die Behandlung der eigentlichen Ursache.
Kann man die Mundflora tatsächlich dauerhaft in eine günstigere Richtung verändern?
Man kann das orale Mikrobiom beeinflussen – „dauerhaft umprogrammieren“ wäre nach heutigem Wissensstand aber zu weit gegriffen.
Mundhygiene, Ernährung, Speichelfluss, Rauchen, Medikamente und Entzündungen verändern die Lebensbedingungen für Mikroorganismen. Auch Probiotika können das mikrobielle Gleichgewicht beeinflussen. Ob daraus aber eine langfristig stabile Veränderung des gesamten oralen Mikrobioms entsteht, ist noch nicht ausreichend belegt.
Das Ziel sollte deshalb nicht sein, das Mikrobiom möglichst stark zu verändern, sondern ein gesundes orales Milieu zu schaffen, in dem sich krankheits- und geruchsassoziierte Bakterien weniger stark durchsetzen können.
Wird die Zunge bei der täglichen Mundhygiene unterschätzt?
Aus meiner Sicht eindeutig ja. Die Zunge – insbesondere ihr hinterer Bereich – ist bei vielen Patienten das wichtigste Reservoir für geruchsbildende Bakterien. Ihre Oberfläche ist stark strukturiert und kann einen dichten Belag aus Bakterien, Speiseresten und Zellbestandteilen beherbergen.
Eine aktuelle randomisierte Studie mit 80 Teilnehmern untersuchte Zungenreinigung, Streptococcus-salivarius-K12-Probiotika und deren Kombination. Alle aktiven Gruppen reduzierten die flüchtigen Schwefelverbindungen; die Kombination zeigte dabei die stärkste und anhaltendste Wirkung.
Auch frühere systematische Untersuchungen sprechen dafür, dass die Kombination aus Zähneputzen und Zungenreinigung Mundgeruchsparameter stärker reduziert als Zähneputzen allein.
Bei einem Patienten mit Mundgeruch würde ich deshalb immer auch die Zunge beurteilen und – wenn ein deutlicher Zungenbelag vorhanden ist – die richtige Reinigung anleiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Zunge möglichst aggressiv „sauber zu schrubben“.
Was halten Sie von Mundspülungen gegen Mundgeruch? Bekämpfen sie die Ursache oder überdecken sie das Problem hauptsächlich?
Das hängt stark vom Präparat ab. Eine rein aromatisierende Mundspülung kann den Geruch vor allem vorübergehend überdecken. Andere Wirkstoffe können tatsächlich in den Entstehungsmechanismus eingreifen.
Mundspüllösungen mit beispielsweise Zink können flüchtige Schwefelverbindungen binden beziehungsweise neutralisieren. Wirkstoffe wie Cetylpyridiniumchlorid beeinflussen zusätzlich die bakterielle Zusammensetzung. Chlorhexidin kann ebenfalls wirksam sein, sollte wegen möglicher Nebenwirkungen und Verfärbungen aber nicht als dauerhafte Standardlösung eingesetzt werden.
Ich sehe Mundspülungen deshalb eher als ergänzende Maßnahme. Wenn beispielsweise eine Parodontitis oder ein ausgeprägter Zungenbelag die Ursache ist, wird eine Mundspülung allein das Problem nicht lösen.
Was macht schlechten Atem im Alltag schlimmer – ein trockener Mund, längere Essenspausen, Kaffee oder Alkohol?
Speichel ist für die Mundgesundheit enorm wichtig. Er spült die Mundhöhle, verdünnt Stoffwechselprodukte und trägt zur Aufrechterhaltung des oralen Gleichgewichts bei. Bei vermindertem Speichelfluss können sich geruchsaktive Substanzen leichter anreichern. Mundtrockenheit kann deshalb Mundgeruch deutlich begünstigen.
Auch die Ernährung und insbesondere längere Nahrungspausen können den Atemgeruch beeinflussen. Bei leerem Magen stellt der Körper seinen Stoffwechsel teilweise um und greift stärker auf körpereigene Energiereserven zurück. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die über die Ausatemluft abgegeben werden können. Ein veränderter Atemgeruch während des Fastens ist deshalb zunächst ein physiologisches Phänomen und nicht automatisch ein Hinweis auf eine Erkrankung. Eine aktuelle Studie zeigte beispielsweise einen signifikanten Anstieg von Dimethylsulfid in der Ausatemluft während eines mehrtägigen Fastens.
Bestimmte Lebensmittel können ebenfalls vorübergehend den Atemgeruch verändern. Kaffee ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, dass einfache Aussagen schwierig sind: Kaffee wird häufig für Mundgeruch verantwortlich gemacht, experimentelle Daten zeigen aber teilweise sogar eine hemmende Wirkung bestimmter Kaffeeinhaltsstoffe auf die Bildung von Schwefelverbindungen.
Bei Alkohol ist die Situation differenzierter. Alkohol kann unter anderem den Speichelfluss vermindern und dadurch Mundgeruch begünstigen. Auch die langfristigen Auswirkungen eines hohen Alkoholkonsums auf die Mundgesundheit können eine Rolle spielen.
Wann kann Mundgeruch auf eine Erkrankung des Zahnfleisches oder eine andere gesundheitliche Ursache hinweisen?
Persistierender Mundgeruch sollte zunächst Anlass sein, die Mundhöhle gründlich zu untersuchen. Blutendes Zahnfleisch, tiefe Zahnfleischtaschen, Zahnlockerungen, starke Beläge, Karies oder entzündete Bereiche können wichtige Hinweise sein. Gerade zwischen Parodontitis und Mundgeruch besteht ein gut belegter Zusammenhang.
Aber nicht jeder Mundgeruch kommt aus dem Mund. Im HNO-Bereich können beispielsweise chronische Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum, postnasaler Schleimfluss oder große, stark zerklüftete beziehungsweise kryptische Mandeln eine Rolle spielen.
In den tiefen Tonsillenkrypten können sich bakterielle Beläge und sogenannte Tonsillensteine bilden, die unangenehm riechen können. Die Tonsillen sollten deshalb bei entsprechender Symptomatik mit berücksichtigt werden.
Wenn sich weder im Mund noch im HNO-Bereich eine ausreichende Erklärung findet, kommen deutlich seltener andere Ursachen infrage, beispielsweise bestimmte Stoffwechselerkrankungen oder Erkrankungen von Leber und Nieren.
Was würden Sie jemandem empfehlen, der trotz gründlichen Zähneputzens dauerhaft unter Mundgeruch leidet?
Zunächst sollte man überhaupt klären, ob tatsächlich Mundgeruch vorliegt. Es gibt Menschen mit einer sogenannten Pseudohalitosis oder Halitophobie, die von Mundgeruch überzeugt sind, obwohl objektiv kein relevanter Mundgeruch feststellbar ist. Das kann für die Betroffenen sehr belastend sein und sollte keinesfalls als „Einbildung“ abgetan werden.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt eine deutsche Studie aus einer multidisziplinären Mundgeruch-Sprechstunde: Von 407 Patienten, die über Mundgeruch klagten, hatten nur 72,1 % tatsächlich objektivierbaren Mundgeruch. Bei den Patienten mit nachweisbarem Mundgeruch lag die Ursache in 92,7 % der Fälle im Mundraum.
Eine einfache erste Orientierung kann deshalb ein offenes Gespräch mit einer Vertrauensperson sein. Wenn man unsicher ist, ob der eigene Atem tatsächlich unangenehm riecht, kann man beispielsweise den Partner oder eine andere nahestehende Person ehrlich danach fragen. Das ersetzt natürlich keine professionelle Untersuchung, kann aber helfen, die eigene Wahrnehmung besser einzuordnen.
Bei tatsächlich bestehendem Mundgeruch gilt dagegen: Nicht noch mehr und aggressiver putzen – sondern zunächst die Ursache feststellen lassen.
In einer Mundgeruch-Sprechstunde würde ich zunächst klären, ob tatsächlich ein objektivierbarer Mundgeruch vorliegt und woher er wahrscheinlich kommt. Dazu gehören die Untersuchung von Zähnen, Zahnfleisch und Zahnfleischtaschen, die Beurteilung des Zungenbelags und – je nach Situation – die Messung flüchtiger Schwefelverbindungen. Bei entsprechender Befundlage sollte zusätzlich eine HNO-Ursache, beispielsweise die Tonsillen, abgeklärt werden.
Anschließend sollte die Therapie individuell erfolgen: Bei Parodontitis steht die Behandlung der Entzündung im Vordergrund, bei starkem Zungenbelag die richtige Zungenreinigung, bei Mundtrockenheit die Verbesserung des Speichelflusses beziehungsweise die Behandlung der Ursache. Erst danach würde ich über zusätzliche Maßnahmen wie bestimmte Mundspüllösungen oder gegebenenfalls Probiotika sprechen.
Mein wichtigster Rat lautet deshalb: Dauerhafter Mundgeruch ist kein kosmetisches Problem, das man einfach mit Pfefferminzgeschmack überdecken sollte. Er ist ein Symptom – und ein Symptom sollte man diagnostizieren, bevor man es behandelt.

Mundgeruch gilt schnell als Zeichen mangelnder Zahnhygiene. Dabei kann schlechter Atem auch entstehen, wenn man gründlich putzt. Zahnarzt Dr. Tore Thomsen erklärt, welche Rolle Zunge und Mundflora spielen – und was neue Studien zu Probiotika zeigen.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. dent. Tore Thomsen