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25. September 2026
Marianne Waldenfels
Für ein gesundes Herz müssen wir unser Leben nicht komplett umkrempeln. Kardiologe Dr. Nana Bimpong-Buta zeigt, welche kleinen Veränderungen viel bewirken können – und warum wir Risiken wie chronischen Stress nicht unterschätzen sollten
Unser Herz schlägt über 100.000 Mal am Tag – meist, ohne dass wir ihm besondere Aufmerksamkeit schenken. Dabei entscheidet sich Herzgesundheit nicht erst dann, wenn Blutdruck oder Cholesterinwerte auffällig werden. Wie gut unser Herz über viele Jahre arbeitet, hängt auch davon ab, wie wir leben: wie viel wir uns bewegen, wie tief wir schlafen, wie wir mit Stress umgehen und wie stabil wir psychisch sind.
In seinem neuen Buch „STRONG HEART“ (Heyne) erklärt der Kardiologe und Stressmanagement-Trainer Dr. Nana Bimpong-Buta deshalb nicht nur, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen. Ihm geht es vor allem darum, Herzgesundheit in den Alltag zu bringen. Im Interview spricht er darüber, welche Werte jeder kennen sollte, warum Frauenherzen besondere Aufmerksamkeit brauchen, was Wearables leisten können und weshalb auch mehr Nähe und Freude zum herzgesunden Leben gehören.
Dr. Bimpong-Buta, Sie räumen Stress beim Thema Herzgesundheit sehr viel Platz ein. Unterschätzen wir, wie gefährlich unser Alltag für das Herz sein kann?
Ja, absolut. Das große Problem ist: Viele Risikofaktoren für unser Herz sind unsichtbar und tun nicht weh. Die klassischen Faktoren wie Bluthochdruck, Cholesterin, Rauchen, Diabetes oder Übergewicht bleiben enorm wichtig, aber chronischer Stress wird aus meiner Sicht noch immer unterschätzt.
Stress wirkt dabei häufig wie ein Verstärker anderer Risikofaktoren: Wer dauerhaft unter Druck steht, schläft schlechter, bewegt sich weniger, ernährt sich häufig ungünstiger, raucht vielleicht mehr und nimmt die Warnsignale des eigenen Körpers weniger wahr.
Deshalb gehört Stressmanagement für mich genauso selbstverständlich zur Herzprävention wie Bewegung, Ernährung und die Kontrolle des Blutdrucks. Und wir müssen damit früh anfangen – denn ich erlebe auch immer wieder jüngere Menschen, die wissen, dass ihr Alltag zu stressig ist, aber nicht wissen, wie sie ihn tatsächlich verändern können.
Warum trifft Stress Frauenherzen anders als Männerherzen?
Frauenherzen sind keine kleineren Männerherzen. Hormonelle Veränderungen, insbesondere rund um die Menopause, aber auch Unterschiede in Gefäßfunktion, Stressverarbeitung und bestimmten Krankheitsbildern spielen eine Rolle. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Takotsubo-Syndrom, das sogenannte Broken-Heart-Syndrom, das überwiegend bei Frauen nach der Menopause auftritt.
Gleichzeitig können sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen anders präsentieren, als sogenannte „atypische Symptome“, und genau deshalb müssen wir genauer hinsehen. Die geschlechtersensible Medizin hat große Fortschritte gemacht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Für mich bedeutet moderne Kardiologie deshalb: Nicht nur auf das Herz schauen, sondern auch darauf, wem dieses Herz gehört.
Sie haben gerade das Takotsubo-Syndrom erwähnt: Kann einem das Herz tatsächlich „brechen“?
Ja – und das ist weit mehr als eine Redewendung. Beim Takotsubo-Syndrom kann eine starke körperliche, indes vor allem stark emotionale Belastung eine massive Herzschwäche und Funktionsstörung des Herzmuskels auslösen. Es trifft insbesondere Frauen. Die Beschwerden gleichen sehr häufig exakt denen eines Herzinfarkts: Brustschmerz, Atemnot. Darüber hinaus objektivierbar: eindeutige Veränderungen im EKG sowie deutlich erhöhte Herz-Blutwerte.
Das Faszinierende ist: Unsere Gefühle sind eben nicht nur „im Kopf“. Das Broken-Heart-Syndrom ist für mich der Beweis: Körper und Psyche sind sehr eng miteinander verbunden – und manchmal wird diese Verbindung am Herzen besonders sichtbar. Wichtig ist aber: Akute Beschwerden gehören immer medizinisch abgeklärt. Niemand sollte bei Brustschmerzen zu Hause selbst entscheiden, ob es „nur Stress“ ist oder „von selber wieder vergeht“.
Beschwerden in der Brust können große Angst machen. Woran erkennt man, ob eine Herzerkrankung dahintersteckt oder ob die Psyche eine entscheidende Rolle spielt?
Genau das kann man anhand des Gefühls allein häufig nicht sicher unterscheiden. Stress und Angst können sehr reale körperliche Symptome verursachen – Herzrasen, Herzstolpern, Brustdruck oder Atemnot. Aber ähnliche Beschwerden können eben auch bei einer mehr oder minder akuten Herzerkrankung auftreten.
Deshalb lautet meine wichtigste Botschaft: Nicht selbst diagnostizieren. Neue, starke oder ungewöhnliche Beschwerden, insbesondere anhaltender Brustschmerz oder Druck, Atemnot, kalter Schweiß, Übelkeit oder eine deutliche Verschlechterung, müssen medizinisch abgeklärt werden; bei akuten schweren Beschwerden über den Notruf. Erst wenn gefährliche Ursachen ausgeschlossen sind, können wir guten Gewissens darüber sprechen, welche Rolle Stress oder Angst spielen.
Sie geben Ihren Lesern Techniken wie den „Fünf-Sekunden-Stopp“ oder einen inneren „Ruheknopf“ an die Hand. Was kann man in einer akuten Stresssituation tatsächlich tun, um die körperliche Stressreaktion zu bremsen?
Wenn wir akut gestresst sind, läuft unser Körper sehr schnell im Alarmmodus. Genau da setzt der Fünf-Sekunden-Stopp an: Ich unterbreche ganz bewusst für einen kurzen Moment das, was gerade passiert, und reagiere nicht sofort.
Diese wenigen Sekunden schaffen Abstand zwischen dem Reiz und meiner Reaktion. Ich kann mich sammeln, bewusst atmen und mich fragen: Wie möchte ich jetzt reagieren? Das klingt zunächst banal, aber genau diese kleine Pause kann helfen, automatische Stressmuster zu unterbrechen. Wir können und sollten Stress nicht aus unserem Leben verbannen – aber wir können lernen, anders auf ihn zu reagieren und damit besser umzugehen.
Bluthochdruck bleibt oft jahrelang unbemerkt. Welche Werte sollte jeder Mensch über sein Herz-Kreislauf-Risiko kennen – und ab welchem Alter sollte man genauer hinschauen?
Ich sage meinen Patienten gerne: Kenne deine Zahlen. Dazu gehören vor allem Blutdruck, Blutzucker beziehungsweise HbA1c und die Blutfette – insbesondere LDL-Cholesterin. Dazu kommen Faktoren, die auf keinem Laborzettel stehen: Rauchen, Bewegung, Gewicht, Schlaf, Stress und natürlich die Familiengeschichte.
Und damit sollte man nicht erst mit 60 beginnen. Blutdruck sollte auch bei jüngeren Erwachsenen regelmäßig kontrolliert werden; spätestens ab dem mittleren Erwachsenenalter sollte die persönliche Vorsorge strukturierter werden – bei familiärer Vorbelastung oder vorhandenen Risikofaktoren deutlich früher. Prävention bedeutet für mich gerade nicht, darauf zu warten, dass etwas weh tut.
Beim Thema Cholesterin schreiben Sie in „Strong Heart", es werde vor allem dann zum Problem, wenn Entzündung hinzukommt. Welche Rolle spielen Entzündungsprozesse tatsächlich bei der Entstehung von Herzinfarkten und Arteriosklerose?
Die sog. Arteriosklerose ist nicht einfach nur „zu viel Fett im Rohr“. LDL-Cholesterin spielt eine zentrale ursächliche Rolle, aber die Entstehung und Entwicklung einer Plaque ist zugleich ein entzündlicher Prozess in der Gefäßwand. Immunzellen werden aktiviert, die Gefäßwand verändert sich und Plaques können mit der Zeit instabil werden.
In der ausführlichen Ultraschall-Untersuchung kann das geübte Auge tatsächlich unterscheiden: zwischen Harter Plaque und Weicher Plaque. Die Harte Plaque ist nicht zu verändern, aber die Weiche Plaque, der weiche Kalk, ist es, der einreißen kann und damit zu Herzinfarkt und Schlaganfall führt.
Deshalb dürfen wir Cholesterin und Entzündung nicht gegeneinander ausspielen. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Prozesse und Risikofaktoren. Das Schöne an Prävention ist: An vielen davon können wir tatsächlich etwas verändern, aktiv.
Bewegung gilt als eine der wirksamsten Maßnahmen zum Schutz des Herzens. Wie viel und vor allem welche Intensität braucht es, damit das Herz wirklich profitiert?
Das Herz verlangt keinen Marathon. Für Erwachsene ist eine gute Orientierung mindestens etwa 30 Minuten moderate Bewegung pro Tag, an 5 Tagen in der Woche, beispielsweise zügiges Gehen oder Radfahren – oder entsprechend weniger Zeit bei höherer Intensität. Dazu kommt idealerweise an mindestens zwei Tagen Muskelkräftigung.
Viel wichtiger als die perfekte Sportart ist für mich aber die Regelmäßigkeit, und vor allem: die Bewegung im ALLTAG. Die beste Bewegung ist die, die ich auch nächste Woche noch mache. Treppe statt Aufzug, Spaziergang statt Sofa, Fahrrad statt Auto: Unser Herz zählt Bewegung, keine Pokale.
Sie bezeichnen Schlaf als die „beste Herzmedizin“. Was passiert mit Herz und Gefäßen, wenn wir dauerhaft zu wenig schlafen?
Schlaf ist keine verlorene Zeit – er ist Regenerationszeit. Während wir schlafen, bekommt unser Körper die Möglichkeit, viele Systeme herunterzufahren und zu regulieren. Dauerhaft zu wenig oder schlechter Schlaf kann unter anderem Blutdruck, Stoffwechsel, Stresshormone und Entzündungsprozesse ungünstig beeinflussen
Für die meisten Erwachsenen sind ungefähr sieben bis neun Stunden eine gute Orientierung, wobei nicht nur die Dauer, sondern auch die Qualität und Regelmäßigkeit wichtig sind. Deshalb nenne ich Schlaf gerne eine der unterschätztesten Formen der Prävention: Man muss dafür nicht schneller laufen – man darf sich sogar hinlegen.
Smartwatches und Smart Rings können heute Puls, HRV und teilweise sogar ein EKG erfassen. Welche dieser Daten sind aus kardiologischer Sicht tatsächlich hilfreich?
Wearables können großartige Helfer sein – wenn wir sie als Helfer und nicht als Ärzte am Handgelenk verstehen. Besonders interessant sind längerfristige Veränderungen des Ruhepulses, Bewegungs- und Schlafdaten sowie bei geeigneten Geräten Hinweise auf Rhythmusstörungen. Ein aufgezeichnetes Ein-Kanal-EKG kann beispielsweise bei wiederkehrendem Herzrasen oder Herzstolpern für die ärztliche Beurteilung sehr hilfreich sein.
Bei der HRV finde ich vor allem Trends über die Zeit interessant; einzelne Werte sollte man dagegen nicht überinterpretieren. Mein Grundsatz lautet: Daten sollen uns helfen, unseren Körper besser zu verstehen – nicht dazu führen, dass wir ihn rund um die Uhr überwachen und dadurch erst recht gestresst werden.
Sie bezeichnen Ihr Buch als „Herzensreise“. Was möchten Sie bei Ihren Leserinnen und Lesern damit verändern?
Ich möchte, dass Menschen ihr Herz nicht erst dann wahrnehmen, wenn es krank wird. Unser Herz schlägt über 100.000 Mal : PRO TAG ! Es arbeitet vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens für uns – ohne Urlaub, ohne Wochenende, ohne dass wir es darum bitten müssen. Eigentlich hat es verdient, dass wir uns ein bisschen früher um es kümmern.
STRONG HEART soll deshalb keine Reise in die Angst sein, sondern eine Reise in die Selbstwirksamkeit, eine kleine Reise der Anerkennung und Wertschätzung für dieses wundervolle Organ, welches letztlich doch unser Leben ausmacht.
Wenn jemand nach der letzten Seite denkt: „Ich kann heute etwas für mein Herz tun – und ich weiß auch, wie“, dann hat dieses Buch genau das erreicht, was ich mir von ganzem Herzen wünsche.
Wenn Sie drei Dinge auswählen müssten, die ein Mensch ab morgen verändert, um sein Herz langfristig zu schützen: Welche wären das?
Erstens: der Lebensstil – mit Bewegung und einer guten Ernährung. Dabei gilt für mich: Einfachheit gewinnt. Bewegung muss nicht Fitnessstudio bedeuten. Zehn Kniebeugen zwischendurch, Treppensteigen oder ein Spaziergang zählen genauso. Und bei der Ernährung braucht es nicht den kompliziertesten Ernährungsplan.
Eine einfache Frage hilft schon: Ist mein Teller bunt? Und damit meine ich natürlich nicht Gummibärchen und Smarties, sondern Obst und Gemüse. Komplexität ist oft der Feind der Umsetzung.
Zweitens: die eigenen Risikofaktoren kennen und verstehen. Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, familiäre Vorbelastung – und sich dazu aus verlässlichen Quellen informieren und medizinisch beraten lassen. Nicht Dr. Google und Madame YouTube sollten unsere Ärzte sein. Medizin muss so erklärt werden, dass Menschen sie verstehen – denn nur was wir verstehen, können wir auch wirklich umsetzen.
Und drittens: mehr Küsschen geben! Damit meine ich natürlich mehr als den Kuss selbst: Pflegen wir unsere Beziehungen, verbringen wir Zeit mit Menschen, die uns guttun, und vergessen wir bei all der Leistung nicht die Liebe, Nähe und Freude im Leben. Auch das gehört für mich zu echter Herzgesundheit. Herzgesundheit beginnt nicht irgendwann. Sie beginnt heute.

© Studioline BmbH&Co.KG
Dr. Nana Bimpong-Buta führt seine eigene Praxis für Kardiologie und Prävention in Bochum. Dort verbindet er moderne Herzmedizin mit innovativer Prävention, Stressmedizin und einem ganzheitlichen Blick auf die Herzgesundheit. Seinem Podcast Leben auf Pump sowie seinen Kanälen auf Instagram und Tiktok folgen mehr als 150.000 Menschen

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Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Prof. Dr. Christopher Bohr