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31. März 2026
Dr. Andrea Gartenbach
Dr. Andrea Gartenbach ist Fachärztin für Innere- und Funktionelle Medizin. In ihrer aktuellen Kolumne für Premium Medical Circle erklärt sie, wann Wearables wie Smartwatches sinnvoll sind – und wann Health Tracking zum Risiko wird
Noch nie zuvor hatten Menschen so viele Informationen über ihren eigenen Körper. Smartwatches berechnen Schlafscores, Fitnesstracker analysieren Stresslevel und Apps versprechen Einblicke in unsere physiologische Leistungsfähigkeit. Doch die entscheidende Frage lautet: Wie sinnvoll ist das überhaupt? Zeigen diese Daten tatsächlich unsere Gesundheit oder nur einen kleinen Ausschnitt davon?
Eine seriöse medizinische Perspektive beobachtet nicht nur einzelne Werte, sondern das Verhalten des gesamten Systems. Der menschliche Organismus befindet sich in einem permanenten Anpassungsprozess. Schlaf, Stress, Bewegung, Ernährung und mentale Anforderungen beeinflussen fortlaufend die Regulation des Körpers.
Wearables ermöglichen es, diese Dynamik im Alltag sichtbar zu machen. Damit entsteht eine neue Form der Beobachtung. Während klassische Diagnostik vor allem Momentaufnahmen und einzelne Messpunkte liefert, zeigen die kontinuierlichen Daten, wie sich physiologische Prozesse über die Zeit verändern.
Gerade diese zeitliche Entwicklung ist aus medizinischer Sicht besonders interessant. Wenn sich bestimmte Parameter über Tage oder Wochen verschieben, lassen sich daraus Hinweise auf Belastung, Regeneration oder Veränderungen im Lebensstil ableiten.
Der eigentliche Wert liegt für den Patienten deshalb weniger in den einzelnen Biomarkern (die im Übrigen abhängig vom Wearable mal mehr und mal weniger genau sind), als in der Möglichkeit, physiologische Muster zu erkennen.
Kontinuierliche Messungen zeigen häufig Zusammenhänge, die im Alltag kaum wahrgenommen werden. Schlafmangel, Alkohol, intensive Trainingsphasen oder chronischer Stress hinterlassen oft deutliche Spuren in physiologischen Parametern. Werden diese Zusammenhänge sichtbar, entsteht ein differenzierteres Verständnis für die Wirkung bestimmter Lebensstilfaktoren.
Wenn man sein Verhalten entsprechend anpasst, kann dieses Tracking durchaus zur gesunden Lebensspanne beitragen.
Ironischerweise kann aber der Versuch, unsere Gesundheit vollständig zu kontrollieren, ein System destabilisieren, das wir eigentlich stärken möchten: das autonome Nervensystem.
Bei Menschen mit stark perfektionistischen oder kontrollorientierten Persönlichkeitsstrukturen kann permanentes Tracking nämlich tatsächlich kontraproduktiv sein. Es besteht die Gefahr, dass hier Gesundheit zunehmend über die Werte definiert wird, die die Wearables anzeigen. Zahlen ersetzen die eigene Körperwahrnehmung.
Besonders deutlich kann man diese Problematik beim Schlaftracking beobachten. In der Schlafmedizin existiert bereits der Begriff Orthosomnia. Er beschreibt das Phänomen, dass die dauernde Beobachtung der eigenen Schlafdaten selbst zu Schlafproblemen führen oder bereits bestehende verschlimmern kann.
Ähnliche Effekte sehen wir auch beim allgemeinen Healthtracking. Die Daten werden überinterpretiert, Entscheidungen orientieren sich stärker an Apps als am eigenen Körpergefühl. In solchen Fällen verliert das Tracking seinen eigentlichen Nutzen.
Daten sollen Orientierung geben. Sie sollten nicht beginnen, das Leben zu steuern.
Sinnvoll ist Tracking für Menschen, deren Alltag stark von kognitiver Belastung geprägt ist. Stark leistungsorientierte Personen verlieren im Laufe der Zeit oft den Zugang zu ihren körperlichen Signalen. Stress wird dann nicht mehr bewusst wahrgenommen, sondern lediglich kompensiert.
In solchen Situationen kann Tracking eine objektivere Perspektive eröffnen. Es macht sichtbar, was im Körper passiert, auch wenn wir es subjektiv noch nicht spüren.
Für die praktische Nutzung von Wearables ist es sinnvoll, sich auf wenige zentrale Parameter zu konzentrieren. Dazu gehören vor allem Schlafdauer und Schlafrhythmus, der Ruhepuls, die Herzfrequenzvariabilität als Hinweis auf autonome Regulation sowie das generelle Aktivitätsniveau. Diese Werte geben häufig einen guten Eindruck davon, wie der Organismus auf Belastungen reagiert und wie gut Erholungsprozesse stattfinden.
Viele weitere Messgrößen können zusätzliche Informationen liefern, sie sind für das grundlegende Verständnis des eigenen Körpers jedoch weniger entscheidend.
Eine weitere hilfreiche Strategie besteht darin, Tracking nicht unbedingt als dauerhaften Zustand zu betrachten. In vielen Fällen reicht eine begrenzte Phase der Beobachtung aus, um wiederkehrende Muster zu erkennen. Nach einigen Wochen oder Monaten entsteht häufig ein relativ klares Bild davon, welche Faktoren Schlafqualität, Erholung oder Leistungsfähigkeit besonders beeinflussen.
Dieses Wissen kann anschließend auch ohne permanente Messung genutzt werden.
In der Longevity Medizin steht letztlich die Frage im Mittelpunkt, wie gut ein Organismus auf die Anforderungen des Lebens reagieren kann. Physiologische Systeme arbeiten nicht statisch. Sie verändern sich fortlaufend und passen sich neuen Bedingungen an.
Wearables können dabei helfen, diese Prozesse besser zu verstehen. Sie messen aber keine Gesundheit an sich. Ihr Nutzen entsteht vor allem dann, wenn die gewonnenen Daten in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden und dazu beitragen, das eigene Körpergefühl zu schärfen.