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29. Januar 2026
Dr. Andrea Gartenbach
Dr. Andrea Gartenbach ist Fachärztin für Innere- und Funktionelle Medizin und Expertin für Longevity. In ihrer aktuellen Kolumne für Premium Medical Circle erklärt sie, welche Rolle Leber, Darm und Genetik bei Detox-Kuren spielen – und was langfristig wirklich gesund hält
Der Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Detox-Kuren. Sie versprechen Reinigung, Leichtigkeit und einen schnellen Neustart. Aus ärztlicher Sicht ist genau hier Zurückhaltung geboten. Der Begriff Detox verspricht im Wellness- Kontext häufig mehr, als er medizinisch halten kann.
Detox ist nämlich kein Wellnesskonzept. Detox ist ein hochkomplexer biologischer Prozess. Und Komplexität lässt sich nicht durch simple kurzfristige Interventionen überlisten. Medizinisch korrekt müsste man von Biotransformation sprechen. Von Umbau, Neutralisation, Transport und Ausscheidung. Aus Gründen der Verständlichkeit bleibe ich in diesem Text beim Begriff Detox, allerdings nicht im populären Sinn, sondern als Beschreibung eines präzise regulierten Systems.
An dieser Stelle müssen wir kurz klären, was eigentlich biologisch passiert, wenn wir “detoxen”. Der Körper arbeitet nämlich nicht wie ein Behälter, der sich langsam mit Schmutz füllt und dann “gereinigt” werden muss. Er ist ein aktives System, das kontinuierlich Stoffe umbaut, neutralisiert und ausscheidet. Diese Prozesse – der “Detox” – laufen nicht punktuell und kurzfristig ab, sondern permanent, Tag für Tag.
Der Entgiftungsprozess ist nicht Aufgabe eines einzelnen Organs. Er funktioniert nur, weil mehrere Systeme eng zusammenarbeiten. Man kann sich das wie eine Abfolge von Arbeitsschritten vorstellen, bei denen jedes Organ eine klar definierte Rolle übernimmt.
Die Leber ist dabei die zentrale Umbaustation. Viele belastende Stoffe sind fettlöslich und können den Körper in dieser Form nicht verlassen. Die Leber verändert sie deshalb chemisch so, dass sie wasserlöslich werden. Erst dadurch können sie weitertransportiert werden. Dieser Umbau ist notwendig, macht die Stoffe aber kurzfristig oft reaktiver und potenziell belastender als zuvor. Deshalb müssen diese Zwischenprodukte zügig weiterverarbeitet und abgefangen werden.
Hier kommt die Niere ins Spiel. Sie filtert das Blut und entfernt die wasserlöslichen Abbauprodukte über den Urin. Nur wenn diese Filtration zuverlässig funktioniert, wird der Umbauprozess der Leber tatsächlich entlastend. Ist die Ausscheidung verlangsamt oder eingeschränkt, verbleiben die umgebauten Stoffe länger im Körper und können erneut Stress verursachen.
Die Haut ergänzt dieses System in kleinerem Umfang. Über den Schweiß werden ebenfalls wasserlösliche Substanzen ausgeschieden. Noch wichtiger ist jedoch ihre Rolle als Regulations- und Barriereorgan, das Durchblutung, Flüssigkeitshaushalt und thermische Balance beeinflusst und damit indirekt die Entgiftungsleistung unterstützt.
Der Schlüssel zum erfolgreichen Detox ist ein gut abgestimmtes Zusammenspiel. Nur wenn Umbau, Transport und Ausscheidung ineinandergreifen, wird das System tatsächlich entlastet.
Viele Menschen erleben nach einem Detox-Wochenende oder einer kurzen Fastenphase mehr Leichtigkeit, besseren Schlaf, eine bessere Verdauung und einen klareren Kopf. Diese Effekte sind real.
Die Ursache liegt jedoch meist nicht darin, dass schädliche Stoffe aktiv „ausgespült“ werden. Der entscheidende Effekt entsteht dadurch, dass die tägliche Belastung für kurze Zeit deutlich sinkt.
Wenn Alkohol, Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und späte Mahlzeiten wegfallen, kann sich das System oft rasch beruhigen. Der Blutzucker stabilisiert sich, entzündliche Prozesse nehmen ab, der Darm wird entlastet und die Schlafqualität verbessert sich. Der Körper muss nicht mehr ständig gegenregulieren und bekommt eine echte Pause von dauernder Kompensation.
Das wird als “Detox”-Effekt wahrgenommen. Detox ist in diesem Sinne aber keine Ausleitung, sondern eine Unterbrechung chronischer Überforderung.
Ein weiterer gängiger Mythos lautet: Je schlechter man sich während einer Detox-Kur fühlt, umso besser wirkt sie. Müdigkeit, Kopfschmerzen, innere Unruhe oder Reizbarkeit werden dann als sogenannte „Erstverschlechterung“ gedeutet und als Zeichen dafür, dass der Körper intensiv arbeitet.
Medizinisch ist diese Schlussfolgerung jedoch riskant. Erinnern wir uns: Der Detoxprozess erfolgt in mehreren aufeinander abgestimmten Schritten. Zunächst werden Stoffe chemisch umgebaut. Dabei entstehen oft Zwischenprodukte, die kurzfristig sogar belastender sein können als die Ausgangssubstanz. Diese Zwischenprodukte müssen anschließend neutralisiert, transportiert und zuverlässig ausgeschieden werden.
Wird dieser erste Schritt stark angeregt, etwa durch Fasten, ohne dass die nachfolgenden Prozesse mithalten können, gerät das System unter Druck. Die Folge können genau jene Symptome sein, die fälschlicherweise als positives Zeichen interpretiert werden: Erschöpfung, Kopfschmerzen, Nervosität oder Schlafstörungen.
Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Reaktionen daher kein Beweis für Wirksamkeit. Sie zeigen vielmehr, dass einzelne Entgiftungs- und Regulationsmechanismen überlastet sind. Eine sinnvolle Detox-Strategie vermeidet deshalb Maßnahmen, die Entgiftungsprozesse stark anstoßen, ohne gleichzeitig den Abtransport und die Ausscheidung zu sichern.
Was in populären Detox-Narrativen oft vergessen wird: Der Körper produziert selbst kontinuierlich Substanzen, die nach erfüllter Funktion wieder abgebaut werden müssen. Dazu gehören Hormone nach ihrer Wirkung, Abbauprodukte von Botenstoffen im Nervensystem, Entzündungsmediatoren und zahlreiche Stoffwechselzwischenprodukte.
Diese Moleküle sind notwendig und biologisch sinnvoll, solange sie zeitlich begrenzt wirken. Bleiben sie jedoch zu lange im System oder werden nicht ausreichend abgebaut, können sie Regulationsprozesse stören. Detox ist damit kein “Cleanse” sondern ein Ordnungsprinzip: ein Umbau- und Transportsystem, das entscheidet, welche Substanzen im Körper bleiben, wie sie chemisch verändert werden und wie sie ihn wieder verlassen.
Nicht alle Stoffe, die der Körper loswerden möchte, werden direkt über die Niere ausgeschieden. Ein großer Teil wird zunächst in der Leber chemisch umgebaut und anschließend über die Galle in den Darm abgegeben.
Damit ist der Entgiftungsprozess jedoch noch nicht abgeschlossen. Im Darm entscheidet sich, ob diese Substanzen den Körper tatsächlich verlassen oder wieder in den Kreislauf zurückgelangen. Wird der Darminhalt zügig weitertransportiert und ausgeschieden, ist der Prozess beendet. Verweilen die Stoffe jedoch länger im Darm, besteht die Möglichkeit, dass sie erneut durch die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen werden.
Ob es dazu kommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine verlangsamte Darmbewegung verlängert die Kontaktzeit. Eine geschwächte Darmschleimhaut erleichtert die Rückaufnahme. Auch das Mikrobiom spielt eine Rolle, da bestimmte Bakterien umgebaute Stoffe erneut verändern können und damit ihre Rückresorption begünstigen.
Die Prozesse, mit denen der Körper Stoffe abbaut und ausscheidet, funktionieren nicht bei allen Menschen gleich. Genetische Unterschiede beeinflussen, wie schnell diese Abläufe sind, wie gut sie zusätzliche Belastung verkraften und wie sensibel der Körper darauf reagiert.
Genau deshalb erleben verschiedene Menschen dieselbe Detox-Maßnahme sehr unterschiedlich. Präzisionsmedizin statt Pauschaltherapie.
Die Beliebtheit von Detox-Infusionen lässt sich leicht erklären. Sie vermitteln Präzision und medizinische Kontrolle. Vor allem umgehen sie das, was im Alltag anstrengend ist: Veränderungen bei Schlaf, Ernährung oder Stress. Stattdessen versprechen sie einen direkten Eingriff in den Körper.
Meist handelt es sich um Infusionen mit Aminosäuren, B-Vitaminen und Glutathion. Dafür gibt es eine nachvollziehbare biochemische Logik. Aminosäuren werden für Umbau- und Bindungsprozesse benötigt. B-Vitamine steuern als Cofaktoren zentrale Stoffwechselreaktionen. Glutathion spielt eine Schlüsselrolle bei der Neutralisation reaktiver Substanzen. Oft werden Vitamin C und Spurenelemente ergänzt, um antioxidative Systeme zu unterstützen.
Diese Logik ist plausibel, aber nicht ausreichend. Und genau hier beginnt die wissenschaftlich korrekte Haltung, wie man sie aus guten Gründen auch in der evidenzorientierten Longevity-Medizin findet: Plausibilität ersetzt keine Evidenz. Es gibt keine robuste Datenlage, die Detox-Infusionen als allgemeines Konzept bei gesunden Menschen legitimiert, wenn wir “Detox” als messbares medizinisches Outcome verstehen.
Vielleicht ist Detox in seiner sinnvollsten Form die Fähigkeit, den Alltag so zu gestalten, dass der Organismus nicht ständig ausgleichen und gegensteuern muss.
Denn die Belastungen der modernen Welt bestehen nicht nur aus Schadstoffen. Sie entstehen auch durch Dauerstress, unregelmäßiges Essen, Schlafmangel und einen permanent aktiven Stoffwechsel. Der Körper gerät meist nicht aus dem Gleichgewicht, weil ein einzelner Stoff zu viel wird, sondern weil Erholungsphasen fehlen und Regulationssysteme dauerhaft unter Druck stehen.
Die Frage ist also: Wie schaffe ich dauerhaft Bedingungen, unter denen der Körper sich selbst stabil halten kann?
Diese Sichtweise ist weniger spektakulär als kurzfristige Kuren oder Trends. Aber sie entspricht der biologischen Realität. Und genau deshalb ist sie die Form von Detox, die langfristig funktioniert.
Das mag sich weniger spektakulär anhören als die exotischen Versprechen kurzfristiger Detox-Wunderkuren. Aber dafür ist es nachhaltig.

Dr. Andrea Gartenbach