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18. Mai 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Professor Franz Bader erklärt moderne Darmkrebschirurgie, Warnzeichen, Vorsorge und warum Darmkrebs heute oft heilbar ist

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Franz Bader
Große Bauchoperationen bedeuteten früher oft wochenlange Klinikaufenthalte, starke Schmerzen und lange Erholungszeiten. Heute können Patientinnen und Patienten nach Darmkrebsoperationen häufig schon nach vier bis fünf Tagen wieder nach Hause. Möglich machen das moderne minimalinvasive Verfahren, robotergestützte Chirurgie und neue Behandlungskonzepte.
Professor Dr. Franz Bader, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und minimalinvasive Chirurgie am Münchner Isar Klinikum, erklärt im Interview, warum gute Medizin mehr ist als Technik, weshalb Darmkrebs in vielen Fällen vermeidbar wäre – und warum er mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ wenig anfangen kann.
Herr Professor Bader, Sie sagen: Es reicht nicht, gute Medizin zu machen – sie muss auch beim Patienten ankommen. Was meinen Sie damit?
Für mich basiert gute Medizin auf drei Säulen. Die erste ist selbstverständlich die Behandlung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und aktuellen Leitlinien. Das ist die Grundvoraussetzung.
Die zweite Säule ist moderne Technik. Wir müssen die technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, auch tatsächlich einsetzen können – trotz des finanziellen Drucks, unter dem Kliniken stehen.
Und die dritte, vielleicht wichtigste Säule ist der persönliche Kontakt zum Patienten. Wir müssen mit dem Patienten ein Team bilden, das gemeinsam durch die Behandlung geht. Die Menschen müssen sich aufgehoben fühlen. Nach dem Motto: „Jeder Patient braucht seinen Doktor.“ Genau das versuchen wir im Isar Klinikum umzusetzen.
Was unterscheidet Ihre Klinik von anderen Häusern?
Wir verfügen über eine technische Ausstattung auf höchstem Niveau und sind konsequent auf minimalinvasive Chirurgie ausgerichtet. Dazu gehört auch der Einsatz eines Operationsroboters, des sogenannten Da-Vinci-Systems, das die minimalinvasive Chirurgie in den vergangenen Jahren noch einmal enorm weiterentwickelt hat.
Welche Vorteile hat die minimalinvasive Chirurgie?
Sie hat die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich so stark verändert wie einst die Einführung des Antibiotikums.
Als ich vor etwa 25 Jahren angefangen habe, blieben Patienten nach einer Darmoperation zehn bis vierzehn Tage im Krankenhaus. Sie hatten einen großen Bauchschnitt und durften oft lange nichts essen.
Heute operieren wir über wenige kleine Schnitte in Schlüssellochtechnik. Das Trauma für den Körper ist deutlich geringer, ebenso die Belastung des Immunsystems. Dadurch konnten wir die Liegezeiten massiv verkürzen. Selbst nach großen Eingriffen gehen viele Patienten bereits nach vier bis sechs Tagen wieder nach Hause.
Sie waren einer der ersten Chirurgen in Bayern, die Darmkrebs mit Roboterhilfe operiert haben. Was kann der Roboter besser als der Mensch?
Der Roboter selbst kann gar nichts besser – der Chirurg steuert ihn. Das ist mir wichtig zu betonen: Niemand wird von einer Maschine operiert.
Die klassische minimalinvasive Chirurgie ist in ihren Bewegungen begrenzt. Der Roboter dagegen verfügt über bewegliche Arme, die die Beweglichkeit der menschlichen Hand nahezu nachahmen können.
Ich erkläre das Patienten oft so: Stellen Sie sich vor, man miniaturisiert mich und setzt mich durch einen kleinen Schnitt direkt in den Bauchraum. Dort kann ich mit 3D-Sicht und höchster Präzision operieren. Dadurch können wir wichtige Strukturen wie Nerven, Gefäße oder Lymphbahnen deutlich besser schonen – bei gleichzeitig maximaler onkologischer Sicherheit.
Sie setzen auf moderne Rehabilitationskonzepte. Was bedeutet das konkret?
Ein wichtiger Bestandteil ist das sogenannte ERAS-Programm – „Enhanced Recovery After Surgery“. Die Erholung beginnt dabei schon vor der Operation.
Wir bereiten die Patienten gezielt auf den Eingriff vor: mit Blutuntersuchungen, dem Ausgleich von Mangelerscheinungen, Eiseninfusionen und speziellen Ernährungsprogrammen. Man kann es fast mit der Vorbereitung eines Leistungssportlers vergleichen.
Früher mussten Patienten vor Darmoperationen literweise Abführlösung trinken und nüchtern bleiben. Heute wissen wir, dass das oft eher schadet. Unsere Patienten dürfen bis zwei Stunden vor der Operation trinken und bekommen sogar spezielle Kohlenhydrat- und Proteindrinks.
Nach der Operation stehen sie noch am selben Tag auf, trinken etwas und gehen erste Schritte. Am nächsten Morgen sitzen viele bereits angezogen beim Frühstück. Und das funktioniert nicht nur bei jungen Menschen, sondern gerade auch bei 70- oder 80-Jährigen besonders gut.
Wie wichtig ist Vorsorge beim Darmkrebs?
Darmkrebs ist tatsächlich eine der wenigen Krebsarten, die man in vielen Fällen verhindern kann.
In über 90 Prozent der Fälle entsteht Darmkrebs aus Vorstufen – sogenannten Polypen. Diese wachsen oft über Jahre hinweg gutartig im Darm und können später entarten.
Bei einer Darmspiegelung können solche Polypen entdeckt und direkt entfernt werden. Vereinfacht gesagt: Würden alle Menschen ab dem 40. Lebensjahr regelmäßig zur Darmspiegelung gehen, gäbe es diese Erkrankung fast nicht mehr.
Trotzdem haben wir in Deutschland jedes Jahr etwa 65.000 Neuerkrankungen – obwohl Darmkrebs häufig vermeidbar wäre.
Nimmt Darmkrebs insgesamt zu?
Insgesamt sinken die Zahlen leicht. Gleichzeitig sehen wir aber einen deutlichen Anstieg bei jüngeren Patienten.
Bei den 30- bis 50-Jährigen beobachten wir Zuwächse von zehn bis fünfzehn Prozent, bei den ganz jungen Patienten zwischen 20 und 30 Jahren sogar noch stärkere Anstiege – auch wenn diese Fälle insgesamt selten sind.
Deshalb halte ich es für notwendig, die Vorsorge früher beginnen zu lassen – idealerweise bereits ab dem 40. Lebensjahr.
Welche Symptome sollten Menschen ernst nehmen?
Das Schwierige ist: Darmkrebs verursacht lange Zeit kaum Beschwerden.
Warnzeichen können Blut im Stuhl, Veränderungen der Stuhlgewohnheiten, ein Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung, Blähungen oder ein allgemeines Unwohlsein sein. Das bedeutet nicht automatisch Krebs – aber solche Symptome sollte man ärztlich abklären lassen.
Wie hoch sind die Heilungschancen?
Wenn Darmkrebs früh erkannt wird und noch keine Metastasen gebildet hat, sind die Heilungschancen sehr gut. Oft reicht dann eine Operation aus.
Aber selbst bei fortgeschrittenen Erkrankungen mit Metastasen in Leber oder Lunge können wir heute durch moderne Therapiekonzepte und interdisziplinäre Zusammenarbeit viele Patienten noch erfolgreich behandeln – teilweise sogar heilen.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie sorgen Sie selbst für Ausgleich?
Ich mag den Begriff „Work-Life-Balance“ eigentlich nicht. Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, beginnt mein Leben nicht plötzlich aufzuhören. Meine Arbeit gehört zu meinem Leben – und umgekehrt.
Natürlich braucht man trotzdem Auszeiten. Ich versuche, drei feste Termine pro Woche für Sport freizuhalten. Ich spiele Tennis, mache Yoga und gehe möglichst laufen. Dazu kommen gesunde Ernährung und ein stabiles privates Umfeld. Denn mentale und körperliche Gesundheit gehören zusammen – auch bei Ärzten.