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22. September 2026
Birgitta Dunckel
Ende 2025 sorgte eine Studie für Aufsehen: Langfristig eingenommenes Melatonin könnte das Risiko für Herzinsuffizienz erhöhen. Inzwischen gibt es neue Forschung – und die verändert die Debatte um das beliebte Schlafmittel
Ende 2025 sorgte eine Studie für beunruhigende Schlagzeilen: Menschen, die über längere Zeit Melatonin einnahmen, erkrankten deutlich häufiger an Herzinsuffizienz. Ausgerechnet eines der beliebtesten Mittel gegen Schlafprobleme sollte ein Risiko für das Herz sein?
Die Zahlen waren auffällig. Doch inzwischen gibt es neue Forschung. Sie zeichnet ein anderes Bild. Randomisierte kontrollierte Studien bestätigen bislang nicht, dass Melatonin dem Herzen schadet. Eine aktuelle Meta-Analyse deutet in bestimmten Patientengruppen sogar auf mögliche positive Effekte hin.
Auslöser der Diskussion war eine Untersuchung, die 2025 auf den Scientific Sessions der American Heart Association (AHA) vorgestellt wurde. Das Team um Dr. Ekenedilichukwu Nnadi analysierte Gesundheitsdaten von 130.828 Erwachsenen mit chronischer Insomnie.
Etwa die Hälfte hatte laut elektronischen Gesundheitsakten mindestens zwölf Monate Melatonin verwendet. Menschen mit bereits bestehender Herzinsuffizienz oder einer Behandlung mit anderen verschreibungspflichtigen Schlafmitteln wurden ausgeschlossen. Anschließend verglichen die Forschenden Melatonin-Nutzer mit Menschen mit Insomnie, bei denen keine Melatonin-Einnahme dokumentiert war.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren zeigte sich ein auffälliger Unterschied: Bei Menschen mit langfristig dokumentierter Melatonin-Einnahme trat eine Herzinsuffizienz zu 4,6 Prozent auf, in der Vergleichsgruppe zu 2,7 Prozent. Rechnerisch entsprach das einem um rund 90 Prozent höheren relativen Risiko.
Auch Krankenhausaufenthalte wegen Herzinsuffizienz waren häufiger: 19 Prozent gegenüber 6,6 Prozent. Die Gesamtsterblichkeit lag ebenfalls höher – bei 7,8 gegenüber 4,3 Prozent.
Das klang alarmierend und führte zu der Frage, ob ein vermeintlich harmloses Schlafmittel langfristig das Herz schädigen könnte.
Herzchirurg Prof. Dr. Ferdinand Vogt warnte allerdings schon damals davor, aus diesen Zahlen vorschnell einen ursächlichen Zusammenhang abzuleiten: „Grundsätzlich muss man sich immer fragen, ob solche Effekte ursächlich oder koinzident auftreten. Jede langfristige Einnahme von Medikamenten sollte hinterfragt und von einem Arzt begleitet werden.“
Entscheidend ist, wie die Ergebnisse zustande kamen. Es handelte sich nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie, sondern um eine Auswertung bereits vorhandener Gesundheitsdaten. Sie kann deshalb zeigen, dass zwei Dinge gemeinsam auftreten, nicht aber, dass das eine das andere verursacht.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Menschen, die über lange Zeit Melatonin einnehmen, könnten sich in wichtigen Punkten von Menschen unterscheiden, die trotz Insomnie kein Melatonin verwenden. Zwar versuchten die Forschenden, die Gruppen anhand zahlreicher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Blutdruck, BMI und Medikamenteneinnahme vergleichbar zu machen. Nicht alle Unterschiede lassen sich auf diese Weise jedoch erfassen.
So fehlten beispielsweise Informationen über die Schwere der Schlafstörungen und bestimmte psychische Erkrankungen. Gerade das ist relevant, weil ausgeprägte Schlafprobleme selbst mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden sein können.
Auch die tatsächliche Melatonin-Einnahme ließ sich anhand der Gesundheitsakten nicht zuverlässig nachvollziehen. In Ländern wie den USA ist Melatonin frei verkäuflich und erscheint deshalb nicht zwangsläufig in den medizinischen Unterlagen. Menschen aus der vermeintlichen Nicht-Melatonin-Gruppe könnten das Mittel also ebenfalls eingenommen haben.
Und noch etwas ist wichtig: Die Ergebnisse wurden als Kongressabstract vorgestellt und nicht als vollständige, peer-reviewte Studie veröffentlicht. Auch die American Heart Association bezeichnete sie ausdrücklich als vorläufig.
Inzwischen gibt es eine neue Auswertung randomisierter kontrollierter Studien – und deren Ergebnisse passen nicht zu der Vorstellung, dass Melatonin grundsätzlich schädlich für das Herz ist.
Für eine im April 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse werteten Forschende 14 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.027 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus. Untersucht wurden Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unter anderem nach Bypass-Operationen, nach Herzinfarkten oder mit Herzinsuffizienz.
Ein eindeutiges kardiovaskuläres Schadenssignal zeigte sich dabei nicht. Im Gegenteil: Bei einigen Patientengruppen gab es Hinweise auf mögliche positive Effekte auf die Pumpfunktion des Herzens. Besonders konsistent war dieser Zusammenhang nach Bypass-Operationen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Melatonin nachweislich das Herz schützt. Bei anderen wichtigen Messwerten zeigten sich keine eindeutigen Vorteile. Die Autoren sprechen deshalb nicht von einer generell herzschützenden Wirkung. Entscheidend für die aktuelle Diskussion ist vielmehr: Die bisherigen randomisierten Studien liefern keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Melatonin das Herz grundsätzlich schädigt.
Dazu passen weitere aktuelle Untersuchungen. Eine im September 2026 veröffentlichte Meta-Analyse fand keinen klinisch relevanten Effekt auf die arterielle Gefäßsteifigkeit; einige Blutdruckwerte fielen unter Melatonin zwar niedriger aus, die Aussagekraft der Daten ist jedoch gering. Auch eine kleine randomisierte Studie aus dem August 2026 fand nach drei Monaten Melatonin weder beim Blutdruck noch bei der Gefäßsteifigkeit einen signifikanten Unterschied.
Ganz so weit reichen die neuen Daten nicht. Die bisherigen randomisierten Studien können nicht beantworten, ob eine jahrelange Einnahme von Melatonin als Schlafmittel Risiken birgt.
Fest steht aber: Einen Nachweis dafür, dass Melatonin das Herz schädigt, gibt es bislang nicht. Neuere kontrollierte Studien bestätigen den Verdacht bisher nicht.

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