
© Andrea Piacquadio
12. März 2026
Nils Behrens
Müdigkeit, fehlende Motivation, stagnierende Leistung: Health-Experte Nils Behrens erklärt, wann Training zum Problem wird und was eine Studie mit Tour-de-France-Profis darüber verrät
„Übertraining“ ist so ein Wort, das klingt, als gäbe es dafür einen klaren Messwert. Wie Fieber. Ab 38,5 Grad ist es ernst. Die Realität ist unromantischer: Niemand weiß genau, wann Training zu viel wird. Es gibt keine verlässlichen Blutmarker, keinen Grenzwert, keine rote Linie im Laborbefund. Fragen Sie zwei Trainer – Sie bekommen drei Definitionen.
Was wir haben, sind Symptome: Müdigkeit, fehlende Motivation, chronische Schwere in den Beinen. Und vor allem eines: Sie werden trotz Training nicht besser.
Das ist der Punkt, an dem Leistung nicht stagniert, sondern leise rückwärts läuft.
Warum das so schwer zu greifen ist? Weil wir gar kein sauberes Modell dafür haben, Menschen systematisch „zu übertrainieren“. Die entscheidende Frage bleibt offen:
Ist es wirklich zu viel Training – oder schlicht zu wenig Erholung?
Wenn man wissen will, wie der menschliche Körper auf extremes Training reagiert, braucht man ein Szenario, das jede Komfortzone sprengt. Die Antwort liegt nicht im Fitnessstudio, sondern auf französischen Alpenpässen: die Tour de France.
Drei Wochen.
Über 3.400 Kilometer.
Mehr als 56.000 Höhenmeter.
Täglicher Energieverbrauch: 8.000 bis 10.000 Kalorien.
Das ist kein Trainingslager. Das ist ein metabolischer Stresstest.
Forscher begleiteten sieben Profi-Radfahrer während der gesamten Tour und nahmen ihnen zu vier Zeitpunkten nüchtern Blut ab – vom Start bis ins Ziel. Analysiert wurde nicht ein einzelner Wert, sondern das große Ganze: Metabolite, also kleine Moleküle, die zeigen, was unser Körper gerade verbraucht, opfert oder nicht mehr nachliefert.

Nils Behrens ist der Host des Gesundheitspodcasts HEALTHWISE und Strategic Brand Partner von Sunday Natural. Zuvor war er über 12 Jahre als Chief Marketing Officer das Gesicht der Lanserhof Gruppe und Gastgeber des erfolgreichen Forever Young-Podcasts. In über 350 Experteninterviews erforschte er Wege zu einem längeren und fitteren Leben
Fast die Hälfte aller gemessenen Metabolite veränderte sich – und zwar überwiegend nach unten.
Besonders drastisch in den ersten sieben bis zehn Tagen. Der Körper gerät zunächst aus dem Gleichgewicht, bevor er sich notdürftig stabilisiert.
Zwei Systeme stachen heraus:
1. Fettstoffwechsel
Die Fahrer verbrannten Fett auf Hochlast – so stark, dass zentrale Transportmoleküle wie Carnitin messbar absanken. Nicht, weil Fettverbrennung schlechter wurde, sondern weil der Bedarf die Bereitstellung überholte.
Interessant: Vor allem gesättigte Fettsäuren wurden leergezogen. Offenbar der „billigere Brennstoff“, wenn Effizienz alles ist.
2. Antioxidatives System
Der stärkste Abfall zeigte sich bei Cystein, einer Schlüsselaminosäure für die Glutathion-Produktion. Glutathion ist der wichtigste Schutzschild gegen oxidativen Stress. Sinkt Cystein, heißt das: Der Körper kommt mit dem Neutralisieren freier Radikale kaum noch hinterher. Das ist kein Schaden – das ist Dauerbetrieb am Limit.
Die Fahrer bewerteten ihre Erschöpfung selbst auf einer Skala von 0 bis 10.
Von 0,5 zu Beginn auf 8 im Ziel. Und jetzt wird es spannend: 84 Blutmarker korrelierten signifikant mit dieser empfundenen Müdigkeit – die meisten davon negativ. Je erschöpfter die Athleten waren, desto leerer wurden ihre metabolischen Reserven.
Die stärksten Zusammenhänge fanden sich nicht dort, wo man sie erwartet hätte (Laktat, Cortisol), sondern bei Molekülen der Zellmembran. Das deutet darauf hin, dass Erschöpfung weniger ein Muskelproblem ist – und mehr ein Thema zellulärer Stabilität.
Oder anders gesagt: Nicht der Motor streikt zuerst, sondern die Kabel.
Wir werden vermutlich keine Metabolomanalyse machen lassen. Und das ist auch gut so. Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie ist nicht ein neuer Blutwert, sondern eine alte Wahrheit:
Ihr subjektives Empfinden ist kein weicher Faktor. Es ist ein hochpräziser Sensor.
Wenn Leistung stagniert.
Wenn Motivation fehlt.
Wenn sich Training schwer anfühlt, obwohl es leichter werden müsste.
Dann ist das kein mentales Problem.
Dann ist das unser Körper, der sagt: Ich verbrauche mehr, als ich ersetzen kann.
Drei konkrete Empfehlungen
Übertraining ist kein klar definierter Zustand. Aber Erschöpfung ist messbar – jeden Morgen, wenn du aufstehst. Und manchmal ist der klügste Trainingsreiz der, den man bewusst nicht setzt.
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