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27. September 2026
Hanja Niederhammer
Vom traditionellen Heilpilz zum modernen Supplement: Cordyceps wird traditionell für mehr Energie und Vitalität eingesetzt. Inzwischen zeigen erste Studien am Menschen Effekte auf das Immunsystem und die Atemwege – und auch für Sport und Regeneration gibt es erste positive Ergebnisse
Cordyceps hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. In der traditionellen chinesischen Medizin wird der Pilz seit Jahrhunderten verwendet, inzwischen findet man ihn als Pulver, Extrakt oder Kapsel in zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln. Er soll mehr Energie bringen, die Ausdauer verbessern, das Immunsystem unterstützen und sogar bei Stress und Libido helfen.
Lange stützten sich viele dieser Versprechen vor allem auf traditionelle Anwendungen sowie Labor- und Tierversuche. Inzwischen gibt es jedoch auch klinische Studien am Menschen – und einige davon liefern durchaus positive Ergebnisse.
Der bekannteste Vertreter ist Ophiocordyceps sinensis, früher Cordyceps sinensis genannt. In der Natur wächst er vor allem im tibetischen Hochland und hat einen ungewöhnlichen Lebenszyklus: Der Pilz befällt die Larven bestimmter Schmetterlingsarten, wächst in ihnen heran und bildet schließlich einen Fruchtkörper aus.
Wild gesammelter Cordyceps ist selten und entsprechend teuer. In Nahrungsergänzungsmitteln kommen deshalb meist kultivierte Formen oder andere Arten wie Cordyceps militaris zum Einsatz.
Das macht auch die Forschung kompliziert. Denn „Cordyceps“ bezeichnet nicht ein einheitliches Präparat. Je nach Studie werden unterschiedliche Pilzarten, Extrakte und Dosierungen untersucht. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jedes Produkt übertragen.
Im Fokus stehen verschiedene bioaktive Inhaltsstoffe, darunter Polysaccharide, Sterole und Nukleoside wie Cordycepin. Letzteres kommt vor allem in Cordyceps militaris vor.
In Labor- und Tierstudien zeigen Bestandteile des Pilzes unter anderem antioxidative, entzündungshemmende und immunmodulierende Eigenschaften. Mittlerweile wird zunehmend untersucht, ob sich solche Effekte auch beim Menschen zeigen.
Einen solchen Effekt fand eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2024. 40 gesunde Männer und Frauen tranken acht Wochen lang entweder ein fermentiertes Getränk mit Cordyceps militaris oder ein Placebo.
Dabei veränderte sich die Aktivität natürlicher Killerzellen. Diese Immunzellen gehören zur angeborenen Abwehr und helfen dem Körper unter anderem dabei, virusinfizierte oder veränderte Zellen zu erkennen.
Bei den Männern stieg ihre Aktivität nach vier Wochen gegenüber dem Ausgangswert, bei den Frauen nach acht Wochen. Bei den Frauen zeigte sich nach acht Wochen auch gegenüber der Placebogruppe ein signifikanter Unterschied. Andere untersuchte Immunparameter veränderten sich dagegen nicht wesentlich.
Ob Cordyceps deshalb auch vor Erkältungen oder anderen Infekten schützen kann, sagt die kleine Studie nicht. Sie zeigt aber: Der Pilz scheint tatsächlich mit unserem Immunsystem zu interagieren – und genau das macht ihn für die Forschung so spannend.
Mehr Energie und bessere Ausdauer gehören zu den bekanntesten Versprechen rund um Cordyceps. Auch dazu gibt es mittlerweile Untersuchungen am Menschen.
Eine randomisierte, doppelblinde Studie von 2026 untersuchte zwölf sportlich aktive junge Männer. Sie nahmen 30 Minuten vor einem maximalen Belastungstest auf dem Fahrrad entweder ein Gramm eines standardisierten Cordyceps-militaris-Extrakts oder ein Placebo ein.
Nach der Belastung reagierten die Männer unter Cordyceps in einem kognitiven Test schneller. Zudem war ihre Sauerstoffaufnahme bereits in Ruhe erhöht. Auf die körperlichen Reaktionen während der Belastung selbst hatte die einmalige Einnahme dagegen keinen wesentlichen Einfluss.
Auch frühere Untersuchungen haben sich mit Cordyceps und Ausdauer beschäftigt. In einer placebokontrollierten Studie verbesserten sich nach dreiwöchiger Einnahme unter anderem die maximale Sauerstoffaufnahme und die Zeit bis zur Erschöpfung. Allerdings enthielt das verwendete Präparat neben Cordyceps militaris weitere Pilzbestandteile. Welchen Anteil Cordyceps an dem Ergebnis hatte, lässt sich deshalb nicht bestimmen.
Die Studien sind bislang klein und arbeiten mit unterschiedlichen Präparaten, weshalb sich noch kein klares Bild für die sportliche Leistungssteigerung ergibt. Bemerkenswert ist dennoch, dass sich inzwischen auch beim Menschen messbare Effekte zeigen – von Veränderungen der Sauerstoffaufnahme bis zur schnelleren Reaktion nach körperlicher Belastung.
Die bislang auffälligsten klinischen Ergebnisse gibt es bei Menschen mit chronischer Bronchitis.
In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie aus dem Jahr 2024 wurden 240 Patientinnen und Patienten an acht Kliniken in China untersucht. Sie erhielten 48 Wochen lang entweder Bailing-Kapseln mit Hirsutella sinensis oder ein Placebo.
Der Unterschied war deutlich: Während der Behandlung kam es in der Cordyceps-Gruppe durchschnittlich zu 0,43 akuten Verschlechterungen der Bronchitis, in der Placebogruppe zu 1,56. Auch die Beschwerden verbesserten sich. Nach der Behandlung waren insbesondere Auswurf und Keuchen geringer ausgeprägt.
Bei der Lungenfunktion selbst zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen.
Natürlich lässt sich ein spezielles Präparat für chronisch Kranke nicht mit beliebigen Cordyceps-Kapseln gleichsetzen. Bemerkenswert bleibt das Ergebnis trotzdem: Bei einer traditionellen Anwendung des Pilzes zeigt sich nun auch in einer größeren klinischen Studie ein klarer Effekt.
Auch der Darm ist in den Fokus der Cordyceps-Forschung gerückt. Verantwortlich dafür sind vor allem die Polysaccharide des Pilzes.
In präklinischen Untersuchungen konnten sie die Zusammensetzung des Darmmikrobioms beeinflussen und wirkten auf Darmbarriere und Entzündungsprozesse. Eine Studie mit Schweinen fand ebenfalls Veränderungen der Darmflora sowie eine vermehrte Bildung kurzkettiger Fettsäuren wie Butyrat.
Diese Stoffe entstehen, wenn Darmbakterien bestimmte Nahrungsbestandteile verwerten, und sind unter anderem für die Darmschleimhaut von Bedeutung. Ob das beim Menschen genauso funktioniert, wissen wir noch nicht. Der Weg, über den Cordyceps im Darm wirken könnte, wird aber zunehmend klarer.
Mehr Energie gehört seit jeher zum Ruf des Cordyceps. Heute wird der Pilz deshalb häufig als Adaptogen verkauft – also als Naturstoff, der dem Körper helfen soll, besser mit Belastungen umzugehen.
Tatsächlich gibt es aus Labor- und Tierstudien einige Ansatzpunkte. Untersucht werden unter anderem Effekte auf oxidativen Stress, Entzündungsprozesse und Signalwege im Gehirn. Auch Erschöpfung und depressive Symptome spielen in der Forschung eine Rolle.
Hier ist die Tradition der Wissenschaft allerdings noch voraus. Ob Cordyceps Menschen tatsächlich gelassener, belastbarer oder weniger erschöpft macht, ist bislang nicht ausreichend untersucht.
Der Ruf als Aphrodisiakum ist älter als der heutige Supplement-Trend. Cordyceps wird in der traditionellen chinesischen Medizin auch im Zusammenhang mit Vitalität und Sexualfunktion eingesetzt.
Dazu gibt es passende Befunde aus der Grundlagenforschung. In Zell- und Tierexperimenten wurden unter anderem Veränderungen der Testosteronproduktion und der sexuellen Aktivität beobachtet.
Ob sich dieser Effekt auf den Menschen übertragen lässt, ist offen. Eine relevante Steigerung von Testosteron oder Libido durch Cordyceps ist bislang nicht durch gute klinische Studien belegt.
Wer Cordyceps kaufen möchte, stößt meist auf verschiedene Namen.
Ophiocordyceps sinensis ist der berühmte Raupenpilz aus dem tibetischen Hochland. Wild gesammelte Exemplare sind selten und sehr teuer. In Nahrungsergänzungsmitteln werden deshalb in der Regel kultivierte Formen beziehungsweise daraus gewonnene Produkte verwendet.
Cordyceps militaris lässt sich gezielt kultivieren und wird ebenfalls häufig für Supplements eingesetzt. Er enthält unter anderem Cordycepin, einen der Stoffe, die in der Cordyceps-Forschung besonders intensiv untersucht werden.
Deshalb lohnt es sich, bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht nur auf den Namen Cordyceps zu achten, sondern auch darauf, welche Art und welcher Extrakt tatsächlich enthalten sind.
Cordyceps wird als Pulver, Kapsel, Extrakt oder Getränk angeboten. Eine allgemein anerkannte Dosierung, bei der eine bestimmte gesundheitliche Wirkung zuverlässig eintritt, gibt es bislang nicht.
Auch die klinischen Studien helfen bei einer pauschalen Dosierung nur bedingt weiter, weil darin sehr unterschiedliche Präparate und Mengen verwendet werden. Die dort eingesetzten Dosierungen sind daher nicht automatisch eine Empfehlung für die tägliche Einnahme.
Zumindest über kürzere Zeiträume scheint Cordyceps militaris in den bisher untersuchten Mengen meist gut verträglich zu sein.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 wertete fünf Humanstudien zur Sicherheit aus. Die berichteten Nebenwirkungen waren überwiegend mild und selten. Es zeigte sich kein einheitliches Signal für schwere Nebenwirkungen oder Schäden an Leber, Nieren oder Blutbild.
Allerdings waren die Studien klein, verwendeten unterschiedliche Präparate und liefen meist nur kurze Zeit. Die Autoren bewerten die Sicherheitsevidenz deshalb insgesamt als niedrig bis sehr niedrig. Vor allem über eine langfristige Einnahme und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten weiß man noch wenig.
Wer regelmäßig Medikamente einnimmt oder Vorerkrankungen hat, sollte die Einnahme deshalb vorher medizinisch abklären. Für Schwangere, Stillende und Kinder fehlen ausreichende Sicherheitsdaten.
Cordyceps hat den Sprung aus der traditionellen chinesischen Medizin in die moderne Forschung geschafft. Und manches, was dem Pilz seit Jahrhunderten zugeschrieben wird, lässt sich inzwischen auch beim Menschen beobachten. Besonders die Ergebnisse zum Immunsystem und bei chronischer Bronchitis zeigen, dass hinter dem alten Heilpilz mehr stecken könnte als Tradition allein.
Für viele der heute beworbenen Wirkungen fehlen zwar noch gute Humanstudien. Doch die Forschung nimmt Cordyceps inzwischen ernst – und dürfte in den kommenden Jahren noch genauer zeigen, wo seine Stärken tatsächlich liegen.

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