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26. Oktober 2026
Christine Bürg
Wenn die Tage kürzer werden, sinkt bei vielen die Stimmung. Doch nicht jedes Wintertief ist harmlos: Wann aus dem Winterblues eine behandlungsbedürftige Winterdepression wird, erklärt Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke

Mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke

Psychische Gesundheit, Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Wie wichtig Licht für unser Wohlbefinden ist, merken wir meist erst, wenn es fehlt. Spätestens nach der Zeitumstellung Ende Oktober wird es nachmittags früh dunkel, die Sonne zeigt sich selten, und der Himmel bleibt oft tagelang grau. Vielen schlägt das aufs Gemüt: In einer repräsentativen YouGov-Umfrage gab mehr als jeder Dritte an, im Winter unter Müdigkeit, gedrückter Stimmung oder schlechter Laune zu leiden. Dieses Stimmungstief, oft Winterblues genannt, ist lästig, aber in der Regel harmlos.
Anders die Winterdepression. Fachleute sprechen von einer saisonal abhängigen Depression (englisch Seasonal Affective Disorder, kurz SAD) oder einer Depression mit saisonalem Muster. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen häufiger als Männer.
Der entscheidende Unterschied: Beim Winterblues fühlt man sich zwar träge und verstimmt, kann sich aber noch freuen, und der Alltag funktioniert weitgehend. Eine Winterdepression dagegen hält über Wochen an und beeinträchtigt Arbeit, Beziehungen und Lebensqualität deutlich.
Diese Warnzeichen sprechen eher für eine Winterdepression als für einen Winterblues:
• Die Beschwerden halten an: Die gedrückte Stimmung besteht seit mindestens zwei Wochen fast durchgehend, statt nach ein paar trüben Tagen wieder abzuklingen.
• Die Freude fehlt: Auch Dinge, die sonst Spaß machen, lösen kaum noch etwas aus.
• Der Alltag leidet: Arbeit, Haushalt oder Verabredungen werden zur Überforderung oder bleiben liegen.
• Konzentration und Gedächtnis lassen nach: Man kann sich schlecht konzentrieren und vergisst mehr als sonst.
• Rückzug: Man meidet andere Menschen und verbringt viel Zeit im Bett.
• Das Muster wiederholt sich: Die Beschwerden treten Jahr für Jahr im Herbst und Winter auf und verschwinden im Frühjahr.
Wer an einer Winterdepression leidet, fühlt sich oft über Wochen antriebslos und innerlich leer, ist ständig müde und erschöpft – und das, obwohl er deutlich mehr schläft als sonst. Genau darin unterscheidet sich die Winterdepression von der klassischen Depression: Diese geht häufig mit Schlafproblemen und Appetitlosigkeit einher.
Bei einer Winterdepression kommen dagegen häufig Heißhungerattacken hinzu, oft auf Süßes und kohlenhydratreiche Lebensmittel. „Man spricht auch von atypischen Symptomen“, so Prof. Dr. Andreas Menke, Ärztlicher Direktor des Medical Park Chiemseeblick, einer Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie.
Doch weshalb entwickelt sich eine Winterdepression? Wie bei anderen Depressionen wirken mehrere Faktoren zusammen. „Es gibt eine gewisse Heritabilität (genetische Veranlagung)“, so der Experte, „diese liegt bei ca. 40 Prozent. Die restlichen 60 Prozent werden durch äußere Faktoren verursacht, bei der Winterdepression ist es das mangelnde Licht. Es bewirkt, dass das Stresshormonsystem und das Immunsystem aus der Balance geraten.“
Fachleute gehen zudem davon aus, dass der Lichtmangel die innere Uhr stört: Fällt morgens zu wenig Licht ins Auge, gerät der Schlaf-wach-Rhythmus aus dem Takt – unter anderem über das Hormon Melatonin, das den Körper auf Schlaf einstellt.
Welche Behandlung die richtige ist, hängt von der Ausprägung ab und davon, wie stark die Depression den Alltag beeinträchtigt. „Wer sich nicht oder nur schwer konzentrieren kann, Probleme mit der Merkfähigkeit hat, womöglich aus Erschöpfung nicht mehr arbeiten kann, sich sozial zurückzieht und die Zeit fast nur noch im Bett verbringt, sollte dringend zum Arzt gehen. Dieser entscheidet, welche Maßnahmen die richtigen sind“, so der Appell von Prof. Dr. Menke.
Wer sich in einer akuten seelischen Krise befindet, sollte nicht abwarten, sondern sich sofort an den ärztlichen Notdienst oder die Notaufnahme wenden.
Bei einer mittelgradigen Depression empfiehlt die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression gleichwertig eine Psychotherapie oder eine Behandlung mit Antidepressiva, bei einer schweren Depression eine Kombination aus beidem.
Speziell bei der Winterdepression gibt es eine weitere Möglichkeit: die Lichttherapie. Die Leitlinie empfiehlt, Patienten mit einer Depression mit saisonalem Muster einen Therapieversuch damit anzubieten – als Option neben Medikamenten und Psychotherapie, nicht als Ersatz.
Wie groß der Effekt ist, ist allerdings umstritten: Ein Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) fand für Tageslichtlampen nur Hinweise auf eine kurzfristige, eher geringe Besserung – etwa jeder fünfte Betroffene profitierte merklich. Viele der ausgewerteten Studien hatten methodische Schwächen.
Therapielampen erreichen etwa 10.000 Lux, normale Raumbeleuchtung nur einige Hundert Lux. Empfohlen werden rund 30 Minuten am Morgen, möglichst bald nach dem Aufstehen und im vom Hersteller angegebenen Abstand; abends angewendet, kann das helle Licht den Schlafrhythmus stören. Es bremst die Ausschüttung von Melatonin.
Die Lichttherapie gilt als gut verträglich, gelegentlich treten Kopfschmerzen oder gereizte Augen auf. Wer eine Augenerkrankung hat, lichtsensibilisierende Medikamente einnimmt (etwa Johanniskraut oder bestimmte Antibiotika) oder an einer bipolaren Störung leidet, sollte die Anwendung vorher ärztlich abklären.
Unterstützend – nicht als Ersatz für eine Behandlung – helfen einige Alltagsmaßnahmen:
• Tageslicht tanken: täglich nach draußen gehen, auch bei bewölktem Himmel, etwa in der Mittagspause.
• Bewegung, am besten an der frischen Luft: Sport ist besonders wichtig, um die Balance wiederzufinden.
• In die Natur gehen: Vor allem Waldbaden wird von Experten wie Prof. Dr. Menke empfohlen: „Es senkt den Cortisolspiegel, den Blutdruck und den Puls.“
• Entspannen: Achtsamkeitsübungen und Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung können helfen.
• Feste Tagesstruktur: regelmäßige Schlafens- und Aufstehzeiten stabilisieren die innere Uhr.
• Kontakte pflegen: Verabredungen helfen gegen den Rückzug, auch wenn es Überwindung kostet.
• Ausgewogen essen: Hülsenfrüchte, Nüsse, Haferflocken, Eier und Fisch enthalten Tryptophan, aus dem der Körper Serotonin bildet. Dass sich die Stimmung allein über die Ernährung gezielt heben lässt, ist allerdings nicht belegt.
Die gute Nachricht: Mit den länger werdenden Tagen bessern sich die Beschwerden im Frühjahr typischerweise wieder. Bei vielen Betroffenen kehrt die Winterdepression jedoch im nächsten Herbst zurück. Wer bereits betroffen war, sollte deshalb frühzeitig mit dem Arzt besprechen, wie er vorbeugen kann, etwa indem er schon bei ersten Anzeichen mit der Lichttherapie beginnt. Bis zum Frühling gilt: professionelle Hilfe annehmen und sich nicht mit dem Tief abfinden – damit auch die schönen Seiten des Winters wieder spürbar werden.

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