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26. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
ARFID wird oft für Mäkeligkeit gehalten, auch weil das Gewicht normal sein kann. Dr. med. Tabea Bauman erklärt, woran man die Essstörung erkennt und warum Druck beim Essen schadet.
Ein Interview mit
KIRINUS Privatklinik Am Friedensengel
© PMC-AI
Psychische Gesundheit, Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Viele Kinder durchlaufen Phasen, in denen sie nur wenige Lebensmittel akzeptieren. Meist gibt sich das von selbst. Manchmal steckt jedoch mehr dahinter, nämlich ARFID, eine vergleichsweise junge Diagnose. Sie wird häufig mit „Mäkeligkeit“ verwechselt und kann auch Erwachsene betreffen.
Wo die Grenze zwischen wählerischem Essen und Essstörung verläuft, welche Folgen auch bei Normalgewicht drohen und was Angehörige tun können, erklärt Dr. med. Tabea Bauman. Sie ist Ärztliche Direktorin und Chefärztin der KIRINUS Privatklinik Am Friedensengel in München, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie und bietet dort eine Spezialsprechstunde für Essstörungen an.
Was unterscheidet ARFID von Magersucht und wählerischem Essen?
ARFID steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (vermeidende/restriktive Essstörung). Betroffene vermeiden bestimmte Lebensmittel oder essen insgesamt zu wenig.
Bei der Magersucht (Anorexia nervosa) stehen typischerweise eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme, eine Störung des Körperbildes oder andere gewicht- und figurbezogene Motive im Vordergrund. Bei ARFID sind diese Motive nicht die Ursache der Selektion und Restriktion.
Beim wählerischen Essen („Picky Eating“) gilt: Eine begrenzte Lebensmittelauswahl ist für sich genommen noch keine psychische Erkrankung. Entscheidend ist, ob die Einschränkung klinisch relevante körperliche oder psychosoziale Folgen verursacht.
Ab wann ist „Das Kind isst nur Nudeln und Toast“ keine normale Phase mehr?
Drei Aspekte sind wichtig:
Wachstum und körperliche Entwicklung: Das Kind nimmt nicht ausreichend zu, verliert Gewicht oder weicht von seiner bisherigen Wachstumskurve ab.
Nährstoffversorgung: Die Ernährung ist so einseitig, dass ein Mangel an Nährstoffen droht oder bereits nachweisbar ist.
Psychosoziale Belastung: Mahlzeiten werden regelmäßig zum Konflikt. Einladungen, Klassenfahrten, Restaurantbesuche oder Essen bei Freunden werden vermieden, weil dort keine akzeptierten Lebensmittel verfügbar sind.
Das bedeutet praktisch, wenn Eltern über längere Zeit eine sehr eingeschränkte Auswahl beobachten und sich Sorgen um Wachstum, Nährstoffversorgung oder den Familienalltag machen, ist eine kinderärztliche Untersuchung sinnvoll. Bei deutlichem Gewichtsverlust, ausgeprägter Schwäche, Kreislaufproblemen oder sehr geringer Flüssigkeitsaufnahme ist eine rasche medizinische Abklärung erforderlich.
Welche Gründe stecken hinter dem Vermeiden, wenn es nicht um Figur oder Gewicht geht?
Aus der Forschung sind mehrere Gründe bekannt. Häufig spielt eine sensorische Empfindlichkeit eine Rolle: Geschmack, Geruch, Konsistenz, Temperatur oder Aussehen eines Lebensmittels werden als unangenehm oder kaum erträglich erlebt. Manche Betroffene akzeptieren beispielsweise nur knusprige Lebensmittel oder bestimmte Marken und Zubereitungsarten.
Andere Betroffene haben Angst vor negativen Folgen des Essens. Sie fürchten etwa, sich zu verschlucken, zu ersticken, zu erbrechen oder Bauchschmerzen beziehungsweise allergische Reaktionen zu bekommen. Schon ein einzelnes beängstigendes Erlebnis kann die Vermeidung verstärken.
Bei wieder anderen steht ein geringes Interesse am Essen im Vordergrund. Sie nehmen Hunger kaum wahr, empfinden Essen als wenig attraktiv oder vergessen es schlicht. Viele sind schnell satt und erleben Mahlzeiten als anstrengend und zeitaufwendig.
Warum wird ARFID so oft übersehen?
Das Gewicht der Betroffenen kann zum Beispiel unauffällig sein, sodass von außen nichts auf eine Essstörung hindeutet. Außerdem wird die Erkrankung leicht mit gewöhnlicher Wählerischkeit verwechselt. Hinzu kommt, dass oft andere Beschwerden im Vordergrund stehen, etwa Bauchschmerzen, Verstopfung, Übelkeit oder Angst, und die eigentliche Problematik dahinter nicht erkannt wird. Und schließlich handelt es sich bei ARFID um eine vergleichsweise junge Diagnose, die noch nicht überall bekannt ist.
Betrifft ARFID nur Kinder, oder auch Erwachsene?
ARFID kann in jedem Lebensalter auftreten. Die Störung beginnt häufig in der Kindheit, muss sich aber nicht mit zunehmendem Alter zurückbilden. Manche Betroffene entwickeln über Jahre Strategien, um ihre eingeschränkte Lebensmittelauswahl im Alltag zu organisieren, ohne dass die zugrunde liegende Problematik verschwindet.
Bei Erwachsenen zeigt sich ARFID beispielsweise dadurch, dass sie nur in wenigen Restaurants essen können oder Einladungen meiden. Einige haben auf Reisen große Schwierigkeiten, geeignete Lebensmittel zu finden. Häufig werden bestimmte Lebensmittelgruppen vollständig gemieden. Auch berufliche oder partnerschaftliche Situationen rund ums Essen können zur Belastung werden. Manche Betroffene sind auf Nahrungsergänzungsmittel angewiesen oder entwickeln körperliche Beschwerden infolge der einseitigen Ernährung.
Welche körperlichen Folgen sind möglich, auch bei Normalgewicht?
Ein normales Körpergewicht ist kein zuverlässiger Nachweis für eine ausreichende Nährstoffversorgung. Entscheidend ist nicht nur die Energiemenge, sondern auch, welche Nährstoffe tatsächlich aufgenommen werden.
Eine stark eingeschränkte Ernährung kann verschiedene Folgen haben. Dazu zählen Mikronährstoffmängel, etwa an Eisen, Zink, Vitamin B12, Folat oder Vitamin D – je nachdem, welche Lebensmittel konkret gemieden werden. Auch das Blutbild kann sich verändern, beispielsweise durch eine Eisenmangelanämie. Bei Kindern und Jugendlichen können zudem Wachstum und Entwicklung beeinträchtigt sein. Hinzu kommen körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Schwäche oder Schwindel.
Wichtig ist außerdem: Wer ausreichend Kalorien aus einer kleinen Zahl energiereicher Lebensmittel aufnimmt, kann sein Gewicht halten und trotzdem relevante Defizite aufweisen. Umgekehrt kann ein niedriges Gewicht andere Ursachen haben und muss medizinisch eingeordnet werden.
Wie sieht eine wirksame Behandlung aus?
Wirksam ist eine Kombination aus Psychotherapie sowie medizinischer und ernährungsbezogener Versorgung.
Ein spezifischer psychotherapeutischer Ansatz ist die Cognitive Behavioral Therapy for ARFID (CBT-AR). Sie wurde für Kinder, Jugendliche und Erwachsene entwickelt und kombiniert unter anderem Psychoedukation, Ernährungsaufbau und individuell angepasste Expositionsübungen. Je nach Alter und Situation soll die Familie aktiv einbezogen werden.
Ein wichtiger Baustein ist die Exposition. Dabei lernen Betroffene, sich gefürchteten oder bislang gemiedenen Lebensmitteln in kleinen, individuell abgestimmten Schritten anzunähern.
Ebenso bedeutsam ist die Eltern- und Familienarbeit. Eltern lernen, Mahlzeiten verlässlich und möglichst stressarm zu gestalten, Fortschritte zu unterstützen und die Essproblematik nicht durch Konflikte oder Beschämung zusätzlich zu verschärfen.
Warum ist Druck beim Essen kontraproduktiv?
Ein Satz wie „Du musst wenigstens einen Bissen probieren“ wirkt auf den ersten Blick harmlos. Bei einer Person, die starke Angst, Ekel oder sensorische Überforderung erlebt, kann er jedoch zusätzlichen Stress auslösen.
Druck kann dazu führen, dass Mahlzeiten mit Angst und Konflikten verknüpft werden, dass die Vermeidung zunimmt oder dass Betroffene noch weniger bereit sind, neue Lebensmittel zu integrieren. Das bedeutet nicht, dass Eltern jede Vermeidung dauerhaft akzeptieren müssen. Entscheidend ist vielmehr, zwischen unterstützender Begleitung und erzwungenem Essen zu unterscheiden.
Hilfreicher sind kleine, vorhersehbare Schritte, Wahlmöglichkeiten und eine Atmosphäre, in der ein neuer Kontakt mit einem Lebensmittel nicht sofort zum Kampf um das tatsächliche Essen wird. Je nach individuellem Therapieplan kann die Annäherung zunächst über Anschauen, Riechen oder Berühren erfolgen und später das Probieren einschließen.
Bei schwerer Mangelernährung oder medizinischer Instabilität reicht eine solche Alltagsstrategie aber nicht mehr aus. Dann hat die medizinische Versorgung Vorrang.
Was sollten Eltern oder Angehörige tun, wenn sie ARFID vermuten?
Der erste Schritt ist, die Essproblematik ernst zu nehmen, ohne vorschnell eine Diagnose zu stellen. Eine sehr eingeschränkte Lebensmittelauswahl kann verschiedene Ursachen haben. Ziel ist, frühzeitig herauszufinden, ob eine relevante Essstörung, eine körperliche Erkrankung oder eine Kombination mehrerer Faktoren vorliegt.
Erste Anlaufstelle ist häufig die kinderärztliche oder hausärztliche Praxis. Dort können Wachstum, Gewichtsverlauf, körperliche Beschwerden, Ernährungsgewohnheiten und mögliche Mangelzustände eingeschätzt werden. Bei anhaltender Vermeidung, ausgeprägten Ängsten oder deutlicher Einschränkung im Alltag ist zusätzlich eine spezialisierte psychische Diagnostik sinnvoll, etwa in einer kinder- und jugendpsychiatrischen, psychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis oder in einer spezialisierten Essstörungsambulanz.
Wenn bereits erheblicher Gewichtsverlust und körperliche Folgen bestehen, sollte die medizinische Abklärung dringend erfolgen.

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