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23. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Über die Männergrippe wird seit Jahren gespottet. Doch die Immunforschung liefert Argumente dafür, dass hinter dem Klischee mehr steckt als männliches Selbstmitleid. Welche Rolle spielen Testosteron, Östrogen und das X-Chromosom?
Er liegt mit 38 Grad Fieber auf dem Sofa, verlangt nach Tee und Mitgefühl und ist überzeugt, dass es diesmal ernst ist. Sie hatte vergangene Woche denselben Infekt und ist trotzdem zur Arbeit gegangen. Die „Männergrippe“ gehört zu den beliebtesten Klischees der kalten Jahreszeit. Gemeint ist eine harmlose Erkältung, die Männer angeblich dramatisieren.
Seit einigen Jahren kursiert allerdings die Schlagzeile, die Wissenschaft habe die Männergrippe bewiesen. Ganz falsch ist das nicht. Die Geschichte dahinter ist aber komplizierter. Und die aufschlussreichsten Erkenntnisse stammen nicht aus der berühmten Studie, sondern aus der Immunforschung der vergangenen Jahre.
Im Dezember 2017 veröffentlichte der kanadische Allgemeinmediziner Dr. Kyle Sue von der Memorial University of Newfoundland im British Medical Journal einen Beitrag mit dem Titel „The science behind ‚man flu‘“. Den Anstoß gab nach eigener Aussage seine Grippe und der Vorwurf, er übertreibe.
Sue trug vorhandene Studien zusammen und kam zu dem Schluss, dass Männer ihre Beschwerden womöglich gar nicht übertreiben, sondern eine schwächere Immunantwort auf Atemwegsviren haben. Als Belege führte er unter anderem an:
Sein Fazit: Der Begriff Männergrippe, verstanden als Vorwurf der Übertreibung, sei womöglich ungerecht.
Die Schlagzeilen klangen damals, als hätten Forschende im Labor einen neuen Beweis erbracht. Tatsächlich erschien der Text in der traditionellen Weihnachtsausgabe des BMJ, in der die Fachzeitschrift jedes Jahr wissenschaftlich fundierte, aber humorvoll zugespitzte Beiträge druckt.
Sue führte kein eigenes Experiment durch, sondern wertete bereits veröffentlichte Arbeiten aus. Einige Passagen waren erkennbar ironisch gemeint: So schlug er vor, für erkrankte Männer eigene Erholungsräume mit riesigen Fernsehern und Liegesesseln einzurichten. Auch die These, das Rückzugsverhalten kranker Männer habe in der Steinzeit vor Raubtieren geschützt, ist eher Gedankenspiel als Befund.
Die US-Immunologin Prof. Sabra Klein von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, eine der führenden Forscherinnen zu Geschlechtsunterschieden im Immunsystem, kommentierte damals, die Datenlage reiche nicht aus, um die Männergrippe für real zu erklären. Zudem sei es irreführend, alle Männer jeden Alters über einen Kamm zu scheren. Sue selbst räumte ein, dass es an rigorosen Studien zu dieser Frage fehle.
Inzwischen gibt es deutlich mehr Erkenntnisse darüber, warum Männer und Frauen unterschiedlich auf Virusinfektionen reagieren. Ein im April 2026 erschienener Übersichtsartikel aus dem Fachjournal Exploration of Immunology fasst den Forschungsstand zusammen: Männer haben im Durchschnitt ein höheres Risiko für schwere Grippeverläufe, während Frauen häufig eine stärkere Immunantwort entwickeln.
Allerdings geht es dabei vor allem um die echte Grippe, also Influenza. Ob Männer auch bei gewöhnlichen Erkältungen stärker leiden, lässt sich daraus nicht ableiten.
Ein Schlüssel liegt in den Sexualhormonen. Ein Team der Stanford University um Dr. David Furman zeigte bereits 2014 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), dass Männer mit hohem Testosteronspiegel nach der Grippeimpfung weniger Antikörper bildeten als Männer mit niedrigerem Spiegel. Östrogen dagegen wirkt auf viele Immunzellen eher aktivierend.
Wie stark Östrogen die Immunantwort beeinflussen kann, verdeutlicht eine im September 2026 im Fachjournal mBio veröffentlichte Studie der Johns Hopkins University. Bei jüngeren Frauen fiel die Antikörperantwort auf das Grippevirus H3N2 nach der Impfung stärker aus als bei gleichaltrigen Männern.
Bei Menschen ab 75 Jahren zeigte sich dieser Unterschied nicht. In ergänzenden Laborversuchen fanden die Forscher Hinweise darauf, dass Östrogen die Antikörperproduktion bestimmter Immunzellen fördert. Allerdings war die Studie mit 166 Teilnehmern klein, und die ältere Gruppe erhielt einen Hochdosis-Impfstoff.
Viele Gene, die das Immunsystem steuern, liegen auf dem X-Chromosom – und davon haben Frauen in der Regel zwei, Männer eines.
Ein im März 2026 erschienener Übersichtsartikel im Fachjournal Nature Immunology aus der Arbeitsgruppe von Sabra Klein beschreibt zwei wesentliche Mechanismen: die unterschiedliche Aktivität X-gebundener Gene in Immunzellen und den Einfluss von Sexualhormonen auf die angeborene und erworbene Immunabwehr.
Beides trägt dazu bei, dass Männer und Frauen Virusinfektionen und Impfungen unterschiedlich verarbeiten. Die Unterschiede verändern sich allerdings im Laufe des Lebens.
Ein stärker reagierendes Immunsystem ist nicht immer ein Vorteil. Frauen berichten nach Grippeimpfungen häufiger über Reaktionen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder Fieber, wie die Übersichtsarbeit aus Exploration of Immunology beschreibt.
Auch Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet, treten bei Frauen deutlich häufiger auf.
Für die Gesundheit ist ein anderer Befund möglicherweise wichtiger als die Frage nach dem Jammern. Eine US-Studie des IVY-Netzwerks mit mehr als 17.000 Klinikpatienten, veröffentlicht im Fachjournal Vaccine, fand deutliche Unterschiede bei der Wirksamkeit der Grippeimpfung.
Bei Menschen ab 50 Jahren lag die geschätzte Impfwirksamkeit gegen einen grippebedingten Krankenhausaufenthalt bei Frauen bei 48,5 Prozent, bei Männern dagegen bei 26,2 Prozent. Ob dieser Unterschied auch in anderen Grippesaisons ähnlich groß ausfällt, ist offen.
Das bedeutet keineswegs, dass die Impfung für ältere Männer wenig bringt. Im Gegenteil: Gerade wenn das Risiko für schwere Verläufe erhöht ist, bleibt der Impfschutz wichtig.
Die Ständige Impfkommission empfiehlt die jährliche Grippeimpfung allen Menschen ab 60 Jahren sowie bestimmten Risikogruppen, darunter chronisch Kranken. Für Menschen ab 60 stehen außerdem speziell auf ältere Erwachsene abgestimmte Impfstoffe zur Verfügung.
Wie wichtig eine bessere Impfquote wäre, verdeutlichen Zahlen des Robert Koch-Instituts: In der Saison 2024/25 war nur gut ein Drittel der Menschen ab 60 in Deutschland gegen Grippe geimpft.
Der leidende Mann auf dem Sofa übertreibt also nicht zwangsläufig. Bei einer echten Grippe haben Männer im Durchschnitt ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf als Frauen. Ob es ihnen auch bei einem gewöhnlichen Schnupfen schlechter geht, kann die Wissenschaft dagegen nicht eindeutig beantworten.
Belege dafür, dass sie bei gleicher Infektion mehr jammern, gibt es nicht, aber auch keine eindeutigen für das Gegenteil. Wie Beschwerden empfunden und geschildert werden, hängt ohnehin nicht nur von der Biologie ab, sondern auch von Gewohnheiten und Rollenbildern.
Als reiner Witz taugt die Männergrippe trotzdem nicht mehr. Ein bisschen Mitgefühl ist durchaus erlaubt.

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Dr. med. Laura von der Heyden
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Dr. med. Laura von der Heyden

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