
© Nadezhda Moryak
18. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Implantat oder Eigengewebe, sofort oder erst nach der Therapie – oder vielleicht gar kein Brustaufbau? Plastische Chirurgin Dr. Juliane Bodo erklärt, welche Rolle eine Bestrahlung spielt, mit welchen Risiken man rechnen muss und warum niemand diese Entscheidung unter Druck treffen sollte.

Ein Interview mit
Dr. med. Juliane Bodo
Sieht eine wiederaufgebaute Brust immer künstlich aus? Muss man sich direkt bei der Krebsoperation entscheiden? Und braucht jede Frau nach einer Mastektomie einen Brustaufbau, um sich wieder wohlzufühlen? Rund um die Brustrekonstruktion nach Krebs halten sich viele Annahmen, die Betroffene zusätzlich verunsichern, in einer Phase, in der ohnehin vieles auf einmal entschieden werden muss.
Dr. Juliane Bodo, Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie, berät Frauen genau in dieser Situation. Im Interview erklärt sie, wie sich die Verfahren unterscheiden, woran man eine gute Klinik erkennt, ob das Gefühl in die Brust zurückkehrt und welche Irrtümer sie in ihrer Sprechstunde am häufigsten hört.
Frau Dr. Bodo, was raten Sie einer Frau, die gerade ihre Diagnose bekommen hat und sich mit der Entscheidung für oder gegen eine Brustrekonstruktion überfordert fühlt?
Zunächst einmal rate ich jeder Frau, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Die Diagnose Brustkrebs ist bereits eine enorme psychische Belastung. Die Entscheidung für oder gegen eine Brustrekonstruktion muss nicht sofort getroffen werden, erst einmal ist die richtige onkologische Behandlung das Wichtigste.
Es gibt heute sehr gute Verfahren – sowohl mit Implantaten als auch mit körpereigenem Gewebe. Aber genauso legitim ist es, sich gegen eine Rekonstruktion zu entscheiden.
Mein wichtigster Rat lautet: Die Entscheidung sollte sich an den eigenen Wünschen orientieren: Hat die Patientin große Angst, ihre Weiblichkeit zu verlieren, oder ist ihr das erst einmal nicht so wichtig? Die Entscheidung liegt in der persönlichen Lebenssituation und den medizinischen Voraussetzungen, nicht an den Erwartungen anderer. Wir stehen unseren Patientinnen immer als Gesprächspartner zur Seite.
Längst nicht jede Frau lässt ihre Brust nach einer Mastektomie wieder aufbauen. Wie erleben Sie das, und wann raten Sie selbst davon ab?
In Deutschland entscheiden sich nur 37 % der Frauen für eine Rekonstruktion, in den USA zum Vergleich 50 %. Das ist eine – wie ich finde – niedrige Zahl. Ich erlebe sehr unterschiedliche Beweggründe. Manche Frauen wünschen sich, ihre gewohnte Körpersilhouette wiederherzustellen, und empfinden die Rekonstruktion als wichtigen Teil ihrer persönlichen Krankheitsbewältigung. Andere möchten möglichst wenige weitere Eingriffe, fühlen sich auch ohne Brustrekonstruktion wohl oder möchten sich zunächst ganz auf ihre Genesung konzentrieren.
Ich halte es für entscheidend, diese unterschiedlichen Bedürfnisse ohne Wertung anzunehmen. Eine Frau ist nicht weniger weiblich, wenn sie sich gegen einen Brustaufbau entscheidet.
Von einer Rekonstruktion würde ich insbesondere dann abraten oder sie zunächst zurückstellen, wenn die medizinischen Voraussetzungen ungünstig sind, relevante Begleiterkrankungen oder ein hohes Operationsrisiko bestehen oder die Patientin eine Vorstellung vom Ergebnis hat, die sich realistisch nicht erfüllen lässt.
Auch eine geplante Bestrahlung muss in die Beratung einbezogen werden. Manchmal ist es medizinisch einfach sinnvoll, zunächst die onkologische Behandlung abzuschließen und später in Ruhe über die Rekonstruktion zu entscheiden.
Was sollte eine Patientin wissen, bevor sie sich entscheidet, und welche Fragen sollte sie im Beratungsgespräch stellen?
Sie sollte vor allem wissen, welche Möglichkeiten es in ihrer individuellen Situation gibt und welche Vor- und Nachteile diese haben. Ich empfehle, unter anderem folgende Fragen zu stellen:
• Welche Rekonstruktionsverfahren kommen bei mir infrage?
• Wie beeinflussen die Krebsbehandlung, insbesondere eine mögliche Bestrahlung, und mein allgemeiner Gesundheitszustand die Planung?
• Wie viele Operationen sind voraussichtlich notwendig?
• Wie wird die rekonstruierte Brust im Vergleich zur anderen Brust aussehen und sich anfühlen?
• Welche Risiken und möglichen Folgeeingriffe gibt es?
• Wie lange dauern Heilung und Erholung, und wann kann ich wieder arbeiten oder Sport treiben?
• Welche Alternativen habe ich, wenn ich mich gegen eine Rekonstruktion entscheide?
Ganz wichtig ist mir, dass Patientinnen nicht nur über die Operation selbst aufgeklärt werden, sondern auch über den Weg danach. Eine Rekonstruktion ist häufig ein mehrstufiger Prozess. Und es gibt Risiken, die das ästhetische Ergebnis negativ beeinflussen können. Das sollte man von Anfang an realistisch einordnen können.
Wie finden Betroffene eine gute Klinik für den Brustaufbau, und woran erkennen sie Qualität?
Ich empfehle, sich an ein zertifiziertes Brustzentrum mit einer etablierten interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie, Onkologie, Radiologie und plastischer Chirurgie zu wenden. Entscheidend ist, dass die rekonstruktiven Möglichkeiten frühzeitig in die Therapieplanung einbezogen werden und die Patientin nicht erst nach der Mastektomie über ihre Optionen informiert wird.
Aufseiten der plastischen Chirurgie sollte man auf eine entsprechende fachärztliche Qualifikation und nachweisbare Erfahrung mit dem jeweiligen Rekonstruktionsverfahren achten. Eine gute Klinik kann unterschiedliche Verfahren anbieten oder bei Bedarf an ein spezialisiertes Zentrum überweisen.
Brustaufbau direkt bei der Mastektomie oder erst später: Was spricht für welchen Zeitpunkt, und welche Rolle spielt eine Bestrahlung?
Bei der Sofortrekonstruktion wird die Brust unmittelbar im Rahmen der Mastektomie rekonstruiert. Der Vorteil besteht darin, dass die Patientin nicht über einen längeren Zeitraum ohne Brust leben muss und häufig Haut und gegebenenfalls die Brustwarze erhalten werden können, sofern dies onkologisch sicher ist. Für manche Frauen bedeutet das eine erhebliche psychische Entlastung. Allerdings ist eine Sofortrekonstruktion nicht in jeder Situation medizinisch sinnvoll oder möglich.
Bei der verzögerten Rekonstruktion wird zunächst die Krebsbehandlung abgeschlossen. Das kann besonders dann vorteilhaft sein, wenn die weitere Therapie noch nicht sicher feststeht oder die Gewebeverhältnisse oder Wundheilung zunächst ungünstig sind.
Eine Bestrahlung spielt bei dieser Entscheidung eine zentrale Rolle. Sie kann die Haut und das Unterhautgewebe verändern, die Wundheilung beeinträchtigen und das Risiko für Kapselfibrose oder andere Komplikationen nach einer Implantatrekonstruktion deutlich erhöhen. Auch Eigengeweberekonstruktionen können durch eine Bestrahlung beeinflusst werden, wobei sich die Auswirkungen und Risiken unterscheiden.
Es gibt deshalb keine pauschal richtige Lösung. Die Entscheidung sollte möglichst vor der Mastektomie gemeinsam im interdisziplinären Team getroffen werden. In ausgewählten Fällen kommen auch gestufte Konzepte infrage, bei denen die endgültige Rekonstruktion erst später erfolgt.
Implantat oder Eigengewebe: Worin unterscheiden sich die Verfahren, und wovon hängt die Wahl ab?
Bei einer Implantatrekonstruktion wird die Brust mit einem Silikonimplantat aufgebaut, gegebenenfalls unterstützt durch einen Gewebeexpander, der zunächst Platz für das spätere Implantat schafft. Der Eingriff ist häufig weniger umfangreich als eine Eigengeweberekonstruktion.
Allerdings bleibt ein Fremdkörper im Körper, und im Laufe der Zeit können Folgeeingriffe notwendig werden, etwa bei Kapselfibrose, Implantatproblemen oder Veränderungen der Brustform. Speziell wenn eine Bestrahlung notwendig ist, ist ein Implantat nicht die erste Wahl.
Bei der Eigengeweberekonstruktion wird körpereigenes Gewebe – beispielsweise Haut und Fett aus dem Unterbauch oder Oberschenkel – zur Brustformung verwendet. Ein häufig eingesetztes Verfahren ist die sogenannte Lappenplastik. Der Vorteil liegt darin, dass sich die Brust natürlich anfühlt und mit dem Körpergewicht und dem Alter mitverändert. Dafür ist die Operation komplexer, dauert länger und hinterlässt zusätzlich eine Narbe an der Entnahmestelle. Auch hier gibt es spezifische Risiken.
Die Wahl hängt unter anderem von der Anatomie, den vorhandenen Gewebereserven, der geplanten oder bereits erfolgten Bestrahlung, dem allgemeinen Gesundheitszustand und den persönlichen Wünschen ab. Auch der Lebensstil und die Bereitschaft zu einer längeren Erholungsphase spielen eine Rolle. Mein Ziel ist es, nicht ein Verfahren zu bevorzugen, sondern dasjenige zu finden, das medizinisch und persönlich am besten zur Patientin passt.
Wie wichtig sind Eigenfetttransfer und die Rekonstruktion der Brustwarze für das Endergebnis?
Der Eigenfetttransfer ist ein wichtiges Instrument, um die rekonstruierte Brust zu optimieren. Dabei wird Fett an einer anderen Körperstelle abgesaugt, aufbereitet und in die Brust eingebracht. So lassen sich Konturen verbessern, kleinere Asymmetrien ausgleichen und Übergänge zwischen rekonstruierter Brust und Brustwand weicher gestalten. Bei bestrahltem Gewebe kann der Fetttransfer in ausgewählten Fällen auch zur Verbesserung der Gewebequalität beitragen. Allerdings wächst nicht das gesamte transplantierte Fett dauerhaft an, sodass mehrere Sitzungen notwendig sein können.
Die Rekonstruktion der Brustwarze und des Warzenhofs bildet häufig den letzten Schritt. Die Brustwarze kann beispielsweise aus lokalem Gewebe geformt werden; der Warzenhof wird oft durch medizinische Tätowierung rekonstruiert.
Diese Details können einen großen Unterschied für das Gesamtbild machen, weil sie die Brust optisch vervollständigen. Sie sind meiner Meinung nach das i-Tüpfelchen der Rekonstruktion.
Beide Maßnahmen sind keine bloßen Nebensächlichkeiten. Sie tragen dazu bei, das Ergebnis zu verbessern, da eine Brust ohne Brustwarze nie „normal“ aussieht.
Mit welchen Komplikationen müssen Frauen realistisch rechnen, und wie oft sind weitere Eingriffe nötig?
Wie bei jeder Operation gibt es auch bei der Brustrekonstruktion Risiken. Dazu gehören Wundheilungsstörungen, Infektionen, Blutergüsse und Flüssigkeitsansammlungen. Bei Implantaten können zusätzlich Kapselfibrose, Implantatverschiebungen oder eine unbefriedigende Brustform auftreten.
Bei Eigengeweberekonstruktionen sind unter anderem Fettgewebsnekrosen, Durchblutungsprobleme des transplantierten Gewebes und Komplikationen an der Entnahmestelle möglich. In seltenen Fällen kann ein Implantat entfernt werden müssen oder ein Gewebetransfer scheitern.
Wie hoch das individuelle Risiko ist, hängt unter anderem vom Verfahren, von Begleiterkrankungen, Rauchen, Bestrahlung und den Gewebeverhältnissen ab. Deshalb wäre es unseriös, eine einzige Komplikationsrate für alle Patientinnen und Rekonstruktionsverfahren anzugeben.
Patientinnen sollten außerdem wissen, dass eine Brustrekonstruktion häufig mehrere Schritte umfasst. Korrekturen der Kontur, ein Eigenfetttransfer, eine Angleichung der Gegenseite oder die Rekonstruktion der Brustwarze können dazugehören. Das ist nicht automatisch ein Zeichen für eine misslungene erste Operation, sondern kann Teil eines geplanten Rekonstruktionskonzepts sein. Entscheidend ist, dass die Patientin bereits vor dem ersten Eingriff eine realistische Vorstellung vom gesamten Behandlungsweg erhält.
Kehrt das Gefühl in die rekonstruierte Brust zurück?
Das ist eine wichtige Frage, denn Sensibilität wird bei der Planung häufig unterschätzt. Nach einer Mastektomie sind Haut und Brustwarze oft deutlich weniger empfindlich oder vollständig taub, weil sensible Nerven durchtrennt werden können. Auch nach einer Rekonstruktion mit Implantat oder Eigengewebe kehrt das ursprüngliche Gefühl nicht automatisch zurück.
Im Verlauf kann es zu einer gewissen spontanen Erholung der Sensibilität kommen. Wie ausgeprägt diese ist, hängt unter anderem von der Operationstechnik, den erhaltenen Nervenstrukturen und individuellen Heilungsprozessen ab.
Generell kann man bei keiner OP versprechen, dass die Sensibilität nicht verändert ist, aber es gibt durchaus auch Frauen, die wieder ein ganz normales Gefühl in der Haut bekommen.
Erschwert ein Brustaufbau die Nachsorge oder das Erkennen eines Rückfalls?
Grundsätzlich sollte eine Brustrekonstruktion die leitliniengerechte onkologische Nachsorge nicht verhindern. Die Nachsorge hängt von der ursprünglichen Krebserkrankung und der durchgeführten Operation ab.
Nach einer Mastektomie wird die Nachsorge in der Regel anders gestaltet als nach einer brusterhaltenden Operation. Bei einer rekonstruierten Brust stehen insbesondere die klinische Untersuchung und die Beurteilung möglicher neuer Veränderungen im Vordergrund. Bei einem konkreten Verdacht können Ultraschall, MRT oder andere geeignete bildgebende Verfahren eingesetzt werden. Welche Untersuchungen routinemäßig erforderlich sind, hängt von der individuellen Situation und dem Rekonstruktionsverfahren ab.
Patientinnen sollten wissen, dass neue Knoten, Schwellungen, Hautveränderungen, anhaltende Schmerzen oder andere auffällige Veränderungen ärztlich abgeklärt werden müssen. Bei Implantaten kommen gegebenenfalls zusätzliche Untersuchungen zur Beurteilung des Implantats hinzu. Eine gute Abstimmung zwischen Brustzentrum und niedergelassenem Gynäkologen ist deshalb besonders wichtig.
Welche Mythen rund um den Brustaufbau hören Sie in Ihrer Sprechstunde am häufigsten?
Ein verbreiteter Mythos ist, dass eine Brustrekonstruktion immer zu einem künstlichen Ergebnis führt. Das stimmt nicht. Mit den heutigen Verfahren lassen sich sehr natürliche Ergebnisse erzielen. Gleichzeitig sollte man ehrlich sagen, dass eine rekonstruierte Brust weder in Aussehen noch in Gefühl vollständig einer natürlichen Brust entsprechen muss.
Ein weiterer Irrtum ist, dass eine Rekonstruktion die Krebsbehandlung verzögert oder einen Rückfall grundsätzlich schwerer erkennbar macht. Bei sorgfältiger Planung und enger Zusammenarbeit mit dem onkologischen Team und Gynäkologen besteht kein erhöhtes Rezidivrisiko aufgrund einer Rekonstruktion.
Manche Frauen glauben außerdem, dass sie sich unmittelbar nach der Mastektomie entscheiden müssen. In vielen Fällen ist auch eine spätere Rekonstruktion möglich. Umgekehrt ist die Vorstellung falsch, eine Sofortrekonstruktion sei grundsätzlich die bessere Lösung. Der optimale Zeitpunkt hängt von der individuellen Tumorsituation und der weiteren Behandlung ab.
Der vielleicht wichtigste Mythos ist aber, dass jede Frau nach einer Mastektomie eine Rekonstruktion braucht, um sich wieder vollständig als Frau zu fühlen. Weiblichkeit und Körpergefühl sind sehr individuell. Eine Rekonstruktion kann viel bewirken – sie ist aber eine persönliche Option und keine Voraussetzung dafür, sich im eigenen Körper wieder wohlzufühlen.

Implantat oder Eigengewebe, sofort oder erst nach der Therapie – oder vielleicht gar kein Brustaufbau? Plastische Chirurgin Dr. Juliane Bodo erklärt, welche Rolle eine Bestrahlung spielt, mit welchen Risiken man rechnen muss und warum niemand diese Entscheidung unter Druck treffen sollte.
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