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27. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Millimeterkleine Tumore, immer präzisere Bilder, neue Möglichkeiten durch KI: Die Krebsdiagnostik macht enorme Fortschritte. Radiologe Prof. Dr. Anno Graser erklärt, was davon Patienten tatsächlich nützt – und wo die Medizin noch an Grenzen stößt

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Anno Graser
Bei der Krebsfrüherkennung scheint die Rechnung zunächst einfach: Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto besser. Doch ganz so einfach ist es nicht. Manche Tumore wären womöglich nie gefährlich geworden, andere wachsen so schnell, dass selbst eine frühe Diagnose nicht automatisch einen Vorteil bringt.
Prof. Dr. Anno Graser, Facharzt für Radiologie und Gesellschafter der Radiologie München, erklärt im Interview, was CT und MRT heute leisten können, wann Früherkennung Leben rettet – und welche Rolle KI künftig spielen könnte.
Wie früh lässt sich Krebs heute mit moderner Bildgebung erkennen?
Wir können manche Tumore heute bereits im Millimeterbereich erkennen – häufig lange bevor sie Beschwerden verursachen. Eine allgemeine Aussage wie „Krebs ist fünf Jahre vorher sichtbar“ wäre aber unseriös. Das hängt vom Organ, vom Untersuchungsverfahren und vor allem von der Biologie des Tumors ab.
Dabei geht es nicht nur um die Größe. Ein kleiner Lungenknoten hebt sich beispielsweise gut vom luftgefüllten Lungengewebe ab. Ein ähnlich kleiner Tumor in einem anderen Organ kann dem gesunden Gewebe dagegen sehr ähnlich sehen. Die MRT liefert zusätzlich Informationen über Gewebestruktur, Wassermolekülbeweglichkeit und Durchblutung, die uns bei der Einordnung helfen.
Wichtig ist die Unterscheidung: Eine Veränderung zu sehen bedeutet noch nicht, sie sicher als Krebs zu identifizieren. Und ein kleiner Tumor ist nicht automatisch biologisch früh. Unser Ziel ist, eine gefährliche Erkrankung in einem Stadium zu entdecken, in dem wir ihren Verlauf noch entscheidend beeinflussen können.
Bei welchen Krebsarten wissen wir wirklich, dass Früherkennung Leben retten kann?
Die belastbarsten randomisierten Nachweise für radiologische Screeningverfahren haben wir bei der Mammographie zur Brustkrebsfrüherkennung und beim Niedrigdosis-CT der Lunge für Menschen mit erhöhtem Risiko.
Beim Lungenkrebs haben große Studien gezeigt, dass ein strukturiertes CT-Screening die Lungenkrebssterblichkeit relativ um ungefähr 20 bis 24 Prozent senken kann. Diese Aussage gilt für die untersuchten Risikogruppen, nicht automatisch für die gesamte Bevölkerung. Seit April 2026 ist die mittels Niedrigdosis-CT für anspruchsberechtigte gesetzlich Versicherte verfügbar. Voraussetzung sind ein Alter zwischen 50 und 75 Jahren sowie bestimmte Kriterien zu Rauchdauer und Tabakkonsum.
Bei der Prostata muss man genau unterscheiden: Für PSA-basierte Früherkennung gibt es einen langfristigen Nachweis einer verminderten Prostatakrebssterblichkeit. Die MRT verbessert heute die Auswahl für eine Biopsie und hilft, unnötige Diagnosen zu vermeiden. Der zusätzliche Mortalitätsnutzen der MRT selbst ist damit aber noch nicht bewiesen.
Mehr frühe Diagnosen sind also zunächst ein diagnostischer Erfolg. Ob daraus auch weniger Todesfälle werden, muss gesondert untersucht werden.
Wo stößt die Bildgebung an ihre Grenzen?
Schwieriger ist die Früherkennung beispielsweise beim Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei aggressiven Eierstock- beziehungsweise Eileiterkarzinomen. Hier können frühe Veränderungen extrem schwierig zu entdecken sein, während sich die Erkrankung biologisch bereits weiterentwickelt. Auch wachsen solche Tumore häufig zu schnell, als dass eine frühe Erkennung einen wirklichen Überlebensvorteil böte.
Auch bei oberflächlichen Schleimhautveränderungen haben CT und MRT Grenzen. Für Vorstufen kleiner Tumore im Magen, im Darm und in der Harnblase sind andere Verfahren, insbesondere die Endoskopie, entscheidend. Es gibt deshalb keine einzelne bildgebende Untersuchung, die sämtliche Krebsarten zuverlässig im Frühstadium erkennt.
Können Sie Tumore sehen, die noch jahrelang keine Beschwerden verursacht hätten?
Ja. Das ist einerseits die Chance der Früherkennung, andererseits ihre zentrale Herausforderung. Wir können Tumore entdecken, die erst Jahre später Beschwerden bereiten würden. Bei einem Teil wären im verbleibenden Leben möglicherweise überhaupt keine Beschwerden entstanden.
Das betrifft beispielsweise bestimmte langsam wachsende Prostatakarzinome oder einzelne sehr langsam wachsende Lungentumore. Entscheidend ist: Ein solcher Befund ist nicht automatisch eine Fehldiagnose. Es kann sich tatsächlich um Krebs handeln, dessen Entdeckung dem Menschen trotzdem keinen gesundheitlichen Vorteil bringt. Das nennen wir Überdiagnose.
Deshalb darf aus „Wir haben etwas entdeckt“ nicht automatisch „Wir müssen sofort behandeln“ werden. Bei geeigneten Tumoren kann eine strukturierte aktive Überwachung die bessere Strategie sein. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Fälle zuverlässig von denjenigen zu unterscheiden, bei denen wir keine Zeit verlieren dürfen.
Kann Bildgebung erkennen, welcher Brust- oder Prostatatumor behandelt werden muss?
Sie kann uns bei dieser Unterscheidung erheblich helfen, aber sie kann die Entscheidung nicht allein treffen. Bildgebung zeigt nicht nur die Größe eines Tumors, sondern auch seine Struktur, Durchblutung, Ausbreitung und Veränderungen im Verlauf. Daraus lassen sich Hinweise auf seine biologische Aggressivität gewinnen – allerdings keine sichere individuelle Zukunftsprognose.
Bei der Prostata ist dieser Fortschritt besonders gut belegt. Mit der MRT können wir die Diagnostik stärker auf klinisch relevante Tumore ausrichten und unnötige Biopsien sowie die Entdeckung wenig bedrohlicher Tumore reduzieren. Eine unauffällige MRT schließt einen relevanten Tumor aber nicht vollständig aus.
Bei Brustkrebs benötigen wir für die Therapieentscheidung in aller Regel zusätzlich die Gewebeuntersuchung und Informationen über die Tumorbiologie. Insgesamt gilt: Ob behandelt oder aktiv überwacht wird, entscheiden wir aus dem Zusammenspiel von Bildgebung, Histologie, klinischem Risiko, Lebenserwartung und den Wünschen des Patienten.
Warum untersucht man nicht vorsorglich viel mehr Menschen per CT?
Weil der Nutzen einer Untersuchung nicht nur davon abhängt, wie gut das Gerät ist, sondern auch davon, wie wahrscheinlich die gesuchte Erkrankung bei den untersuchten Menschen überhaupt ist.
Bei langjährigen Rauchern finden wir vergleichsweise häufig behandlungsbedürftigen Lungenkrebs. Bei Menschen mit sehr niedrigem Risiko finden wir dagegen viele harmlose Knötchen und nur wenige gefährliche Tumore. Daraus können Kontrolluntersuchungen, Ängste und gelegentlich auch invasive Eingriffe entstehen. Hinzu kommen Überdiagnosen und eine geringe, aber bei wiederholten CT-Untersuchungen nicht bedeutungslose Strahlenexposition.
Die Schlussfolgerung ist deshalb nicht, möglichst wenig zu untersuchen. Wir sollten die Menschen mit relevantem Risiko besser erreichen und die Auswahl weiter verbessern. Gute Früherkennung besteht aus Risikobewertung, qualitätsgesicherter Bildgebung und klaren Regeln für auffällige Befunde. Ein einzelner CT-Termin allein ist noch kein Screeningprogramm.
Kann die KI Veränderungen erkennen, die ein Radiologe noch nicht als Krebs identifizieren würde?
Ja, das ist grundsätzlich möglich, und für bestimmte Anwendungen gibt es bereits überzeugende Forschungsdaten. KI kann sehr subtile Kombinationen aus Gewebestruktur, Dichte und räumlichen Mustern auswerten, die für das menschliche Auge schwer zu erfassen sind.
Dabei müssen wir aber zwei Dinge unterscheiden: Erkennt die KI einen bereits vorhandenen, bisher übersehenen Tumor? Oder erkennt sie Merkmale, die lediglich auf ein erhöhtes Risiko für eine spätere Krebserkrankung hinweisen? Das ist medizinisch ein großer Unterschied.
Ein hoher Risikowert bedeutet noch nicht, dass bereits Krebs vorhanden ist. Besonders interessant wäre, auf dieser Grundlage Untersuchungsintervalle individuell anzupassen oder vorhandene Aufnahmen gezielter nachzubefunden. Bevor daraus eine breite Anwendung wird, müssen wir aber zeigen, dass die Ergebnisse auch in anderen Kliniken zuverlässig sind und die daraus abgeleiteten Entscheidungen den Menschen tatsächlich helfen.
Wenn Sie die Krebsfrüherkennung an einer Stelle entscheidend verbessern könnten: Wo würden Sie ansetzen?
Ich würde die Niedrigdosis-CT zur Lungenkrebsfrüherkennung wählen. Hier haben wir bereits einen belastbaren Nachweis, dass wir bei Menschen mit erhöhtem Risiko Todesfälle verhindern können.
Meine wichtigste Verbesserung wäre allerdings nicht einfach eine noch höhere Auflösung. Ich würde die Untersuchung konsequenter personalisieren: Wer hat ein ausreichend hohes Risiko? Wer braucht welches Untersuchungsintervall? Und bei welchem kleinen Lungenknoten reicht eine Kontrolle, statt sofort eine invasive Abklärung einzuleiten?
KI könnte uns bei dieser Risikoeinschätzung und bei der Beurteilung des Wachstums unterstützen. Ebenso wichtig sind ein einfacher Zugang für die berechtigten Menschen, eine verlässliche Weiterbetreuung und Angebote zum Rauchstopp.
Wenn ich nur eine Sache verbessern dürfte, dann wäre es also die Treffsicherheit des gesamten Programms: die gefährlichen Tumore rechtzeitig finden und gleichzeitig möglichst wenige Menschen durch unnötige Abklärungen belasten.
Die Zukunft der Krebsfrüherkennung liegt nicht darin, bei jedem Menschen immer mehr zu finden. Sie liegt darin, gefährliche Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen – und zugleich möglichst sicher zu wissen, welche Veränderungen wir beobachten können, ohne sofort behandeln zu müssen.

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