
© Freepik
23. März 2026
PMC Redaktion
Prostatakrebs erkennen bevor es zu spät ist: Urologe Dr. Daniel Kaminski und Radiologe Dr. Johannes Stieß erklären, wie MRT-Fusionsbiopsie und KI die Früherkennung revolutionieren


© PMC
Mit
Dr. med. Daniel Kaminski und Dr. med. Johannes Stieß
Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes – in Deutschland, aber auch weltweit. Jährlich erkranken hierzulande zwischen 65.000 und 75.000 Männer neu, rund 15.000 sterben daran. Und doch lautet die entscheidende Frage in der Onkologie nicht immer, ob ein Tumor vorhanden ist, sondern was er bedeutet.
„Stirbt man an dem Tumor oder mit dem Tumor?", fasst Dr. Daniel Kaminski, Facharzt für Urologie, die klinische Kernfrage während seines Vortrags bei der PMC Conference 2026 zusammen. Bei einer 5-Jahres-Überlebensrate von über 90 Prozent ist das keine rhetorische Übung, sondern medizinische Realität: Viele Männer, die mit einem Prostatakarzinom leben, werden letztlich an einer anderen Ursache sterben.
Das mediane Erkrankungsalter liegt bei Mitte bis Ende 60, doch Kaminski betont, dass die Erkrankung bereits ab etwa 40 bis 45 Jahren beginnen kann – weshalb er die Vorsorge konsequent ab dem 40. Lebensjahr empfiehlt, abhängig von Alter und familiärer Vorbelastung. Wer einen Vater oder Bruder mit Prostatakrebs hat, sollte früher beginnen.
Um zu verstehen, wie gefährlich ein Tumor wirklich ist, braucht es mehr als ein einfaches „gut" oder „bösartig". Der amerikanische Histopathologe Donald Gleason entwickelte deshalb in den 1960er und 70er Jahren ein System, das bis heute Standard ist. Kaminski erklärt das Prinzip so: „Je niedriger der Gleason-Score, desto weniger bösartig ist der Tumor – je höher, desto schneller wächst er."
Die Skala reicht von 6 bis 10, wobei stets zwei Werte addiert werden – das häufigste und das zweithäufigste Wachstumsmuster im Biopsiematerial. Ein Gleason-Score von 7 kann dabei 3+4 oder 4+3 bedeuten – und dieser Unterschied ist klinisch relevant: 4+3 ist ungünstiger als 3+4, obwohl die Summe identisch ist.
Jahrzehntelang war die sogenannte Blindbiopsie das Standardverfahren: Bei erhöhtem PSA-Wert und Tumorverdacht wurden systematisch Gewebeproben entnommen – ohne bildgebende Grundlage dafür, wo im Organ der Tumor tatsächlich sitzt. Die Ergebnisse waren ernüchternd. „In 40 Prozent der Fälle wurden signifikante Tumore verfehlt, in ebenso vielen Fällen wurden klinisch insignifikante Tumore entdeckt – also unnötige Befunde produziert", schildert Kaminski die damalige Situation.
Hinzu kam das Phänomen des Undergradings: In 40 Prozent der Fälle wurden aggressivere Tumoranteile erst im Operationspräparat entdeckt, weil die Biopsie sie schlicht nicht getroffen hatte.
Das Problem liegt in der Biologie der Erkrankung: Prostatakarzinome wachsen multifokal, also an mehreren Stellen gleichzeitig. Eine blinde Nadel trifft mal mehr, mal weniger – und zu oft das Falsche.
Der Ausweg aus diesem Dilemma kam aus der Radiologie. Die multiparametrische MRT der Prostata – kurz mpMRT – ist seit etwa 15 Jahren verfügbar und hat die Diagnostik grundlegend verändert. Dr. Johannes Stieß, Ko-Vortragender und Facharzt für Radiologie, erläutert das Prinzip:
„Die Bezeichnung ‚multiparametrisch' verweist auf die drei Bausteine, die in einer einzigen Untersuchung von rund 20 Minuten kombiniert werden." Erstens die hochauflösende anatomische Bildgebung in drei Schnittebenen; zweitens die Diffusionsbildgebung, die die Beweglichkeit von Wassermolekülen im Gewebe misst; und drittens die Perfusionsanalyse, die nach Kontrastmittelgabe die Durchblutung sichtbar macht.
Besonders der zweite Baustein markierte den Durchbruch: In Tumorgewebe ist die Zelldichte erhöht, Wassermoleküle stoßen an Zellkerne und Membranen und können sich kaum frei bewegen – dieser Unterschied wird von der MRT registriert und als helle Signalveränderung sichtbar gemacht.
„Dieser Baustein war der eigentliche Durchbruch für den Erfolg der Prostata-MRT", sagt Stieß. Die Kombination aller drei Parameter ermöglicht eine Trefferquote von rund 90 Prozent – sowohl für den Nachweis als auch für den Ausschluss eines Tumors, und das ab einer Größe von drei Millimetern.
Wie wichtig diese Präzision im Alltag ist, zeigt ein Fallbeispiel aus dem Jahr 2013: Ein 68-jähriger Patient mit einem PSA-Anstieg auf 8,2 ng/ml und einem an Prostatakrebs erkrankten Vater erhielt beim niedergelassenen Urologen eine konventionelle Blindbiopsie – Ergebnis: unauffällig.
Die MRT hatte jedoch eine hochsuspekte Läsion gezeigt. Nach Überweisung an die Universitätsklinik Heidelberg zur gezielten Biopsie fand sich dort ein aggressiver Tumor mit Gleason-Score 9 und 1,3 Zentimetern Ausdehnung – exakt an der Stelle, die die MRT markiert hatte. Die Blindbiopsie hatte das Areal schlicht verfehlt.
Was die klinische Erfahrung nahegelegt hatte, bestätigte 2018 die PRECISION-Studie, veröffentlicht im renommierten New England Journal of Medicine. Kaminski nennt sie einen „echten Paradigmenwechsel in der urologischen Diagnostik": Im Vergleich zur Blindbiopsie wurden mit dem MRT-gestützten Ansatz 12 Prozent mehr klinisch signifikante Karzinome entdeckt, gleichzeitig 13 Prozent weniger klinisch insignifikante Tumore – und 25 Prozent weniger Biopsien waren insgesamt nötig. Seitdem gilt der Grundsatz: erst MRT, dann gezielte Biopsie.
Diesen Standard hat die aktualisierte S3-Leitlinie von 2025 nun verbindlich verankert. Der empfohlene Algorithmus sieht vor: erhöhter PSA-Wert – urologische Risikobewertung – hochqualifizierte multiparametrische MRT der Prostata.
Damit MRT-Befunde vergleichbar und handlungsleitend werden, wurde die PI-RADS-Klassifikation eingeführt – ein fünfstufiges Bewertungssystem, angelehnt an das aus der Brustdiagnostik bekannte BI-RADS-System. „PI-RADS gibt die Wahrscheinlichkeit eines klinisch signifikanten Tumors auf einer Skala von 1 bis 5 an", erklärt Stieß. Befunde der Kategorien 1 und 2 bedeuten keine Biopsie, Kategorie 3 erfordert eine individuelle Entscheidung mit Verlaufskontrolle nach 9 bis 12 Monaten, bei Kategorie 4 und 5 ist die MRT-Fusionsbiopsie empfohlen.
Das Herzstück der modernen Prostatadiagnostik ist die MRT-Fusionsbiopsie – ein Verfahren, das die Bildwelten zweier Disziplinen technisch zusammenführt. Der Radiologe markiert zunächst den Tumor und die Prostatakontur im MRT-Datensatz. Diese Markierungen werden dann per Spezialsoftware auf das Ultraschallgerät des Urologen übertragen und mit dem Echtzeit-Ultraschall fusioniert. Das Ergebnis: Der Urologe sieht während der Biopsie genau, wohin die Nadel muss.
Der Eingriff wird ambulant und transrektal durchgeführt, mit einem mehrstufigen Schmerzmanagement aus lokalen Betäubungszäpfchen, intravenöser Schmerzmedikation und einem periprostatischen Lokalanästhetikum. Kaminski formuliert das Ziel klar: „Wir wollen, dass der Patient nur einmal biopsiert werden muss."
Ein wesentlicher Qualitätsfaktor ist dabei das Vier-Augen-Prinzip. In der Praxis der beiden Spezialisten ist es Stieß selbst, der die Tumorareale in den MRT-Datensatz einzeichnet – und er ist während der Biopsie persönlich anwesend, um in Echtzeit Anpassungen vornehmen zu können.
„Dieses Prinzip trägt entscheidend zur hohen Trefferquote von 90 bis 95 Prozent bei", sagt Kaminski – die Literatur gibt vergleichbare Werte mit 70 bis 90 Prozent an. Unter den rund 850 bisher biopsierten Patienten waren relevante Komplikationen selten: sechs Nachblutungen mit stationärer Aufnahme, drei Prostatitiden. Gleichzeitig muss heute nur noch rund ein Viertel aller Patienten mit erhöhtem PSA tatsächlich biopsiert werden – früher waren es zwei Drittel.
Der nächste Schritt ist bereits im Gange. Eine Software eines Berliner Start-ups analysiert MRT-Daten automatisch, zeichnet suspekte Areale ein, erstellt die Prostatakontur und bereitet den Datensatz für die Fusionsbiopsie vor. „Vor zwei Jahren lag die Trefferquote bei rund 50 Prozent ", räumt Stieß offen ein. Heute seien es bereits 80 Prozent, und die Entwicklung sei „nicht aufzuhalten".
Die KI soll perspektivisch den Datensatz direkt vom Ultraschallgerät übernehmen können, ohne manuelles Einzeichnen. „Die KI ist noch nicht perfekt, wird aber kontinuierlich besser – schon jetzt verbessert sie den diagnostischen Workflow signifikant", so Stieß.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass medizinischer Fortschritt selten aus einer einzelnen Innovation kommt. Die Revolution in der Prostatakrebs-Diagnostik ist das Produkt von präziserer Bildgebung, intelligenterer Klassifikation, interdisziplinärer Kooperation – und zunehmend auch von maschinellem Lernen. Für den Patienten bedeutet das: weniger unnötige Biopsien, weniger verpasste Diagnosen und eine deutlich höhere Chance, den richtigen Tumor zum richtigen Zeitpunkt zu finden.